24. Januar 2020

Buchtipp: Ich! Will! Aber! Nicht!

Buchtipp Ich will aber nicht

Mein Kind macht ein Drama bei der Auswahl eines „falschen“ Löffels zum Frühstück oder will in Sandalen das Haus verlassen – im November. Wer kennt sie nicht: die „Trotzphase“.

Ein stinknormaler Wochenendeinkauf, aber: Meine zweieinhalbjährige Tochter bekommt einen Wutanfall inmitten des Supermarktes, weil ich keinen neuen High-Tech Staubwischer kaufen möchte. Obwohl er blau ist. „Blau ist aber meine Lieblingsfarbe!“, brüllt sie durch das Geschäft. Sie weint und schreit, die Leute sehen mich mitleidig oder entsetzt an. Gott sei Dank war sie wieder schnell beruhigt, ich konnte sie mit dem Kauf von blauen, tatsächlich benötigten Taschentücherboxen ablenken.

Ähnliche Situationen erleben wir immer wieder. Da kommt das Buch „Ich! Will! Aber! Nicht!“ von Susanne Mierau gerade recht.  Der Untertitel „die Trotzphase verstehen und gelassen reagieren“ verspricht Hoffnung. Mierau ist gerade im deutschsprachigen Raum keine Unbekannte, die Autorin und Kleinkindpädagogin ist Expertin, was bedürfnisorientierte Elternschaft angeht.

Ihr Blog „Geborgen wachsen“ genießt gerade in den Sozialen Medien große Bekanntheit.

Trotzen ist kein Fehlverhalten

Das Buch ist aufbauend konzipiert, es empfiehlt sich, von vorne bis hinten zu lesen. Gut strukturiert und verständlich führt sie ins und durch Thema ins seiner ganzen Komplexität. Wer dachte, die Verarbeitungsprozesse des kindlichen Gehirns nicht verstehen zu können: Susanne Mierau macht es möglich. Es ist dies die Basis für die weitere Lektüre, deren Kern sie unmissverständlich und wiederholt betont.

„Trotzen“ – den Begriff und vor allem den gesellschaftlichen Blick darauf hinterfragt sie kritisch – ist kein Fehlverhalten.

Die Autonomiephase ist, ganz im Gegenteil, etwas Sinnvolles und sicherte  evolutionär gesehen über Jahrhunderte das Überleben des kindlichen Nachwuchses.

Das Verständis der Trotzphase als Machtspiel habe sich über Generationen hinweg gehalten. „Es wird höchste Zeit, das kindliche Bedürfnis nach Autonomie mit neuen Augen zu betrachten und es zu respektieren“, mahnt sie. Wem das zu theoretisch klingt oder wer sich „ja eh, aber wie?“ denkt, wird belohnt: Die Berlinerin ist dreifache Mama und weiß um den Nutzen von konkreten Hilfestellungen. Sie weiß auch, dass es kein „Patentrezept“ für die Autonomiephase gibt, sehr wohl aber ein paar „Grundzutaten für einen entspannten Alltag.“ Gewalt – physische wie psychische – ist dabei selbstverständlich ein absolutes No-Go.

Tipps und Tricks

Kaum vorstellbar, dass man sich nicht wiederfindet in den dargestellten Situationen –  von Schlafen, Esstisch, Sauberwerden, Anziehen, Zähneputzen, Schimpfen, Geschwisterstreit und Aufräumen – alles dabei. Die Pädagogin hat konkrete Tipps, Anregungen und Listen parat, beispielsweise ein „Survivalguide für Stadtausflüge oder „sechs Tipps gegen die Wut“.

Man erkennt sich wieder, fühlt sich verstanden und abgeholt, vielleicht ertappt, aber nicht stigmatisiert.

Was das verstärkt, sind hineingestreute, mitunter unterhaltsame Erfahrungsberichte anderer Eltern, meist Kolleginnen und Kollegen aus dem Bloggernetzwerk. Grafik und Layout sind so angelegt, dass diese Elemente separat und ansprechend hervorgehoben sind, praktisch für die spätere Nachlese.

Wichtig erscheint mir, dass sie anhält, die eigene Vergangenheit zu reflektieren und hinterfragen. „Wir tragen noch immer die Last und die Erwartungen vorangegangener Generationen in uns“, erinnert die Autorin, Erziehungsmuster haben sich tief in uns eingebrannt. Sie bringt es auf den Punkt wenn sie sagt:

„Die Stimmen unserer Kindheit sind es, die uns heute zuflüstern, wie wir mit unseren Kindern umgehen sollen.“

Auch die von uns Eltern so gefürchteten Blicke anderer greift sie auf: „Wir müssen uns nicht rechtfertigen, wenn wir verständnisvoll auf unser Kind eingehen“.

LESUNG: AM 31.01.2020 von Susanne Mierau in St. Virgil

Insgesamt ein sehr interessantes, lehrreiches und praktisches Buch, das spätestens jetzt einen Perspektivenwechsel veranlasst. Mit empfehlenswerten Hilfe-Tools für den Alltag sowie Rückenstärkungs- und deshalb Wohlfühl-Potential. Einzig die Bilder haben mich nicht angesprochen – die meisten der zu „glatten“ Symbolbilder wären verzichtbar.

Heute Früh gab es übrigens kein Drama aufgrund eines „richtigen“ Löffels, sondern drei zur Auswahl und meine Tochter hat selbstbestimmt und fröhlich entschieden.

Buch: Ich! Will! Aber! Nicht!

von Susanne Mierau Buch (Hardcover): 144 Seiten
16,99 €

Sprache: deutsch
ISBN-10: 3833860219
ISBN-13: 978-3-8338-6021-8
Maße: 17 × 20.9 cm

Ich will aber nicht

 



EIN ARTIKEL VON
  • Lisa Maria Schweiger-Gensluckner

    Ich bin Theologin und Journalistin, als Pressereferentin und Redakteurin in der Erzdiözese Salzburg bestimmen Medien meinen Berufsalltag. Das Leben in meiner Familie mit meinem Mann und meiner Tochter (2) sind der willkommener Ausgleich. Kindskopf war ich schon immer – ich singe den Soundtrack von Disneyfilmen nach und zitiere Janosch-Geschichten. Schreiben will ich über das, was mich beschäftigt in meinem kurzweiligen Familienleben.


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