23. April 2017

Abschiednehmen will geübt sein

Abschiednehmen - meinefamilie.at

Das Kind von der Freundin oder vom Kindergarten abzuholen, kann manchmal ein schwieriges Unterfangen sein. Das Abschiednehmen gehört zur persönlichen Reife des Kindes und wird leichter, wenn die Eltern richtig reagieren.

Wer kennt diese Situation nicht? Ich bin zu Besuch bei einer Freundin mit zwei kleinen Kindern. Zuerst will das Spielen mit den Gastgeberkindern nicht so recht klappen, alle fünf Minuten kommt ein Kind vorbei und braucht etwas. Kurz vor dem Gehen, der Abend rückt näher, spielen alle Kinder so vertieft und gut miteinander, dass an ein Gehen nicht zu denken ist. Wenn ich den Abschied einläute, heißt es nur „Mami, wir wollen nicht“, und ohne überhaupt zu mir zu schauen, wird noch länger weitergespielt. Am Ende erreiche ich meinen Rückzug nur mit einem brüllenden Kind unterm Arm, während das andere sich unter der Bedingung bereiterklärt hat zu gehen, dass es ein Spielzeug des Gastgebers ausborgen darf, ein Zuckerl für die Heimreise bekommt und zuhause noch eine zusätzliche Abendgeschichte vorgelesen bekommt.

Oder gehören wir zu jenen Müttern, die mindestens eine halbe Stunde brauchen, um den Kindergarten zu verlassen, weil es nicht früher möglich war, unser Kind dazu zu bewegen, mit uns zu kommen? Kaum betreten wir den Kindergarten, versteckt es sich in einer Ecke und tut so, als wären wir gar nicht da. Nach zahlreichen Überredungskünsten muss noch fertig gespielt, dann aufgeräumt werden. Immerhin gehen sich ein paar Plaudereien mit der Pädagogin und zwei Müttern aus. Und außerdem bin ich ja froh, dass mein Kind so gern in den Kindergarten geht, dass es nicht einmal nach Hause möchte. Müde von dem intensiven Vormittag mag es sich nicht anziehen. Es bleibt sowieso keine Zeit für weitere Verhandlungen, also gehe ich ans Werk und ziehe es selber an. Beide verlassen wir missmutig den Kindergarten.

Abschiednehmen können gehört zur Entwicklung

Abschiednehmen - meinefamilie.at
Das Nach-Hause-Gehen will angekündigt sein, damit die Reaktion nicht ausartet.

Wie können Abschiede zu einem weniger zermürbenden Ereignis für alle Beteiligten werden, sodass man nicht jedes Mal genervt und viel zu spät den Kriegsschauplatz verlassen muss?

Kindern fällt es schwer, eine Tätigkeit zu beenden, an der sie gerade Freude haben, oder einen Ort zu verlassen, wenn sie sich dort wohlfühlen. Manchmal ist es auch schlicht der Situationswechsel, der ihnen zu schaffen macht. Trotzdem ist es wichtig, dass sie lernen damit zurechtzukommen, da es manchmal die Zeit, andere Mal die Höflichkeit oder schlicht und einfach die Notwendigkeit verlangt, dass man Abschied nimmt, so schön es dort gewesen sein mag. Schließlich naht oft eine Essenszeit, oder ein Geschwisterkind wartet im Auto, vielleicht ist der Gastgeber auch schon müde oder hat noch andere Verpflichtungen.

Es ist ein wichtiger Aspekt der Reife, dass Kinder lernen zu gehen, wenn Mama oder Papa zum Gehen oder Schlussmachen auffordern.

# Das Ende ankündigen

Eine große Hilfe für jedes Kind ist es, dieses rechtzeitig vorzuwarnen und zwar in einer Weise, dass es sich darunter etwas vorstellen kann. „Wenn Mama den Kaffee ausgetrunken hat, gehen wir“ oder „Ihr dürft noch das Spiel zu Ende spielen, dann helfen wir aufräumen und gehen nach Hause.“ Entscheidend ist, dass wir selber uns an die Vorgaben halten, die wir gesetzt haben. Denn hat das Kind einmal verstanden, dass Mami es nicht so ernst damit meint, haben die Vorgaben keinerlei Wirkung.

# Rechtzeitig beginnen und Abschied nicht ewig in die Länge ziehen

Mit dem Abschied beginnen, bevor wir bereits selber unter Spannung stehen, hilft meist, chaotische Abgänge zu verhindern. Sollten wir uns einmal entschlossen haben zu gehen, sollten wir dies ruhig, aber zügig durchziehen und nicht durch Tür- und Angelgespräche so in die Länge ziehen, dass unsere Kinder schon allein dadurch lernen, das Schluss machen ein sehr dehnbarer Begriff sein kann.

# Sichtbare Zeichen setzen

Je kleiner das Kind, desto wichtiger ist es, erkennbare Zeichen setzen, dass wir gehen. Wir können zu ihm gehen und beim Aufräumen helfen, dann kann es sich noch etwas an den Gedanken gewöhnen, dass der Abschied naht. Oder wir nehmen das Kind an der Hand und gehen in Richtung Ausgang. Setzt sich das Kind zur Wehr, ist es wichtig, dass wir mit unserem Vorhaben fortfahren. Wir gehen selber zur Tür, ziehen uns an und verabschieden uns laut und deutlich. Im äußersten Fall werden wir das Kind anziehen müssen und es einfach mitnehmen. Wenn wir aber stattdessen weiterplaudern, uns womöglich noch einen Kuchen nehmen und darauf warten, dass unser Kind Lust hat zu gehen, wird unser Kind unsere Aufforderungen auch beim nächsten Mal nicht ernst nehmen.

# Keine Belohnungen versprechen, aber Aussicht auf das Danach

Wir dürfen unserem Kind durchaus zumuten, eine Alltäglichkeit auch ohne Belohnung zu bewältigen.

Auch sollte ein Gastgeber nicht sein Spielzeug als Einsatz benötigen, um uns loszuwerden. Aber eine freudige Erwartung auf danach: „Wenn wir rechtzeitig zuhause sind, gibt es noch eine schöne Gutenachtgeschichte“, „Papi wartet schon“, Mami hat heute etwas Besonderes gekocht“ oder „Heute nach dem Kindergarten gehen wir auf den Spielplatz, erinnerst du dich?“, kann dem Kind durchaus helfen, sich zu lösen. Gleichzeitig muss es lernen, mit natürlichen Konsequenzen umzugehen: „Wenn wir jetzt nicht heimfahren, wird sich die Geschichte nicht mehr ausgehen“, ist nichts anderes als die Folge unserer Handlung und hat meistens auch die stärkste Wirkung.

# Im Vorfeld besprechen

Hilfreich ist, es im Vorfeld unseres Besuches oder unabhängig vom Kindergarten das Thema anzusprechen. Auf dem Weg zur Oma können wir unseren Kindern erklären, dass Oma irgendwann einmal müde sein wird und es dann richtig ist, nach Hause zu fahren und wir uns wünschen, dass wenn wir zum Gehen rufen, dies auch geschieht. Oder dass es uns traurig macht, wenn wir in den Kindergarten kommen und sich unser Kind vor uns versteckt und nicht mitkommen mag. Kinder sind für solche Aufforderungen außerhalb der Konfliktsituation, in der alle meist schon müde und überdreht in einen Machtkampf schlittern, sehr gut zu haben. Außerdem hilft es ihnen, zu verstehen, dass die Aufforderung zum Gehen nicht nach Lust und Laune von Mami geschieht, sondern dass es gilt, auch auf andere Rücksicht zu nehmen.

Haben wir Abschiednehmen auf diese Weise ein paar Mal konsequent geübt, können wir damit rechnen, dass unsere Kinder diesen Schritt in Zukunft gut meistern werden.

GFO, Gesellschaft für Familienorientierung - meinefamilie.at

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