10. November 2014

Dem Kind Spaß an Büchern vermitteln


„Jakob mag keine Bücher und er mag es auch nicht, wenn ich ihm vorlese“, sagt eine Freundin zu mir, „aber das kommt bestimmt noch.“ Jakob ist 3. Und er mag keine Geschichten.

9 Tipps, um deinem Kind Bücher schmackhaft zu machen

„Jakob mag keine Bücher und er mag es auch nicht, wenn ich ihm vorlese“, sagt eine Freundin zu mir, „aber das kommt bestimmt noch.“ Jakob ist 3. Und er mag keine Geschichten, keine Bücher? Wirklich nicht? Ich bin skeptisch. Ja, klar, nicht jedes Kind ist so ein Bücherfreund wie meines. Aber dass Kinder gar keine Bücher mögen und sich gar nicht freuen, wenn ihnen vorgelesen wird?

„Lesen ist Abenteuer im Kopf“ hat es schon geheißen, als ich ein Kind war. Und genauso ist es mit dem Vorlesen. Dieses Abenteuer sollte man seinem Kind auf jeden Fall gönnen! Nicht zuletzt bedeutet, sich mit der Erkenntnis „Mein Kind mag es nicht, dass ich ihm vorlese“ abzufinden ja auch, sich selbst eine Menge Spaß und Freude zu nehmen.

Ich würde es demnach als gewinnbringend für alle Beteiligten bezeichnen, wenn man Durchhaltevermögen beweist. Vielleicht mag Jakob ja auch einfach einmal eine Feuerwehrgeschichte hören und nicht die 100. Schilderung über das Leben am Bauernhof. Oder er findet es gar nicht gemütlich auf der Couch zu sitzen, sondern möchte viel lieber auf dem Boden liegend zuhören.

Hier ein paar Tipps – praxiserprobt übrigens und durchwegs erfolgreich – wie die Liebe zum Buch vielleicht entdeckt werden kann:

Mein Sohn war noch kein halbes Jahr alt, da haben wir begonnen, mit ihm Bücher anzuschauen, Geschichten vorzulesen bzw. zu den bunten Bildern zu erfinden. Wir haben das jeden Tag gemacht, etwa zur selben Zeit. Das war eigentlich so nicht geplant, aber es hat dem Kleinen die ersten Male so viel Freude gemacht, dass es bald fixer Bestandteil unseres Tages war. Ja, sicherlich, unseres Kindes „anschauen“ hatte anfangs ganz viel mit anknabbern, zerknittern, knicken, einreißen und ansabbern zu tun und die allerersten Bücher schauen auch dementsprechend aus. Aber wenn man als Eltern sieht, wie viel Freude dieses Erkunden mit sich bringt, dann wird man wahrscheinlich – so wie wir – auch die 17. Buchecke wohlwollend aus dem kleinen Mund herausholen und Risse geduldig wieder kleben.

Mein Papa liest mir auch manchmal den Wetterbericht vor

Vorlesen, vorlesen, vorlesen! Experten sind der Meinung, man könne nicht zu früh mit dem Vorlesen beginnen. Als mein Sohn noch nicht einmal auf der Welt war, habe ich den Erfahrungsbericht eines Pädagogen gelesen, der davon gesprochen hat, dass es gerade am Anfang, wenn die Kinder noch Babys sind, gar nicht so sehr darum geht, was vorgelesen wird, sondern, dass vorgelesen wird. Er brachte das Beispiel eines Physikers, der seiner Tochter regelmäßig aus hochwissenschaftlichen Büchern vorgelesen hat. Natürlich hat das Baby davon nicht wirklich etwas verstanden, aber es hat mitbekommen, was Interesse an einem Buch bedeutet, denn sein Vater hat ihr mit Begeisterung und Leidenschaft vorgelesen. Scheue dich also gerade am Anfang nicht davor, auch mal einen Zeitungsartikel vorzulesen oder aus einem Buch, das du besonders magst – auch wenn der Inhalt nicht ganz so kindgerecht oder pädagogisch wertvoll ist.

Wenn ich meinen Tagebuch-Aufzeichnungen vertrauen darf, dann hat mein Sohn etwa ab dem Alter von einem Jahr seine Gute-Nacht-Geschichte selber ausgesucht. Damals hatten wir einige große bunte Kisten, in denen wir seine Bücher aufbewahrt haben. Jeden Abend haben wir gesagt „Magst Du Dir ein Buch aussuchen?“ Und mit großer Freude hat er das fast jeden Abend auch gemacht: Ist zu seinen Kisten gestapft, hat meist gleich ein paar Bücher herausgenommen und uns mit einem klaren „da“ in die Hand gedrückt. Dann haben wir es uns auf einem gemütlichen Schaukelstuhl bequem gemacht und Geschichten gelesen. Erst danach ging’s ab ins Bett.

Meine Mama liest ja auch

Erziehungsratgeber kauen es durch, bis selbst interessierte Eltern es kaum mehr hören können: Kinder lernen durch Vorbilder. Auf’s Lesen umgelegt bedeutet das: Je mehr du selbst liest und je mehr Bücher Teil deines Alltags sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch ihre Kinder Bücher als Teil ihres Lebens sehen. Bei uns war das jedenfalls so. „U-Bahn-Buch“ – mein Ausdruck für jenes Buch, das ich lese, um langweilige, aber notwendige Öffi-Fahrten zu überbrücken, gehörte zu den ersten 3-Wort-Sätzen meines Sohnes. „U-Bahn-Buch mitnehmen“ kam nur knapp nach „Feuerwehr trara macht“ und „Ganz hoch schaukeln“.

Wie schon erwähnt: Am Anfang gab es die Bücherkisten. Doch es wurde bald klar, so gern, wie unser Kind Bücher hat und so gern, wie wir Kinderbücher kaufen, hat das Kistensystem auf Dauer keine Zukunft. So haben wir eines Tages ein zusätzliches wirklich großes Bücherregal für unser Wohnzimmer gekauft und unserem Sohn auch sofort dort viel Platz für seine Bücher eingeräumt – in den unteren Fächern, wo auch er gut hinkommen konnte. Er war darauf von Anfang an wirklich stolz. Mittlerweile holt er sich auch oft ein Buch heraus, setzt sich damit auf die Couch und versinkt so richtig in seiner „Lektüre“ – lesen kann er zwar noch nicht wirklich, aber das tut der Freude am Buch keinen Abbruch.

Für ein Buch habe ich (fast) immer Zeit

Am schönsten ist es natürlich, wenn ich, will mein Sohn eine Geschichte hören, mich entspannt mit ihm auf die Couch oder auf den Schaukelstuhl setzen kann und in aller Ruhe solange lese, bis wir beide im positivsten aller Sinne genug gehört haben.

Aber mich schnell einmal – auch wenn gerade viel zu tun ist – mit meinem Kind in ein gemütliches Eck zu setzen und ein Buch anzuschauen oder eine Geschichte vorzulesen (oder Teile davon)…Das geht eigentlich immer. Für mich hat das Ganze dann gleich zwei Vorteile: Mein Kind freut sich über die ihm zuteil werdenden uneingeschränkte (wenn auch kurze) Aufmerksamkeit und auch ich werde in hektischen Zeiten wieder ruhiger und habe ein paar Minuten Auszeit vom Alltag.

Vor allem wenn Kinder gerne neue Geschichten haben, stößt man als Eltern schon mal an seine finanziellen Grenzen. Meinem Sohn zum Beispiel könnte ich auch jede Woche ein Buch kaufen und es würde ihn immer noch begeistern.

Manchmal machen wir es deshalb anders und gehen gemeinsam in eine Bibliothek – die Hauptbibliothek in Wien ist sowieso ein Paradies für alle Leseratten. Die Büchereien Wien, aber auch die meisten Pfarren in Wien, haben eine Bibliothek und darin auch für Kinder eine Menge zu entdecken.

Meine Mama faucht fast wie ein echter Drache

Mit dem Vorlesen erzeugst du nicht nur Bilder im Kopf, sondern kannst deinem Kind auch Gefühle und Stimmungen vermitteln. Wenn du deine Stimme verstellst, mal höher, mal tiefer vorliest, mal einen weinerlichen, mal einen fröhlichen, mal einen wütenden Ausdruck in deine Stimme legst, bekommt die Geschichte ganz schnell mal eine Dimension mehr.

Mein Sohn liebt das … und ganz ehrlich: Mir macht es auch richtig Spaß, mich in die einzelnen Charaktere eines Buches richtiggehend hineinzusteigern.

Manchmal spielen wir sogar die eine oder andere Szene aus einem Buch nach – dann bin ich etwa der Drache Frau Mahlzahn aus “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” und mein Sohn ist Jim, der genau gegen diesen Drachen kämpft. Ein herrlicher Spaß!

Manche Kinder haben, speziell wenn sie noch klein sind, kein Sitzfleisch. Was also Mama und Papa als „gemütlich auf die Couch setzen und ein Buch lesen“ bezeichnen, klingt für die Kleinen ausschließlich nach Langeweile und etwas, was sie ganz bestimmt nicht tun möchten. Vielleicht macht es so kleinen Unruhegeister am Anfang aber Spaß, einer Geschichte zu lauschen, zwischendurch die Bilder anzuschauen und nebenbei aber auch noch einen Duploturm zu bauen. Oder beim Vorlesen auf dem Boden zu liegen, oder nebenbei Jause zu essen oder zu zeichnen. Die Freude daran, doch auch mal ruhig neben dem Vorlesenden zu sitzen und zuzuhören, kommt dann vielleicht von ganz alleine, wenn das Kind merkt, dass es in Wahrheit gar nicht langweilig ist, vorgelesen zu bekommen!

Siehe auch: Früh die Neugier am Lesen fördern

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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