12. März 2018

Selbstbestimmtes Essen fördern

selbstbestimmtes essen fördern - meinefamilie.at

Essen bedeutet viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Wir verbinden damit verschiedene Sinneswahrnehmungen und Gefühle wie Geborgenheit, Genuss, Ekel, Sättigung, Wohlbefinden, Körpergefühl, Trost und vieles mehr. Sehr vieles, was mit Essen zu tun hat, wird im Baby- und Kleinkindalter grundgelegt und hat auch Einfluss auf unsere spätere persönliche Entwicklung.

Essgewohnheiten werden im täglichen Umgang mit Nahrung von klein auf gebildet, egal ob sie gut oder weniger gut sind. Dabei sind vor allem die Emotionen wichtig, die wir im Zusammenhang mit Essen verbinden. Finden Mahlzeiten in entspannter Atmosphäre statt? Oder gibt es Stress? Wird von außen alles bestimmt oder darf ich mitreden?

Erfahrungsaufbau

Es ist wichtig, dass Kinder Nahrungsmittel verschiedenartig erfahren dürfen, mit allen Sinnen – von der Mutterbrust über die erste Breinahrung bis hin zu Fingerfood als größere Kinder. Natürlich sollen sie auch den Umgang mit Besteck lernen, da dies in unserer Kultur wichtig ist. Auch das Verhalten bei Tisch, beim Essen im Restaurant uns vieles mehr gehört zur “Grundausbildung” in diesem Bereich.

Doch noch viel wichtiger finde ich die Entwicklung von Achtsamkeit im Bezug auf Essen. Deshalb sollte man Kinder von Anfang an in dieses Thema miteinbeziehen, sie mitbestimmen lassen, was, wann und wie viel sie essen. Das stärkt das positive Körpergefühl, was wiederum die heranwachsende Persönlichkeit stark macht.

Persönliches Empfinden ernst nehmen

Fragen wie “Was mag ich, was mag ich nicht?” oder “Bin ich wirklich satt?” sollten Platz haben und ernst genommen werden. Kinder sollen nicht essen, um andere, z. B. uns Mütter, zufriedenzustellen, sondern um selbst Zufriedenheit zu erleben. Und wenn sie etwas absolut nicht mögen, sollen sie nicht gezwungen werden, es hinunterzuwürgen. Meine Oma hat mir früher mal erzählt, dass es bei ihnen zu Hause üblich war, am Tisch “nachsitzen” zu müssen. Was auf den Teller kam, musste fertiggegessen werden, auch wenn das Stunden dauerte. Also für mich fällt das schon fast unter “Folter”. Nahrung oder Nahrungsentzug sollte nie als Strafe eingesetzt werden!  Essen als Belohnung oder Trostpflaster finde ich auch nicht ganz unproblematisch. Ein Stück Schoko als Extrabonus für schnell erledigte Aufgaben ist manchmal schon ok, aber es soll nicht zum Ersatz für emotionale Zuwendung werden.

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Auch gemeinsames Kochen und Backen fördert das kindliche Bewusstsein für Essen.

Gerichte ausprobieren!

Ich versuche als Mutter, bunte, ausgewogene Gerichte auf den Tisch zu bringen, auch mit manchen Gemüsesorten und Gewürzen, die nicht typisch österreichischer Standard sind. Bei uns gilt das Prinzip: “Nur weil es komisch aussieht, muss es nicht schlecht sein. Probier mal von allem ein bisschen. Wenn du es nicht magst, musst du es nicht essen.” Natürlich freue ich mich als Köchin, wenn es den Kindern offensichtlich schmeckt und sie den Teller ratzeputz leeressen, besonders wenn das exotische Dinge sind wie Linsen-Dal und Kichererbsen-Curry.

Ich habe auf meinen weiten Reisen verschiedenste Gerichte kennengelernt und versuche, einiges davon in unseren Alltag einzubauen. Es macht mir Spaß und erweitert den geschmacklichen Horizont. Manches würze ich auch durchaus etwas schärfer, da ich selbst gern scharf esse. Ich hab in der ersten Schwangerschaft unvermindert scharf gegessen und unser Ältester liebt scharfes Essen! (Angeblich kommt der scharfe Geschmack ins Fruchtwasser und die Babys gewöhnen sich daran…) Bei den anderen Kindern wurde es ein bisschen weniger, da ich etwas milder würzte, aber wir liegen als Familie sicher eher im “schärferen” Geschmacksbereich. 😉 Sogar unser Jüngster, der lange Zeit keine zu feurigen Gerichte mochte, findet es schon cool, Chili in seine Soße zu streuen. Wenn es zu viel ist, weiß er, dass er Brot essen soll. Dadurch ergeben sich manchmal unterhaltsame “Schärfe-Wettkämpfe” bei Tisch…

Keinen Zwang vermitteln

Aber ich respektiere es auch, wenn die Kinder etwas gar nicht mögen. In diesem Fall gibt es immer noch die Möglichkeit, die würzige Soße wegzulassen oder ein Butterbrot zu essen. Ich möchte meine Familienmitglieder auf keinen Fall zwingen, auch nicht mit subtilem Druck, ihre Portion aufzuessen. Schon gar nicht mit Argumenten “Sonst wird das Wetter morgen schlecht” oder “Die armen Kinder in Afrika wären froh darüber”. Das ist für mich ein No-Go. Mir ist es wichtig, dass die Kinder ein Gespür dafür entwickeln, was und wie viel sie essen möchten. Das beginnt schon am Anfang der Mahlzeit. Wenn die Speisen auf dem Tisch stehen, beten wir gemeinsam und dann teilen wir einander die verschiedenen Dinge aus: z.B. Nudeln, Gemüse, Soße. Dabei wird gefragt: Wie viel möchtest du? Passt das so? Jeder darf bereits hier mitentscheiden, was und wie viel er möchte. Wenn es etwas Neues, Unbekanntes gibt, bitte ich alle, davon zu kosten. Jeder darf ehrlich sagen, wie er es findet, jedoch möchte ich bei Tisch keine abwertenden Worte wie “grauslich” oder “ekelhaft” hören. Ich finde es ok, zu sagen: “Mir schmeckt das nicht.” oder “Das sieht komisch aus.”

Was die Menge betrifft, sage ich den Kindern, sie sollen sich erst mal ein wenig nehmen und dann evt. noch Nachschlag holen. Man weiß oft nicht gleich auf den ersten Blick, wie viel man essen kann. Andererseits kommt der Appetit manchmal auch erst beim Essen.

“Restl-Verwertung”

Hat sich mal jemand deutlich zu viel auf den Teller aufgeladen und kann es nicht bewältigen, hebe ich die Portion normalerweise im Kühlschrank auf. Der Rest kann ja am Abend aufgewärmt und fertiggegessen werden! Ab und zu esse ich die Reste der Kinder auf, aber nicht immer. Ich mag es, mir auf meinem Teller eine harmonische, ästhetisch schöne Mahlzeit herzurichten. Beim ständigen Aufessen halb abgenagter Essensreste würde ich mich ein wenig wie das “Hausschwein” fühlen. Das muss nicht sein. 😉 Andererseits will ich nichts unnötig wegwerfen.

Aus manchen Essensresten kreiere ich neue “Restl-Gerichte“, immer mal wieder friere ich sie auch ein. Hartes Brot oder bereits mehrmals aufgewärmte Nudeln bekommen Tiere von Bekannten. Weggeworfen wird bei uns Essen quasi nie. Das hab ich schon in meiner Herkunftsfamilie gelernt und fördert das globale Denken sowie den achtsamen Umgang mit Ressourcen.

Essen am Familientisch

Wir versuchen, als Familie zumindest eine Mahlzeit am Tag gemeinsam einzunehmen, meist zu Mittag. Hat mal einer zu diesem gemeinsamen Essen keinen Hunger, bitten wir ihn, sich trotzdem dazuzusetzen. Natürlich nicht, wenn er krank ist oder ihm schlecht ist. Aber Essen bedeutet ja auch, Gemeinschaft zu erleben. Und diesen Aspekt kann ich auch genießen, wenn ich nur ein Glas Orangensaft trinke. Ab und zu hab ich selbst beim Kochen schon so viel genascht, dass ich nur eine kleine Portion möchte. Aber es ist ja nicht das Wesentliche, wie viel jeder isst.

Positive Atmosphäre schaffen

Viel wichtiger beim gemeinsamen Essen ist die Gesprächsatmosphäre. An den Sonntagen wird der Tisch besonders schön gedeckt, mit bunten Servietten und manchmal auch Tischdekoration. Wir versuchen, bei den Mahlzeiten grundsätzlich positive Themen zu besprechen, einander von unseren Erlebnissen zu erzählen und schwierige Themen zu vermeiden. Eine Standpauke oder ein Streit bei Tisch passt einfach nicht. Da vergeht jedem der Hunger.

Was hingegen sehr anregend wirkt, sind kleine Überraschungen. Manchmal nehme ich mir extra Zeit, um etwas aufwändigere Vorspeisen oder Desserts zu kreieren. Oder mal ein besonderes Getränk aus frisch gepressten Früchten. Das macht Spaß und verlängert die Mahlzeit automatisch.

Eine gute Mahlzeit bedeutet für mich, wenn jeder an Leib, Seele und Geist Nahrung bekommen hat. Wenn wir zusätzlich zur Nahrungsaufnahme die Gemeinschaft miteinander genießen, Gedanken austauschen und Kraft für den nächsten Tagesabschnitt schöpfen konnten.

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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