6. Februar 2019

Wut tut gut – vom Umgang mit kindlichen Aggressionen

Wut tut gut - vom Umgang mit kindlichen Aggressionen - meinefamilie.at

„Welches Bedürfnis steckt hinter den verschiedenen Ausdrucksformen kindlicher Wut und wie können Eltern mit den Emotionen ihrer Kinder im Alltag besser umgehen?“ Das war die zentrale Frage des Vortrags von Dr. Jan-Uwe Rogge welcher am 23. Jänner 2019 im Bildungshaus St. Hippolyt stattfand.

Der mehrstündige Vortrag stand unter dem Motto „Wut tut gut“ und handelte vom Umgang mit Aggressionen im Kindes- und Jugendalter.

In unterhaltsamer Weise sprach der beliebte Familien- und Kommunikationsberater sowie Bestsellerautor über die unterschiedlichen Formen der kindlichen Wut und ging auf Fragen aus dem Publikum ein.

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Anhand zahlreicher Beispiele aus seinem Alltag als beratender Erziehungsexperte zeigte er wie unterschiedlich Aggressionen sein können. Rogge rief die anwesenden Eltern dazu auf hinter die „Fassade“ ihrer wütenden Kinder zu blicken. Oft stecke, laut dem Experten, in der Wut nämlich der Aufruf an die Eltern, mehr auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen.

Aggression – „nichts was behoben werden kann“

Rogge machte klar, dass Kinder Grenzen testen und diese Grenzen laufend überschreiten und ausweiten wollen. Eltern empfänden dies oft als „aggressiven Akt“ – dies sei jedoch ein Zeichen, dass die Kinder groß werden. Ein Grund zur Freude!

Rogge betont, dass Aggression in diesem Sinne normal sei und nichts ist, was „behoben“ werden kann. Aggression im Verhalten und in der Sprache sei wichtig für das Heranwachsen.

Trotzverhalten – Welche Botschaft steckt dahinter?

Verweigere ein Kind beispielsweise das abendliche Zähneputzen mit einem „wütenden NEIN“, so stecke dahinter meist mehr als nur Widerwille. Oft möchten Kinder durch Ablehnung zeigen, dass sie selbst mitbestimmen wollen.

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Im Falle eines Zweijährigen könnte das Nein zum Zähneputzen bedeuten, dass er über den Zeitpunkt mitbestimmen will. Immerhin sei er „schon groß“, er geht doch schon in den Kindergarten! „NEIN“ ist oft eine Aufforderung an die Eltern, nachzudenken.
Die Eltern des besagten Zweijährigen könnten das Problem beispielsweise umgehen, indem sie ihn mitbestimmen lassen wann er seine Zähne putzen möchte – vor oder nach der Gutenachtgeschichte?

Ein weiteres Beispiel für Verhalten, hinter dem mehr als Trotz stecken kann, brachte eine Mutter aus dem Publikum ein. Sie berichtete über die Probleme, die sie mit ihren Söhnen hat, wenn es in der Früh Zeit zum Aufstehen wird. Laut der Mutter wehre vor allem der siebenjährige Sohn sich gegen ihre morgendlichen „Weckversuche“. Der kleine zweijährige Bruder bereite hingegen kaum Schwierigkeiten.

Laut Dr. Jan-Uwe Rogge könnte hinter dem Verhalten des Großen Eifersucht oder ein gewisser Ärger dem kleinen Bruder gegenüber stecken. Man müsse bedenken, dass der Bub den größten Teil seines bisherigen Lebens als Einzelkind verbracht habe. Er erhielt die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern und musste ihre Zuneigung nicht teilen. Bis zur Geburt des Bruders – plötzlich steht er nicht mehr alleine im Mittelpunkt, muss seine Spielsachen teilen und auf das kleine Brüderchen Rücksicht nehmen. Natürlich gibt es dann, so gern der Bub seinen kleinen Bruder auch haben mag, auch in diesem jungen Leben Momente, in denen er seine Mama oder seinen Papa wieder gerne ganz für sich hätte.

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Rogge empfiehlt den Eltern in diesem Fall, zu versuchen den Siebenjährigen offen zu fragen: „Was soll ICH morgen machen, damit DU morgen früher aus dem Bett kommst?“ Rogge vermutet, dass dem Buben ein morgendliches Ritual guttun könnte. Er empfiehlt den Eltern, dass sie ihren älteren Sohn ein paar Minuten vor dem kleinen Bruder wecken, sich zu ihm ans Bett setzen, ihn streicheln oder eine morgendliche Kuschelrunde einlegen – Zeit, in der ihre ungeteilte Aufmerksamkeit nur dem großen Sohn gilt.

Verhalten wird oft falsch interpretiert

Wie diese Beispiele zeigen, wird trotziges Verhalten, sei es durch körperliche oder sprachliche Ausdrucksweise, von Eltern oft als aggressiv oder wütend interpretiert. Kinder wissen, dass sie nicht auffallen, wenn sie sich angemessen verhalten. Wenn sie dagegen Grenzen überschreiten, bekommen sie Aufmerksamkeit. Dies sei laut Jan-Uwe Rogge oft der Grund, weshalb Kinder sich rebellisch verhalten. Hinter dem Verhalten stecke meist mehr, als der Wille, sich den Eltern zu widersetzen. Vielleicht soll das trotzige, wütende Verhalten die Eltern wachrütteln? In jedem Fall ist es eine Einladung nachzudenken: Was braucht das Kind, was drückt es mit seinem Verhalten aus?

Überbehütung und voller Zeitplan mit Folgen

Ein Punkt welcher dem Experten sehr am Herzen lag, war aufzuzeigen, dass Kinder in der heutigen Zeit oft unter den Einschränkungen ihrer „pädagogisch wertvollen“ Eltern leiden. Dies äußere sich oft in aggressivem Verhalten und aggressiver Sprache.

Laut Rogge überbehüten viele Eltern ihre Sprösslinge – Wege die die Kinder früher alleine gehen konnten werden heute gefahren. Eltern seien „daueranwesend“ und nehmen den Kindern dadurch die Möglichkeit, selbstständige Erfahrungen zu machen.

Durften Kinder früher den kurzen Weg in die Schule alleine zurücklegen, die Umgebung erforschen, laufen, spielen, trödeln, ihre Zeit selbst einteilen und sich austoben, so wird heute immer öfter jeder noch so kurze Weg mit dem Auto zurückgelegt. Dabei kritisiert Rogge, dass Kinder sich und ihren Körper „spüren“ wollen, Kinder wollen selbstständig sein. Sie wollen rangeln, raufen und toben, wild sein und Dinge ausprobieren – unabhängig davon, ob die Eltern sie davor gewarnt haben. „Es ist wichtig, dass Kinder wissen, was sie mit ihrem Körper anstellen können. Dazu müssen sie den Körper gebrauchen dürfen – denn man kann nicht alles über die Sprache machen!“, erklärte Rogge.

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Diese Dinge kommen laut Rogge heutzutage oft zu kurz. Schuld daran sei auch, dass Kinder immer weniger Zeit zu ihrer freien Verfügung hätten. Terminkalender seien gefüllt mit angeleiteten, „pädagogisch wertvollen Aktivitäten“, die Kinder hätten kaum noch Zeit zu lernen, wie man sich selbst beschäftigt und kreativ ist.

Die Folgen seien nicht sofort sichtbar aber auf Dauer machen sie sich laut Rogge durch Probleme wie die tendenzielle Neigung zu Bluthochdruck und psychische Defizite bemerkbar. Auch die generationenübergreifende Übertragung und Projektion von „Erziehungsfehlern“ auf die eigenen Kinder sei oft gegeben.

Erziehungswissenschaftler Rogge empfiehlt allen Eltern eine weniger verkrampfte Einstellung zum Thema „Erziehung“. Mehr Gelassenheit, Humor und das Eingeständnis, dass Menschen „nicht perfekt sind“ und auch nicht sein müssen und können, würde den Alltag und den Umgang mit Kindern sehr erleichtern. Etwas weniger Kontrolle und Zeitplanung seitens der Eltern führe vielleicht manchmal zu Langeweile – dies sei jedoch für das Heranwachsen wichtig. Kinder müssen lernen, wie sie sich selbst beschäftigen und ihre Zeit selbst einteilen. Haben die Kinder ab und zu freie, kreative Zeit für gesunde Langeweile und Zerstreuung, führe das auch bei den Eltern zu mehr Entspannung. Praktisch, oder?



EIN ARTIKEL VON
  • Ernestine Fournarakis

    Ich bin Referentin für Online-Projekte in der Diözese St. Pölten. Das Schreiben zählt seit jeher zu meinen liebsten Beschäftigungen. Umso mehr freut es mich, dass ich nach Abschluss meines Studiums einen Beruf gefunden habe, der sich mit meinem Hobby kombinieren lässt.


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