18. September 2018

Zurück zum Alltag

urlaub im alltag - meinefamilie.at

Der Sommer neigt sich dem Ende zu, der Alltag geht wieder los. Aber wir alle sind ja hoffentlich gut erholt – und wollen das natürlich auch lange bleiben. Aber kann man Erholung überhaupt konservieren? Gibt es etwa eine Möglichkeit, das typische, leichte „Ferienfeeling“ auch in den Alltag hineinzuretten? Oder sollten wir alle eigentlich bereits vom nächsten Urlaub träumen? Psychotherapeutin und Coach Brigitte Ettl weiß mehr.

Was heißt denn schon „erholt“? War es das jetzt tatsächlich mit dem Sommer? Nicht nur mein Sohn fragt sich, wie neun Wochen Ferien so schnell vergehen konnten. Nur noch einige Stunden trennen uns von den ungeliebten Routinen, die der Alltag so für uns bereithält: Früh aufstehen, zeitig(er) schlafen gehen, weniger Zeit für Hobbys haben, weniger draußen sein können. Irgendwie scheint man im Alltag für alles, was einem gerade jetzt im Sommer so viel Spaß macht, weniger Zeit zu haben.

Ich muss nämlich sagen, dass dieser Sommer für mich und meine Familie ganz besonders schön war, sehr abwechslungsreich, sehr lustig, spannend und horizonterweiternd und ich fühle mich ausgesprochen gut erholt und sehr gut ausgeruht. Aber was bedeutet schon erholt? „Wahrscheinlich definiert jede Person ,Erholung‘ ein wenig anders“, sagt dazu Psychotherapeutin und Coach Brigitte Ettl: „Für manche bedeutet es, gelassener in Stresssituationen zu reagieren. Anderen wiederum gelingt es, gute Vorsätze – früher schlafen gehen, mehr Bewegung, gesünder ernähren – auch im Alltag umzusetzen.“ Für viele Menschen bedeute Erholung aber auch ganz einfach, wieder viele schöne Erinnerungen unverlierbar in der „Schatzkiste der Seele“ geborgen zu haben.

Wichtig ist, dass der Urlaub eine deutliche Abwechslung zum Alltag darstellt und nicht die Arbeit einfach an einem anderen Ort fortgesetzt wird.

Dringend empfiehlt Brigitte Ettl generell beim Thema Urlaub und Erholung gut auf sich und sein Gefühl zu hören. Wie nachhaltig Erholung wirke und wie lange sie anhalte, könne man nämlich natürlich nicht pauschal sagen. „Da ist wirklich jeder Mensch ganz unterschiedlich“, sagt Brigitte Ettl. Manche müssen, um sich erholt zu fühlen, viele Wochen Abstand vom Alltag gewinnen. Anderen reichen Tage, vielleicht sogar Stunden, um wieder frisch in den Alltag starten zu können. „Auch ein kurzer Städtetrip oder eine Almwanderung am Wochenende kann schon sehr entspannend wirken“, so Brigitte Ettl: „Wichtig ist, dass der Urlaub eine deutliche Abwechslung zum Alltag darstellt und nicht die Arbeit einfach an einem anderen Ort fortgesetzt wird.“

Mini-Urlaube im Arbeitsalltag

So weit, so gut. Aber wenn man sich jetzt, so wie ich, richtig gut erholt fühlt, was kann man denn dann tun, damit einen der Alltagstrott nicht gleich wieder schlaucht? Kann man Urlaubserlebnisse, das „Urlaubsfeeling“ konservieren? „Eine gute Pausenkultur verhilft einem im Arbeitsalltag zu ,Mini-Urlauben‘“, sagt Brigitte Ettl: „In der Mittagspause einen Spaziergang um den Häuserblock – mit dem ,Ferien-Blick‘, vielleicht sogar mit dem Fotoapparat, auf der Suche nach besonderen Perspektiven.“

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Darüber hinaus könne man sich mit ein bisschen Phantasie ein wenig an einen Urlaubsort „zurückzaubern“. Lesen Sie Berichte über andere Länder, schöne Landstriche, faszinierende Städte. Oder laden Sie Freunde und Verwandte zu einem gemütlichen italienischen, griechischen, marokkanischen usw. Abend ein und kochen Sie die besonderen Schmankerln aus der Urlaubs-Speisekarte nach. Oder bringen Sie sich beim Anschauen der Urlaubsfotos oder beim Gestalten eines Fotobuches ein Stück weit zurück an Ihren Urlaubsort.

Wahrscheinlich definiert jede Person ,Erholung‘ ein wenig anders

Und last but not least kann man sich wohl immer auch vor Augen halten, dass der Alltag doch nicht nur Schlechtes und Mühsames bereithält, sondern auch eine Menge Dinge, Begegnungen und Überraschungen bringt, die das Leben lebenswert machen.

Anspannen und Loslassen

Aber warum sollte man eigentlich regelmäßig Urlaub machen? Kann der Mensch ohne Urlaub überhaupt (über)leben? „Wir alle brauchen eine gute Balance zwischen Anspannung und Loslassen, zwischen Routine und neuen Eindrücken“, sagt Brigitte Ettl: „Wenn der Alltag hier eine gute Mischung bietet, die Arbeit prinzipiell Freude macht und als sinnvoll erlebt wird, dann kann als Urlaub vielleicht auch schon die Gedankenreise durch ein gutes Buch, das Eintauchen in den Melodienreigen eines Konzerts oder der Bummel durch eine Ausstellung genügen.“

Der nächste Urlaub kommt bestimmt

Und ganz nach dem Motto „Der nächste Urlaub kommt bestimmt“: Woran merken wir eigentlich unmissverständlich, dass Erholung wieder dringend notwendig ist? „Die Liste dieser Warnzeichen ist lang und bei jedem Menschen natürlich ein wenig anders“, sagt Brigitte Ettl: „Sie können von Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, grundlos gereizter Stimmung, Unlust bei Tätigkeiten, die sonst Freude machen, sozialem Rückzug bis hin zu körperlichen Symptomen wie Migräne, Kreuzschmerzen, Sodbrennen reichen. Und die Liste lässt sich – leider – beliebig fortsetzen. Manchmal sind dies aber auch die Anzeichen für eine tiefgreifende Erschöpfung, dann ist es leider mit einem Urlaub nicht getan. Hier sollte die Lebensgestaltung grundsätzlich überdacht werden, vielleicht sogar mit professioneller Hilfe.“

 

Dieser Artikel erschien zuerst in “Der Sonntag”, Ausgabe 9. September 2018

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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