5. September 2018

Den Tod in den Alltag hereinholen

tod im alltag - meinefamilie.at

Viele Eltern schrecken davor zurück, mit ihren Kindern über den Tod zu sprechen. Dabei gehen Kinder besser mit dem Thema um, wie mancher glaubt. Doch es ist auch Aufgabe der Erwachsenen den Tod und damit verbundene Themen adäquat aufzugreifen.

Mit dem Tod kommen Kindern meist schon früh in Kontakt. Etwa wenn die Uroma stirbt. Die erste und völlig logische Reaktion ist Traurigkeit, weil die Oma jetzt nicht mehr da ist, man sie nicht mehr besuchen kann. Auch Wochen nach ihrem Tod war sie bei uns noch Thema. „Bitte lieber Gott mach, dass es der Uroma bei dir gut geht“, betete unsere Kleine stets beim Gutenachtgebet. Die Idee vom Himmel war ihr durch den Glauben mitgegeben worden. Es hat sie getröstet. Allein schon das Wissen, dass die Uroma, wenn auch an einem anderen Ort in einer anderen Form, existiert, lindert den Schmerz.

„Mach, dass ich die Uroma nicht vergesse“

Noch später haben sich ihre Gebete gewandelt: „Bitte lieber Gott mach, dass ich die Uroma nicht vergesse“. Das hat mich überrascht. Sie reflektierte dadurch darüber, dass die Uroma zwar an einem anderen Ort sein mag, aber nicht mehr unter uns auf dieser Welt ist. Dadurch laufen wir auch Gefahr, dass sie aus unserem Alltag herausfällt, nicht mehr Thema ist. Geschichten über sie oder Geschichten, die sie selbst erzählt hat, werden nicht mehr oder immer weniger auf den Tisch gebracht und immer seltener als zum Teil lustige Anekdoten, die man von Zeit zu Zeit einstreut.

Wir sollten selbstverständlicher mit dem Tod umgehen und auch immer wieder darüber sprechen.

Bei diesen Erzählungen sehen wir ihr Gesicht vor uns und erinnern uns klar und deutlich an die zahlreichen Nachmittage bei ihr. Wenn sie obiges kurzes Gebet betet, dann weiß sie offenbar, dass das Gebet eine Unterbrechung des Alltags sein kann. Eine Unterbrechung des Alltages, in dem wir womöglich der Uroma zu wenig Platz gelassen haben. Das Gebet, ebenfalls als eine Art Erzählung oder zumindest als ein Anstoß für weitere Erzählungen, kann das verändern. Dass sie das intuitiv begreift, beeindruckt mich. Jetzt liegt es an uns Eltern damit sorgsam umzugehen, mit ihr über den Tod und den Himmel zu sprechen. Und ihr Gebet ernst und beim Wort zu nehmen.

Der (nahende) Tod

Ein weiteres Erlebnis hat mich berührt. Ich war in einer palliativmedizinischen Einrichtung, viele alte Leute waren in ihren Betten und verbrachten ihre letzten Tage in einem schönen Umfeld. Einige Menschen waren mit ihren Betten auf der Terrasse und genossen die Sonnenstrahlen. Trotz der liebevollen Umgebung lag der nahende Tod förmlich in der Luft. Zugleich gab es aber in unmittelbarer Nähe Kinder, die spielten. Sie waren nicht laut, aber irgendwie unbekümmert. Im Gegensatz zu mir schien sie die Situation nicht betroffen zu machen, oder zumindest zeigten sie es nicht. Es waren höchstwahrscheinlich Enkelkinder der Patienten, die zu Besuch waren.

Sie schienen akzeptiert zu haben, dass ihr Uropa hier ist und bald sterben wird. Auf alle Fälle aber hatten sie sich mit der Situation vorerst arrangiert. Hatten ihre Eltern mit ihnen über den anstehenden Tod des Uropas oder der Uroma gesprochen? Höchstwahrscheinlich. Haben Kindern einen anderen Zugang zum Thema? Gut möglich. Es hat mir jedenfalls gezeigt, dass wir den Tod oft zu weit wegschieben und zu wenig in unseren Alltag hineinlassen. Wir sollten selbstverständlicher damit umgehen und auch immer wieder darüber sprechen.

Über den Tod sprechen

Was können wir als Erwachsene und Eltern also tun? Kindern haben ein feines Sensorium und merken, wenn wir uns mit etwas schwertun, wenn wir über gewisse Thema nicht oder nur sehr holprig sprechen können. Dennoch liegt es an uns, unseren Kindern Begriffe und Vorstellungen vom Tod und dem Leben danach mitzugeben. Wo lebt die Uroma jetzt? Was ist das für ein „Leben“, nachdem sie eigentlich gestorben ist? Welche Funktion haben Erzählungen über unsere lieben Verstorbenen?

Kindern haben also ein gutes Gespür, aber sie sind Kinder. Sie kommen meist nicht von selbst drauf, einen Begriff von Himmel und Jenseits zu entwickeln. Und wenn doch, dann gilt es mit ihnen darüber zu sprechen, ihre Vorstellungen mit den eigenen Vorstellungen zu vergleichen, ihnen „Handwerkzeug“ des Glaubens an die Hand zu geben.

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EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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