30. Juli 2018

Selbstständigkeit der Kinder – Ein bemerkenswerter Schritt

selbstständigkeit kinder - meinefamilie.at

Natürlich will man, dass die Kinder selbstständig werden. Aber dennoch können manche Entwicklungsschritte überraschend kommen. Wie geht man damit um?

Eines Tages überraschten uns unsere Mädels (6 und 10 Jahre alt) mit dem Wunsch, dass wir ihnen doch erlauben sollten alleine ins Schwimmbad zu gehen. Kein abwegiger Wunsch. Mittlerweile konnten beiden schwimmen und schließlich verbrachten wir auch noch ein paar Sommerwochen am Land. Es war also nicht vonnöten, sie der großen Masse und der Geschäftigkeit in einem Stadt-Schwimmbad auszusetzen. Es ging um ein kleines Dorf-Schwimmbad.

Autonomie

Wir haben es ihnen schließlich erlaubt. Alles verlief reibungslos. Es gab keine Probleme und wir werden es ihnen wieder erlauben. Dennoch kamen wir ins Grübeln. Wir diskutierten über rationale und irrationale Ängste. Etwa darüber, ob die Schwimmkünste unserer Jüngsten auch wirklich ausreichend waren und es nicht doch sein könnte, dass sie ausrutschte und dann, von dem Missgeschick überrascht, von ihren Schwimmkünsten nicht ausreichend Gebrauch machen konnte und dann aus dem Wasser gefischt werden müsste. Auch darüber, dass nicht alle Menschen guten Willens waren, sondern zweifelhafte Absichten hatten waren wir uns bald einig.

Im Kern ging es aber um Autonomie. Diesen Begriff sollte man nicht leichtfertig und etwas salopp mit Selbstständigkeit gleichsetzen. Es geht um mehr. Zentral dabei ist nämlich die Willens-, Entscheidens– und Handlungsfreiheit. Mit obiger Aktion haben die Kinder, entgegen der mehr oder weniger berechtigten Ängste und Bedenken ihrer Eltern, von sich selbst aus willentlich einen Wunsch geäußert, der sich in gewisser Weise vom Willen der Eltern unterscheidet. Das ist ein bemerkenswerter Schritt.

Symbiose

Begonnen hatte nämlich alles vor einigen Jahren mit einer symbiotischen Beziehung zu den Eltern, vor allem zur Mutter. Es gibt nicht wenige Theorien, die davon ausgehen, dass sich das Kind in den ersten Lebensmonaten überhaupt nicht als getrennt von der Mutter wahrnimmt, sondern in einer Einheit mit dieser. Das bedeutet euch, dass die Welt der Mutter und die Welt des Kindes nicht unterscheidbar sind. Was die Mutter – oder natürlich auch der Vater – dem Kind zeigt und vorlebt, ist zugleich auch die Welt des Kindes. Hinterfragt wird diese lange nicht. Zu einer willentlichen Entscheidung gegen die Welt der Eltern und deren Implikationen gelangen Kinder erst relativ spät.

Kritisches Bewusstsein

Wie entsteht dann aber kritisches Bewusstsein, wie der (mehr oder weniger) freie Wille bei Kindern? Vermutlich durch Vergleiche. Im Kindergarten oder in der Schule sehen Kinder, dass die durch die Welt der Eltern definierte und eingerahmte Welt längst nicht selbstverständlich oder naturgegeben ist. Andere Kinder leben mit anderen Regeln und anderen Möglichkeiten. Im Abgleich damit entsteht das Bewusstsein, dass es auch anders sein könnte. Kinder beginnen einzufordern und zu fragen, ob die Grenzen der Familienwelt auch wirklich die Grenzen der Welt sind oder ob diese nicht auch neu ausgehandelt werden können. Dass Medien auch ihren Teil dazu beitragen ist außerdem evident.

Irgendwo in diesem Zwischenraum der eigenen Welt und der anderen Welten entsteht der Wille der Kinder. Dieser Wille kann anfangs trotzig daherkommen. Das Kind will, weil es will und weil es weiß, dass andere auch diesen Willen haben. Dieser Wille ist noch nicht frei, sondern bedingt. Aber er ist, womöglich zum ersten Mal und überraschend für die Eltern, nicht mehr der vom Elternhaus geprägte Wille.

Wer weiß schon, was er will?

Die Frage, welcher Wille frei ist und welcher abhängig ist, ist überaus schwer zu beantworten. Auch reflektierte Erwachsene wissen oft nicht was sie warum wollen. Letzen Endes kann man nur versuchen die Bedingungen offenzulegen und seine Prägungen verstehen zu wollen.

Die damit verbundenen Diskussionen sind für Eltern oft mühsam. Willst du das wirklich oder willst du das nur, weil es andere Kinder wollen? Die Frage ist natürlich legitim. Aber kein Kind der Welt wird sie erschöpfend beantworten können. Es weiß, dass es will, unbedingt. Und in manchen Fällen wird man auch mit vernünftigen Argumenten den sprichwörtlichen Riegel vorschieben müssen.

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Doch zurück zur Schwimmbad-Problematik: Unsere Kinder haben gewollt und diesen Willen in einer Wunschform zum Ausdruck gebracht. Das ist gut, weil sie sich dadurch weiterentwickeln und zur selbstständigen Personen werden. Auch weil sie dadurch ausloten, was möglich ist. Und weil sie nicht zuletzt dadurch auch den Hauch einer Ahnung haben werden, was sie wirklich wollen und was sie nur wollen, weil es die Eltern (noch) nicht wollen. Dieser Prozess beginnt im Kindesalter und dauert ein Leben lang an.

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EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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