5. Mai 2020

„Erziehung ist (k)ein Kinderspiel!“– Was tun bei Trotz und aggressivem Verhalten?

Was tun bei Trotz und aggressivem Verhalten

Herbert, 2, ist schon ein richtiger kleiner Rabauke. Obwohl er sich mit seiner Schwester (3,5) gut versteht, geht er manchmal einfach hin und haut ihr eine drauf.

Meist reagiert die Mutter so: „Hau die Sophie nicht! Sie wollte doch nur mit dir spielen!“ Worauf er frech antwortet: „Doch!“ In unserem Fall handelt es sich bereits um ein eingefahrenes Muster, das Herbert zum „Bösewicht“ abstempelt. Je mehr er geschimpft wird, umso trotziger und frecher wird er. Druck erzeugt Gegendruck. Obwohl der Tadel der Mutter gerechtfertigt und angemessen ist, beinhaltet er nur ein Verbot und eine Erklärung, eine Verteidigung der Schwester.

Wie kann man das Kind von seiner Aggressions- und Trotzhaltung herausführen?

Indem man seine Perspektive einnimmt und ihn ohne Druck zur Einsicht hinführt. Statt zu kritisieren, kann die Mutter die Situation aus der Perspektive Herberts beschreiben. Sie kann die Sache kindgerecht, ohne Vorwurf und ohne zu verharmlosen auf den Punkt bringen. Ich möchte dieses Beispiel mit einem kommentierten Dialog illustrieren:

Mutter: „Die Sophie spielt ganz lieb und du kommst plötzlich daher und haust ihr eine drauf…“ (Die Mutter beschreibt, lässt die Stimme oben, als Einladung zum Reagieren).

Herbert, der Sprache kaum noch mächtig, versteht aber sehr wohl und macht ein trotzig schmollendes Gesicht, das sich wie ein Schuldeingeständnis anmutet, also Zustimmung enthält.

Mutter: „Gell, du weißt, das ist nicht in Ordnung. (Sie bringt es auf den Punkt, macht eine Pause, um eine Reaktion abzuwarten. Das ermöglicht es Herbert, nachzudenken, in sich zu gehen)

Herbert ist nachdenklich, kleinlaut, sagt nichts.

Mutter: „ Manchmal überkommt es dich einfach. Dann haust du deiner Schwester einfach eine drauf (Mutter fühlt sich in ihn hinein und nimmt wieder seine Perspektive ein und „neutralisiert“ dadurch seine Schuldgefühle), und du weißt selbst nicht, warum. (Mutter „übersetzt“) Dabei hast du deine Schwester in Wirklichkeit doch sehr lieb!“ (Mutter streicht die guten Anteile hervor und gibt Herbert ein positives Selbstbild anstatt ihn „ins böse Ecke“ zu drängen, aus dem er selbst nicht mehr heraus kann.

Herbert: „Ja“ (Jetzt kann er es verbal oder non-verbal zugeben und fühlt sich erleichtert)

Mutter „übersetzt“ (sagt, was er fühlt, aber noch nicht ausdrücken kann: „Ich sehe, es tut dir leid!“ (Pause, Zeit zum Reagieren lassen. Nun fordert sie Herbert auf: „Zeig deiner Schwester, dass es dir leid tut…“ (Wiedergutmachung einleiten).

Idealerweise geht Herbert zu Sophie hin und gibt ihr die Hand.

Wenn nicht, darf auch kein Druck gemacht werden. Solche Dinge brauchen Zeit, Geduld und Freiwilligkeit. Deshalb muss sie wiederum Herberts Gefühle beschreiben: „Sich entschuldigen ist gar nicht so einfach. Du brauchst noch ein bisschen Zeit. Überlegt dir inzwischen, wie du es ihr zeigen kannst, dass es dir leid tut.“

Ohne Druck

Herbert muss für jeden kleinen Schritt der Überwindung gewürdigt werden. Wenn er noch nicht dazu bereit ist, dann kann man später, z.B. beim Schlafengehen, die Sache nochmals ansprechen oder am nächsten Tag neue Vereinbarungen treffen.

Auch die kleine Sophie kann „ins Boot geholt“ werden. Auch sie kann die Versöhnung einleiten, indem sie Herbert sagt, dass sie ihn liebhat und dass sie ihm verzeiht.

In diesem kleinen kindlichen Fallbeispiel geht es um die Wahrung des Gesichts und um Selbstüberwindung. Dabei müssen wir Kindern helfen. Das fällt übrigens auch uns Erwachsenen nicht immer leicht und wir sind innerlich für jede verständnisvolle Haltung dankbar, wenn es uns erspart bleibt, etwas „unter die Nase gerieben“ oder nachgetragen zu bekommen.



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