6. Juni 2017

365 Tage im Jahr Vatertag

Vatertag Copyright Henning Klingen - meinefamilie.at

Vor fast acht Jahren änderte sich mein Leben radikal – ich wurde Vater, wir wurden Eltern. Heute sind wir zu einer fünfköpfigen Familie herangewachsen. Jeder Tag ist seither dichtester Vater- und Muttertag – was es nicht immer ganz leicht macht, darüber auch das Eigene nicht ganz aus den Augen zu verlieren.

„Wir zwei sind jetzt zu dritt / und Nummer drei kommt immer überall hin mit / im Grunde ist das alles wunderschön / ich muss mich nur noch schnell ein bisschen dran gewöh’n“.

Mit diesen Worten beschreibt die Kölner A-cappella-Band „Wise Guys“ sehr treffend das Gefühl, wie es ist, wenn plötzlich neues Leben ins Leben tritt, wenn gewohnte Maßstäbe gründlich durcheinander geraten, wenn sich die Welt in ein „Vorher“ und ein „Nachher“ teilt – und wenn man plötzlich fühlt, schmeckt, riecht, was einem zuvor unbewusst gefehlt hat.

Unser „Vorher“ endete vor über sieben Jahren, am 30. September 2009. Luisa trat mit einem kräftigen Schrei in unser Leben. Die Aufregung und Unsicherheit war groß in diesen ersten Minuten, Stunden, Tagen. Mit einem kleinen schreienden Bündel im Maxicosi ging es zurück in die Wohnung und plötzlich war nichts mehr so wie zuvor. Immer war da sie, Luisa. Und natürlich die Mama. Eine natürliche Einheit, Tag und Nacht.

Für mich als Vater wunderbar anzusehen und doch auch eine neue Erfahrung. Zweite Geige. Nebenrolle sozusagen.

Dennoch, es lag ein besonderer Zauber, ein Glanz über diesen ersten Tagen des gänzlich Neuen. Der Pulsschlag der Tage – ganz bestimmt vom Kind, die Entdeckung der Langsamkeit als gänzlich neue Erfahrung, das Büro, der alltägliche Stress – alles ganz weit weg. Langsam stellte es sich so in den ersten Wochen ein, träufelte es wie ein warmer Regenschauer in die Seele: das Gefühl, jetzt „Familie zu sein“.

Liebe und Zeit aufteilen

Zwei Jahre später kam unsere zweite Tochter auf die Welt – Rosalie. Und wieder war alles neu, anders. Denn es musste nicht nur die Liebe aufgeteilt werden, sondern auch die Zeit. „Nr. 1“ war schließlich stets dabei, forderte Aufmerksamkeit genau dann ein, wenn „Nr. 2“ diese am dringendsten brauchte. Und so verschwimmen im Rückblick diese ersten Jahre des Familie-Seins zu viert zu einem einzigen großen Balanceakt: Job, Kindergarteneingewöhnung, erste Schritte, erste Worte, dann ein Hauskauf und dessen mühsame Sanierung, Feiern und Feste mit Freunden – so abwechslungsreich und voll die Tage waren, am Ende stand doch stets das gleiche: Erschöpfung, große Müdigkeit. Und die Gewissheit, das Eigene – sei es als Ehepaar oder sei es als Mann, als  Frau – wieder sträflich vernachlässigt zu haben.

Dann hieß es vor 16 Monaten erneut: „Jetzt pressen!“ Julius bahnte sich den Weg ins Leben. Diesmal nicht im Spital, sondern zuhause. Ungeplant, aber komplikationsfrei. Und eine tolle Erfahrung. Denn kaum war der kleine Schreihals auf der Welt, wurde er von seinen großen Schwestern, die gerade aus Schule und Kindergarten kamen, begrüßt. Willkommenskultur auf Familie getrimmt, sozusagen. Lange vorbei indes jene Zeit, wo man sich noch voll auf das Baby konzentrieren konnte, wo die „Hebammensprechstunde“ oder das unvermeidliche „Oje ich wachse“-Buch am Nachtisch den nächsten Entwicklungsschub (und damit die nächsten schlaflosen Nächte) prognostizierte. Babywickeln zwischen Flötenstunde und Tanzstunde, Baby-Einschlafen im Tragetuch zwischen Hausaufgabenbetreuung und Mittagessen-Kochen.

Ein Fulltime-Job. Und wieder die Frage: Wo bleiben wir?

Elternschaft ist heute kompliziert

Elternschaft ist heute so spannend und zugleich so kompliziert wie eh und je. Es wäre früheren Generationen gegenüber vermessen, sich in einem Vor- oder gar Nachteil zu wähnen. Und doch haben Mutter- und Vaterschaft sich verändert. Welcher Jungpapa kann sich heute noch ernsthaft erlauben, nicht bei der Geburt live dabei zu sein? Von welchem Jungpapa wird heute nicht erwartet, am Wickeltisch fit zu sein, Argumente für und gegen das Impfen zu beherrschen oder sein Kind bei Wind und Wetter im Tragetuch durch den Großstadtdschungel zu transportieren – vom Babyschwimmkurs zur Baby-Osteopathie und zurück? So unterschiedlich die Kinder sind, so unterschiedlich sind Eltern in ihrer Haltung zu Erziehungs-, Ernährungs- und Gesundheitsfragen. Wäre es nicht langweilig, gäbe es hier nur die eine Haltung?

Vatertag Copyright Henning Klingen - meinefamilie.atWenn ich heute das Wort „Vater“ sage, so klingt das noch immer fern für mich, es hat den Geschmack meiner eigenen Kindheit. Doch dann fällt mir ein, nein, wird mir von meinen Kindern eingehämmert: Auch ich bin jetzt Papa, habe Verantwortung für die Händchen, die nach mir tasten, die Augen, die mich anstrahlen, ganz unvoreingenommen, entwaffnend offen und freundlich. Ich bin es auch, der zum Welterklärer werden muss, gar zur Werte-Instanz. Die großen Fragen – Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens? – werden verwandelt in eine einzige Antwort: Dieser kleine Mensch, dieses lächelnde Antlitz ist es, das jetzt und morgen mich braucht, das nicht „etwas“ von mir erwartet, sondern mich, meine Präsenz.

Vaterschaft, das ist daher für mich der Versuch, meinen Kindern Heimat zu bieten, jenen Sehnsuchtsort greifbar zu machen, den wir Erwachsene oft nur mehr aus dunklen, fernen Erinnerungen und wärmenden Träumen kennen.

Das Leben als Vater wird intensiver und geschmackvoller

„Das Leben wird intensiver, dichter und immer geschmackvoller – und am Ende dürstet man nach mehr von diesem Leben“ – mit diesen Worten habe ich einmal in einem Text Erfahrung des Pilgerns in Worte zu fassen versucht, die Erfahrung dessen, was das Pilgern mit dem Pilger macht, wie es ihn zu einem anderen Menschen machen kann. – Um wie viel mehr trifft das nun auf Eltern- und auf Vaterschaft zu! Das Leben wird intensiver, dichter und, ja, auch immer geschmackvoller durch Kinder – und, ja, auch das: Man dürstet nach mehr von diesem Leben!

Enden möchte ich mit einem kleinen Vierzeiler, dem Ausschnitt eines Gedichtes, das mein Großvater vor mittlerweile über 40 Jahren für mich geschrieben hat. Ich selbst stamme vom Niederrhein, daher ist das Gedicht auf Plattdeutsch gehalten. Darunter die Übersetzung für die hiesigen Leser, damit auch sie sich einfühlen können in die Wärmestube (groß-)väterlicher Herzen, die entbrannt sind für die kleinen neuen Erdenbürger, die ihn mit kleinen Gesten in den großen Bann schlagen:

Wenn dat Kleen mech so aanlächelt
On hä striek mech om dat Kenn
Met de kleene zarte Händsches
merk ech, wie verliebt ech ben.

(Wenn das Kleine mich so anlächelt
und es streicht mir um das Kinn
mit den kleinen zarten Händchen
merk ich, wie verliebt ich bin.)

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EIN ARTIKEL VON
  • Henning Klingen

    Semmeln heißen bei mir Brötchen, Erdäpfel Kartoffeln. Selbst nach 14 Jahren in Österreich halte ich die Fahne meiner niederrheinischen Heimat hoch. Von meiner Frau und meinen drei Kindern belächelt. Beruflich bin ich als Journalist für die Presseagentur Kathpress sowie die Zeitschrift „miteinander“ tätig.


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