6. Februar 2020

Erziehung ist (k)ein Kinderspiel – „Sonst hau ich mir den Schädel ein!“

erziehung ist (k)ein kinderspiel – „sonst hau ich mir den schädel ein!“

Wenn klein Simon nicht bekommt, was er will, schlägt er seinen Kopf gegen die Wand.

Klein Simon ist ein sonniges und glückliches Kind, das von seinen Eltern sehr viel Zuwendung und Aufmerksamkeit erfährt. Mit seinen 13 Monaten ist er schon voller Neugierde und Selbstbewusstsein. Dementsprechend schwer fällt es ihm, Grenzen zu akzeptieren. Seit kurzer Zeit hat er ein seltsames Verhalten entwickelt. Wenn er nicht bekommt, was er will, schlägt er seinen Kopf gegen die Wand oder den nächstbesten Gegenstand – eine Art kindlicher Erpressungsversuch, bei dem er sich selbst weh tut.

Natürlich versucht man, ihn davon abzuhalten, zu trösten und ihm zu erklären, dass das nicht gut sei. Er macht es trotzdem immer wieder, denn über Vernunft kann man emotionales Verhalten nicht lösen.

Poetry Slam?

Eines Morgens, als Mama im Begriff war, sich fertig zu machen, öffnete er die Lade mit dem Schmuck, was ihm natürlich untersagt wurde. Als er wieder anfing, den Kopf gegen den Schrank zu schlagen, fällt ihr eine neue, kreative Strategie ein. Sie nimmt ihn und beschreibt die Situation in einem kleinen, gesungenen Dialog-Gedicht. Heutzutage würde man dies vielleicht „Poetry slam“ nennen. Sie wiederholt jede Sequenz zwei Mal:

„Mami, gib mir deinen Schmuck! Mami, gib mir deinen Schmuck!
Sonst hau ich mir den Schädel ein, sonst hau ich mir den Schädel ein!
Meinen Schmuck bekommst du nicht, meinen Schmuck bekommst du nicht!“
Poing, poing, au, au! „Poing, poing, au, au!“

Und sie wiederholt das improvisierte Liedchen:
„Mami, Mami, gib mir deinen Schmuck! „Mami, Mami, gib mir deinen Schmuck!
Sonst hau ich mir den Schädel ein, sonst hau ich mir den Schädel ein!“

Die Aufmerksamkeit des Kindes wieder bekommen

Diese spannende Geschichte fesselt Simons Aufmerksamkeit und er muss lächeln, weil er sich wiedererkennt. Dann nimmt ihn seine Mama, stellt ihn für die kurze Zeit, die sie noch im Schlafzimmer braucht, in sein Bettchen. Die Situation ist entschärft und er sieht ihr lustig plappernd zu, wie sie sich fertig macht, während er mit seinen Stofftieren spielt.

Wenige Tage später, als klein Simon wieder mit diesem Verhalten etwas durchsetzen möchte, singt sie „Mit dem Kopf durch die Wand geht es nicht, mit dem Kopf durch die Wand geht es nicht…“ nach der Melodie „Singing eye eye Juppie, juppy jä…“. Dann nimmt sie ihn und schlägt ihm eine andere spannende Aktivität vor.

Das Muster durchbrechen …

Anstatt dem Kind „gut zuzureden“ (was nicht ernst genommen wird), es schroff zurecht zu weisen (was lautes Geschrei auslöst) oder einfach nur zu ignorieren (was als lieblos empfunden wird), ist es dieser Mutter gelungen, ein Muster zu durchbrechen, ihm mit Poesie und Humor den Spiegel vorzuhalten. Das Kind fühlt sich wertgeschätzt und lässt sein sinnloses Verhalten, welches nicht zum erhofften Ziel führt, ganz von selbst.

Die Eltern dürfen nicht enttäuscht sein, wenn Simon trotzdem gelegentlich in sein selbstschädigendes Verhalten zurückfällt. Aber es wird immer seltener vorkommen und immer weniger heftig ausfallen, bis es wie von selbst verschwindet.



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