5. August 2019

Von Selfies und Foodsies: Warum Fotos früher besser waren


Heute schießen wir 30 Mal dasselbe Bild, obwohl der Speicherplatz längst überquillt. Zeit, die gute alte Fotokamera wieder wertzuschätzen und ein Aufruf zu mehr Authentizität beim Festhalten von Erinnerungen.

Man kennt sie: Die immer gleichen Bilder von Outfits, Essen, Sehenswürdigkeiten und Sonnenuntergängen.

Es gibt ja Dinge, die kann ich nicht mehr sehen. „Footsies“ und „Shoefies“ zum Beispiel. Also Selfies von gut lackierten Füßen am Strand, in der Badewanne oder wo auch immer. Oder wahlweise mit hübschen Schuhen im Aufzug stehend oder durch den Park spazierend. Also ehrlich, ich mag Füße wirklich gerne, und auch für Schuhe kann ich mich erwärmen, aber es ist mir echt schon genug. Auch Essen auf Bildern – Foodsies – brauche ich wirklich nicht mehr.

Ist das das Leben, das wir dokumentieren wollen?

Habe ich früher liebend gerne die Gratis-Kochzeitschriften aus den Supermärkten mitgenommen, denke ich mir jetzt nur noch: „Nicht noch mehr inszenierte Speisen!“

Dabei habe ich auch selbst ab und zu Spaß daran gehabt, meine kulinarischen Kreationen abzulichten. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, nach dem Essen die Brösellandschaft unter dem Tisch zu fotografieren.

Und ich frage mich, ob in anderen Haushalten die Krümelmenge dreier Tage auch schon für eine ganze Ladung neuer Cake-Pops reichen würde. Aber unter dem Hashtag #brösellandschaft gibt es tatsächlich keinen einzigen Eintrag auf Instagram. Frustrierend.

Bilder aus Kameras, in die man noch einen Film einlegen musste

Ich weiß: selbst schuld! Ich müsste meine Freizeit ja wirklich nicht in Social-Media-Kanälen verbringen. Ich könnte stattdessen ja etwas weit Sinnvolleres tun. Zum Beispiel meine eigenen Fotos ansehen und aussortieren. Auf den Computer übertragen. Sicher abspeichern, am besten auf einem externen Speicher.

Puh, bevor ich diese Arbeit angehe und mich der Challenge stelle, aus 20 gleichen Motiven das beste Bild rauszusuchen – immer und immer wieder – schaue ich mir lieber schon gut sortierte Fotos an. Die liegen in einer Lade in kleinen Plastikordnern. So richtige, entwickelte Bilder. Aus Kameras, in die man noch einen Film einlegen musste.

© Kalinka Photography

Ich schlage ein Album auf: Ui, Schulskikurs! Das vierte Bild mag ich besonders gern. Man sieht ein Balkongeländer. Eine Hand reicht ins Bild, ein Schneeball fliegt der Kamera entgegen. Dieser landete damals in unserem Zimmer, das sich den Balkon mit dem Nachbarzimmer teilte, und war der Start eines einwöchigen Wettstreits – und einiger nasser Flecken in der Unterkunft. Mein Herz hüpft bei dem Anblick des verwackelten Bildes.

Das 30. Bild kann doch keinen Spaß mehr machen?!

Lustig haben wir es gehabt! Das erzählen auch die anderen – eher unperfekten – Bilder. Gepostet sehe ich solche Bilder nie. Und wären sie damals auf einem Smartphone entstanden, wären sie ziemlich sicher schnell gelöscht worden. Denn irgendeines der Mädels aus meinem Zimmer hätte garantiert bei jedem Bild gesagt:

Oh Gott, bitte lösch das! Wie schau ich da aus?

Und nach 30 Versuchen hätten wir dann endlich ein Bild gehabt, auf dem niemand zu dick aussieht, keine die Augen geschlossen hat und alle aufgesetzt lächeln. Wir hätten viel Zeit vertan, um ein tolles Foto zu bekommen, die wir stattdessen für das Austüfteln von gelungenen Schneeattacken verwenden konnten.

Und eine Botschaft hätte das Bild auch nicht mehr transportieren können. Doch zum Glück sind die Erinnerungen in meiner Hand unzensiert, lebendig, glücklich machend, kurz: irgendwie doch perfekt. Deswegen waren die Fotos früher besser.

Weg von Perfektion, wieder hin zu mehr Authentizität

Noch besser sind vermutlich nur die Videoaufnahmen aus meiner Kindheit, die mein Vater gemacht hat. Hatte er Urlaub, wurden gerne mal Szenen unseres Alltags dokumentiert: meine Mama beim Abwaschen mit der Oma plaudernd, wir Geschwister im bevorzugten Umgang miteinander (streitend), das Chaos im Wohnzimmer, dazwischen Leerlauf, Vogelgezwitscher, spontane Moderation seitens des Papa – oder wahlweise Ausdrücke des Ärgernisses über das vermeidliche Nichtfunktionieren der Technik.

Ach, es ist schön, auf diese Weise in seine Kindheit zurück zu reisen! Den Alltag wieder aufleben zu lassen ist einfach authentisch. Alle gestellten Fotografien – Stichwort Familienfoto – hingegen finde ich ziemlich öd. Denn sie wecken so gar keine Erinnerungen in mir.

Wie wird es einmal meinen Kindern gehen?

Werden sie begeistert die 280 Fotos, die alleine aus ihrem ersten Lebensmonat noch gespeichert sind, durchsehen? Und sich an dem immer gleichen Motiv – sie selbst in wechselnden Outfits – erfreuen? Wohl kaum. Vielleicht werden sie es wie wir halten. Und die Sichtung der Fotos auf die Pension aufschieben, während sie sich die Footsies aktueller Neugeborener auf Facebook ansehen.

Vielleicht wäre es aber auch an der Zeit, dass mein Mann und ich den Einsatz unserer Kamera überdenken und einen neuen Blickwinkel erlernen.

© Kalinka Photography

Weg vom Inszenieren, weg vom Übermaß, hin zu authentischen Erinnerungen.

P.S.: Wir holen uns dafür Hilfe von Kalinka Photography. Ihre Photoshootings finden dort statt, wo wir sind. Völlig unangeleitet und rein dokumentarisch, um das Unvergleichliche und Wunderschöne unseres Familienlebens widerzuspiegeln. Die Bilder zu diesem Artikel hat sie beigesteuert.



EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Nach den Babyjahren sind wir aus Wien hinaus in Häuschen mit Garten gezogen. Ich begeistere mich für die Natur und ihren Schutz, beschäftige mich damit, wie Beziehungen gelingen können und brenne für unkonventionelle Ideen.


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