5. Oktober 2018

Wie verhalte ich mich, wenn meinem Kind Unrecht geschieht?

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Wie verhalte ich mich, wenn meinem Kind Unrecht geschieht? „Auf die Barrikaden!“ oder „Schwamm d’rüber?“ Was können Kinder selbst regeln? Wann muss ich einschreiten?

Beim letzten Streit wurde Sabrina (5) so wütend, dass sie ihrem Spielkameraden Vincent (6) einen heftigen Kratzer ins Gesicht verpasste. Vincents Mutter weiß, dass ihr Sohn selbst manchmal grob werden kann und ist unsicher, ob sie das Mädchen zur Rede stellen soll. Sie tut es doch bei nächster Gelegenheit und sagt freundlich: „Sabrina, du hast letztes Mal dem Vincent ganz schön weh getan.“ Das Mädchen flüchtig: „Das ist nicht wahr!“ und läuft davon. Irgendwie kommt sich Vincents Mutter frustriert vor, aber sie will keine Affaire daraus machen. Auch weiß sie, dass Vincent bei Sabrinas Mutter nicht besonders gut angeschrieben ist. Zum Glück ist Vincent weder wehleidig noch nachtragend. Daher erwähnt sie den Vorfall nicht mehr.

Wenn Eltern Partei ergreifen

Möglicherweise hätten andere Eltern ganz anders reagiert und laut nach Gerechtigkeit gerufen. Zumindest könnte man von Eltern verlangen, dass sie ihren Kindern so die Nägel schneiden, dass sie niemanden damit verletzen können. Wenn sich Eltern durch Kritik an ihren Kinder selbst betroffen fühlen, dann ergibt sich dabei leicht das weit verbreitete Spiel „meines ist besser als deins!“ Es ist schade, wenn sich aufgrund solcher Vorfälle feindliche Lager zwischen den Eltern bilden, statt sie als Gelegenheit zu sehen, Kindern Konfliktkultur beizubringen.

Haben Sie Mut zur Konfrontation

Es liegt am Erwachsenen, dafür zu sorgen, dass Sabrina sich nicht dem Gespräch entzieht. Vincents Mutter hätte einleitend kind unrecht - meinefamilie.atsagen können: „Sabrina, bleib noch da, ich will mit dir reden!“ Gegebenenfalls sollte sie das Mädchen sanft aber bestimmt zurückholen, ihr nachgehen oder bei einer nächsten Gelegenheit für ein offenes und freundliches Gespräch sorgen, womöglich im Beisein ihres Sohnes. „Erzähl mir, wie es dazu kam, dass Vincent diese Kratzer hat. Er sagte, das sei von dir“ (freundlich, aber bestimmt konfrontieren). Auf ihre Schilderung muss die Mutter verständnisvoll eingehen und dafür sorgen, dass sich das Mädchen nicht ins „böse Eck“ gedrängt fühlt.

Gut ist es, wenn beiden Kindern einfühlsam zugehört wird, damit Verständnis füreinander wächst und ein ehrliches „das tut mir Leid“ möglich wird. Dann regt der Erwachsene dazu an, sich Gedanken darüber zu machen, wie ähnliche Situationen in Hinkunft vermieden werden können.

Zuletzt bedankt sich Vincents Mutter bei Sabrina, dass diese dazu bereit war, dieses Gespräch zu führen und ermöglicht es ihrem Sohn, großzügig zu sein und zu betonen, dass er seiner Spielkameradin nicht mehr böse ist. Solche Gespräche dauern oft nicht länger als fünf Minuten, aber sie sind für beide Kinder sehr wichtig. Für Vincent ist es auch wichtig, zu wissen, dass seine Mutter nicht zulässt, dass ihm Unrecht geschieht, ohne seinen eigenen Anteil an Konflikten zu verniedlichen.

So lernen Kinder Einsicht und Versöhnung

Tagtäglich haben Eltern Gelegenheit, mit eigenen und fremden Kindern (z.B. am Spielplatz) Konfliktsituationen aufzuarbeiten. Dabei geht es nicht darum, den „Bösen“ abzustempeln oder auszugrenzen, sondern darum, Kindern in einer freundlichen und nicht beschuldigenden Atmosphäre zu ermöglichen, zur Wahrheit zu stehen und Einsicht und Reue zu entwickeln. Gerade der jeweilige „Böse“ braucht Verständnis und die Möglichkeit, ohne Gesichtsverlust und Anfeindungen sein Unrecht zugeben und gegebenenfalls wieder gut machen zu können. Nur so sind Kinder in der Lage, Einsicht zu zeigen, um Entschuldigung zu bitten und eine innere Motivation zur Besserung zu entwickeln und umzusetzen.

Die Zauberworte heißen Wahrheit, Verständnis, Vergebung und Versöhnung – wie in biblischen Zeiten. Sie haben auch heute und nicht nur bei Kindern ewige Gültigkeit.

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