23. Februar 2019

Weg mit den Süßigkeiten!

weniger süßigkeiten - meinefamilie.at

Kinder essen zu viel Süßes. Und wir Eltern können alleine wenig dagegen tun. Ein zynisch-ehrlicher Erfahrungsbericht.

Wer möchte, dass sein Kind wenig bis keine Süßigkeiten isst, hat meist Gutes im Sinn. Zucker schadet den Zähnen, macht dick und liefert viele „leere“ Kalorien. Das bedeutet, er ist ein reiner Energiebringer, beinhaltet aber sonst keine wichtigen Nährstoffe, wie Vitamine, Mineralstoffe oder sekundäre Pflanzenstoffe. Und auch die „wertvolleren“ Süßigkeiten (Stichwort: „Da ist nur Birkenzucker/Kokosblütenzucker/Dattelsüße drinnen!“, „Das ist Vollkorn.“, „Mit ganz wenig Fett.“) gewöhnen unsere Kinder an den süßen Geschmack. Muss also auch nicht ständig sein.

Zum Scheitern verurteilt

So weit, so gut. Doch wer möchte, dass sein Kind wenig bis keine Süßigkeiten isst, ist nicht nur um die Gesundheit seiner Kinder besorgt. Er ist auch eines auf jeden Fall: Zum Scheitern verurteilt! Warum? Weil unsere Gesellschaft offensichtlich mittels Süßigkeiten funktioniert. Und da meine Kinder (3 und 5 Jahre) Teil der Gesellschaft sind und auch sein sollen, bekommen sie Süßigkeiten:

  1. Im Kindergarten: Jeder Geburtstag wird mit Torte gefeiert. Macht 23 Tortenstücke im Jahr, oft mehr, weil etwas überbleibt und am Nachmittag erneut angeboten wird. Also etwa jede 2. Woche Geburtstagstorte. Dazu die Nachspeisen nach dem Mittagessen: Neben Obst und Joghurt gibt es fix einmal pro Woche Schokolade und einmal Kuchen. Ach ja, eine süße Hauptspeise pro Woche ist auch noch drin. Und es gibt es natürlich noch weitere Gelegenheiten, die auch im Kindergarten erst durch Schokolade so richtig festlich werden: Nikolaus, Weihnachten, Ostern. Zum Fasching gibt’s Krapfen, im Sommer ein Eis. Ein ganz normaler Kindergarten halt.
  2. Auf der Post: Fizzers für die braven Kinder gibt es zu jedem eingeschriebenen Brief gratis dazu.
  3. Bei Sportkursen: Wer sich bewegt, darf auch naschen. Das ist wohl gesellschaftlicher Konsens. Oder aus welchem anderen Grund beinhalten die Kosten sowohl beim Ski-, als auch beim Eislaufkurs meiner Kinder Süßigkeiten zur Motivation und Belohnung?
  4. In der Kirche: Für das lange Sitzen muss man entschädigt werden und so brachte im letzten Jahr der Nikolaus nach der Sonntagsmesse ganze 250 g Schokolade pro Kind! Wenn gerade nicht Nikolaus, Weihnachten, Ostern oder Missio-Sonntag mit Pralinenverkauf (irgendjemand kauft unseren Kindern mit Garantie Pralinen) ist, findet sich oftmals ein Naps in den Taschen der betagten Kirchenbesucher, die sich so freuen, weil die Kinder da waren. Und da nicht nur die Freude, sondern auch die Backkunst der betagten Kirchenbesucher groß ist, gleicht ein Pfarrkaffee sowieso einem Besuch im Schlaraffenland.weniger süßigkeiten2 - meinefamilie.at
  5. Den Großeltern: Der Klassiker. Gegen den haben wir wirklich rebelliert. Mit Erfolg. Jetzt gibt es keine Süßigkeiten mehr. Nur noch Palatschinken zu Mittag. Mit Nutella – bei der einen Oma. Und Topfen-Rosinen-Fülle bei der anderen Oma. Marmelade kommt dann noch oben drauf. Aber sonst gibt es keine Süßigkeiten. Nur Dinkel-Butterkekse. Und die Schokoschirmchen, die vom Christbaum übrig waren. Aber das ist ja nur einmal im Jahr. Ach, Urgroßeltern gibt’s auch noch mehrere. Die haben auch einen Christbaum mit Schirmchen. Selber essen können sie die leider nicht – wegen dem Zucker.
  6. Von Gästen: Leider schaffen es viele Gäste nicht mit leeren Händen zu kommen. Manche sind so nett und fragen vorher nach, was sie mitbringen dürfen. „Nichts!“, sage ich dann, „Wenn ihr etwas mitbringt, lade ich euch wieder aus!“ – „Ja, aber für die Kinder was! Was mögen sie denn?“ – „Sie räumen nicht sehr gerne auf. Tut ihnen also den Gefallen, und bringt ihnen nicht noch mehr zum Aufräumen.“ – Seufzen. „Aber was zum…“ – „NEIN! Auch keine Süßigkeiten!“ … War das zu hart? Ich möchte sie ja eigentlich in ihrem Verhalten bestärken. Also schicke ich noch eine Nachricht hinterher: „Ich bin dir wirklich dankbar fürs Nachfragen! Wir freuen uns auf euer Kommen!“

Die Liste ließe sich noch eine ganze Weile weiterführen.

„Dürfen sie eh?“

Natürlich fragen die meisten anderen Leute auch nach. „Dürfen sie eh?“, höre ich, während meine Kinder die zuckerreiche Gabe schon halb in Händen halten. Das ist wenig hilfreich.

  • Sage ich Nein, kann ich oftmals die geplante Aktivität vergessen. Mit Freunden plaudern? Am Spielplatz austoben? Von A nach B kommen? Muss jetzt alles in den Hintergrund rücken, weil mein Kind eine Erklärung will. Weil es jammert und bizzelt oder sich gar vor Wut auf den Boden wirft. Ich erkläre immer und immer wieder. Doch es ist wirklich schwer zu verstehen. „Warum gibt mir ständig jemand etwas, was gut schmeckt, und du lässt mich nicht und sagst, dass das schlecht für mich ist?“ lese ich in den Kinderaugen.
  • Sage ich nein, brauchen auch die Süßigkeiten-Anbieter Betreuung. „Dürfen sie leicht gar nicht? Ist doch nur ein kleines Stück!“ Doch, meine Kinder dürfen Süßes essen! Ich esse auch gerne Süßes. Aber es ist einfach viel zu viel! Sieht das denn niemand?

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  • Sage ich nein, werden die Süßigkeiten zu einer ganz großen Sache und dominieren alles weitere.
  • Sage ich ja, schlemmen die Kinder mit großem Vergnügen – sie haben schließlich meinen Segen. Das Programm läuft so dahin und wenn meine ohnehin energiegeladenen Kinder zuckergepeitscht die Gegend unsicher machen, sickert bei manchen Beobachter von selbst die Erkenntnis, dass Süßigkeiten sparsam dosiert gehören.

Sofern die Kinder nicht freiwillig jede Süßigkeit ablehnen, sehe ich mich also ziemlich chancenlos, wenn ich mich dem gesellschaftlichen Leben nicht entziehen möchte.

Ein Nein verlangt viel ab

Eigentlich übergebe ich ja meinen Kindern die Verantwortung für ihr Essen. Sie müssen nicht kosten, nicht aufessen und nicht das essen, was ich mir vorstelle. Doch bei dem Überangebot an Süßigkeiten ist es sehr viel verlangt, dass sie nur so viel essen, wie ihnen gut tut. Damit ist man auch als Erwachsener schon oft genug überfordert. Wer beim Einkaufen im Supermarkt jedes Mal an einem 10 Meter langen Regal vollgefüllt mit Süßkram vorbei spaziert, hat unweigerlich nach ein paar Mal das Gefühl schon ewig lange verzichtet zu haben. Denn wenn einem Süßes schmeckt, ist jedes Mal am Regal vorbeigehen schon ein Nein zum Kauf und somit eine beachtenswerte Leistung. In der Bäckerei konsequent nur Brot und Gebäck zu kaufen, wenn einem der Duft von Krapfen und Striezeln in der Nase liegt, eine noch viel größere.

Nach viel mehr Ja’s zu Süßigkeiten als mir lieb ist, und vielen Gesprächen mit meinen Kindern ÜBER Süßigkeiten, ABSEITS von Süßigkeiten, hat meine Tochter (5) jetzt meine Argumente schon so weit verstanden, dass ich ihr nicht mehr Ja oder Nein sage, sondern: „Ja, du kannst das haben. Aber ich finde es nicht gut, wenn du es isst. Ich finde, es ist zu viel.“ Immer wieder hat sie dann Kämpfe mit sich selbst auszutragen. Aber immer wieder schafft sie es auch, einfach Nein zu sagen. Mein Sohn (3) hat Neurodermitis und reagiert auf Schokolade mitunter heftig. Ihn muss ich noch mit meinen Neins unterstützen.

Doch es ist oft hart. Am Spielplatz, im Bus, gefühlt überall, isst irgendjemand etwas Süßes. Und viele Leute sind gewillt, bereitwillig zu teilen. Das ist schön. Aber zu viel. Wir essen zu viel Zucker. Als Gesellschaft. Weil Süßspeisen bei uns eine große Tradition haben. Und weil es uns an jeder Tankstelle, jedem Bahnhofsautomaten und zusätzlich noch auf Werbeplakaten anlacht. Wir sollten öfter nein sagen. Und uns nicht gegenseitig mit so viel Zucker beschenken. Das würde ich mir wünschen.

Bis dahin werde ich wohl meinen Kindern T-Shirts drucken lassen müssen. Mit der Aufschrift: „Bitte nicht füttern! Weg mit den Süßigkeiten!“



6 Kommentare
  • Katharina, 23. Februar 2019, 20:14 Antworten

    Hallo, danke für deinen Artikel. Ich kenne das Problem und verstehe nicht, dass die Erwachsenen es echt noch nicht kapiert haben...Letztens hat mein Kind von einem Mitarbeiter Gummibärli bekommen weil er sich weh tat und weinte. Nein danke!! Zucker soll nicht Trost spenden.....Mein Problem ist ebenfalls das Leben in der Gesellschaft, dass ich meinem Kind nicht verweigere.Ich mag keine Zwischenmahlzeiten, ständiges Essen nach Kursen wie Tanzen, Turnen etc in der Garderobe. Wofür????Zucker nein danke. Obst... danke auch nicht.Ständige Verfügbarkeit von Essen? Nein... wozu? Das Kind überlebt auch mehr als eine Stunde ohne Essen.Was gewöhnt man dem Kind da bitte an? Ich hoffe, dass ich als Vorbild doch irgendwie Wirkung habe, zumindestens langfristig.Unser Problem: Mein Kind hat einen angeborenen Zahnschchmelzdefekt. Im Idealfall sollte er nie Zucker essen, und Obst einmal amTag oder weniger.So, jetzt gehts um seine Zahngesundheit. Aber wenn ich ihm, er wird bald 3, alles verbiete oder stark einschränke, dann mache ich mir Sorgen, dass ich kurzfristig zwar die Milchzähne schütze, aber langfrustig die bleibenden Zähne und der allgemeinen Gesundheit meines Kindes schade, weil er vielleicht durch das Einschränken umso mehr davon möchte.Und sobald ich die Ernährung nicht mehr kontrollieren kann, er vielleicht sich viel zu viel reinstopft ohne Maß, weil es ihm früher verwehrt wurde.Also frage ich mich, wie ich den Konsum einschränken kann, ohne ein gestörtes Verhältnis zum Essen zu bewirken... ?Zu Hause gibts immer nur ganz wenig Obst, Süsses existiert daheim nicht. Ich selbst esse zuckerfrei seid Jahren. Aber wie gesagt... die Gesellschaft..Wenn jemand Tipps oder eine Buchempfehlung hat, dann bitte her damit.Danke und liebe GrüsseKatharina

    • Agnes Rehor, 1. März 2019, 21:06 Antworten

      Liebe Katharina, ich kann deine Überlegungen gut verstehen! Es ist sicherlich schwierig die Zähne deines Kindes zu schützen. In seinem Alter kann man ja noch nicht wirklich mit Verständnis vom Kind rechnen, aber das kommt sicherlich! Ich würde wahrscheinlich viele Bücher zum Thema - in dem Fall wohl Zähneputzen - mit dem Kind anschauen, um ein Grundverständnis dafür zu schaffen, was das Problem mit dem Zucker und den Zähnen ist. Eine konkrete Empfehlung habe ich leider nicht. Wir haben zuhause nur "Der kleine Teddy muss Zähne putzen", was mir von den Rollenbildern her eigentlich nicht gut gefällt, aber es ist ein schönes Bild von den Bakterien auf den Zähnen darin, daher lese ich es trotzdem ab und an vor. Auch wenn wenig bis nichts Süßes besser wäre, würde ich vielleicht zu gewissen Anlässen (wo das Kind auf jeden Fall mit Süßem konfrontiert wird) doch Süßigkeiten mit Xylit oder so anbieten, um die strikte Einschränkung zu umgehen. Oder etwas anderes Besonderes, was das Kind mag, aber nicht alltäglich ist. Schwierig... Ich hoffe sehr, dass da bald einmal ein Umdenken stattfindet! Ebenso wie in dem von dir genannten Punkt, dass Kinder auch mal eine Stunde ohne Essen auskommen! Das ständige Essensangebot verstehe ich nämlich auch gar nicht. Ich wünsche dir jedenfalls viel Erfolg und deinem Kind möglichste gesunde Zähne! Liebe Grüße, Agnes

  • Andrea, 24. Februar 2019, 16:38 Antworten

    Danke fürs Teilen. Ich verzweifle auch langsam an der Masse an Süßigkeiten, die meiner Tochter zugesteckt werden. Zucker ist keine Mahlzeit. Alles hat seinen Zeitpunkt. Ein Keks zum Nachtisch ist etwas anderes als ständig und überall. Es nervt einfach nur noch. Caprisonne ist kein Getränk. Sowas gibt es mal als eine Ausnahme aber doch nicht täglich. Ich würde zu gern mal alles sammeln, was meiner Kleinen so angeboten wird. Da kommt im Monat ein ganz schöner Berg zusammen. Ich bin immer die Böse, die nein sagt. Ein Kind braucht in der Umkleide nach dem Turnen keine Schokolade. Kann man da nicht einen Apfel oder eine Banane mitnehmen? Die sind schon süß genug. Eine Lösung hab ich keine...außer immer selbst kochen, viel selbst backen und darauf hoffen, dass das Kind sich das Essverhalten der Familie abschaut....ich hab über das Thema hier gebloggt:https://mit-kindern-reifen.de/liebe-suessigkeiten-verteilenden-menschen-gut-gemeint-nicht-immer-gut/

    • Agnes Rehor, 1. März 2019, 21:18 Antworten

      Liebe Andrea, danke für deine Rückmeldung und deinen Link. Wäre sicher ein beeindruckendes Experiment, alle Süßigkeiten eines Monats zu sammeln! Ich backe auch gerne ganz simple Kekse aus Banane, Karotte, Apfel, Haferflocken, Leinsamen und Butter. Schmecken - vor allem frisch - großartig. Aber ja: Zuhause ist ja normalerweise auch nicht das Problem! Liebe Grüße, Agnes

  • M., 28. Februar 2019, 18:07 Antworten

    Ich habe selten etwas gelesen, das so auf den Punkt gebracht ist. Danke! Fast zu kurz im Text die Lösung: die Kinder stärken, dass sie widerstehen können. Nehme ich mir jetzt als Vorsatz!

    • Agnes Rehor, 1. März 2019, 21:08 Antworten

      Danke für die Rückmeldung! Vielleicht widme ich dem Lösungs-Aspekt in irgendeiner Form noch einmal einen Artikel.

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