30. Mai 2019

Familie ohne Auto?


Ich liebe Auto fahren. Als wir unser Auto verkauft haben, habe ich geweint. Und trotzdem haben wir nun drei autofreie Jahre hinter uns. Hier mein Resümee.

Der Kauf unseres ersten Autos war der Start einer tollen Ära. Wir waren spontan und flexibel und konnten problemlos unsere in Österreich verstreuten Freunde besuchen. Als dann unser zweites Kind auf dem Weg war und unser Traum vom eigenen Haus immer größer wurde, beschlossen wir zu sparen. Das Studieren unserer penibel geführten Ein- und Ausgabenliste führte immer zum gleichen Schluss: Das Auto muss weg! Wir brauchten es nicht für den Weg zur Arbeit, nicht um in den nächsten Supermarkt zu kommen und noch nicht mal, um unsere Eltern zu besuchen. Denn aus Umweltgründen versuchten wir ohnehin – wenn möglich – die Öffis zu nehmen.

Autofrei als Familie?

(c) iStock

Ja, das geht. Wir kannten genug Familien, die so lebten, und fortan wollten wir auch zu ihnen gehören. So stand ich nun mit einem 20 Monate alten Kind und einem Kugelbauch ohne Auto da. Wir beschlossen zum Start gleich einmal einen Kurzurlaub zu machen, um das Öffi-Reisen auszuprobieren.

Es gibt eine große Auswahl an Ausflugs- und Urlaubsziele, die auch ohne Auto gut erreichbar sind. Und ein Auswahlkriterium, dass die Vielfalt an Möglichkeiten einschränkt, ist eigentlich richtig angenehm.

Unsere erste Familienreise mit Öffis war dann auch gleich sehr lehrreich:

  • Kaufe keine ÖBB-Tickets, wenn du mit der Westbahn fährst.
  • Mit Kinderwagen brauchst du mehr als fünf Minuten Umstiegszeit.
  • Erkundige dich nach Schienenersatzverkehr.
  • Und: St. Pölten ist gar nicht so hässlich wie sein Ruf. Man kann dort getrost zwei Stunden Wartezeit verbringen und durch die Stadt flanieren.

Trotz unserer Startschwierigkeiten war es eine fröhliche Reise. Denn es fühlte sich einfach gut an, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Und es fühlte sich richtig an, für eine große Sache – nämlich unser Haus – auch etwas einzusetzen.

Nachdem wir nun drei Jahre sowohl unseren Alltag, als auch eine Baustelle und eine Übersiedelung ohne eigenes KFZ gemeistert haben, können wir sagen: Wir sind sehr froh über diese Zeit. Ja, es braucht mehr Planung und Disziplin, aber Planung und Disziplin sind gar nicht so schlecht im Leben. Aber wie immer hat alles zwei Seiten.

Hier unsere positiven Erfahrungen:

Wir brauchen Bewegung!
(c) iStock

Hätten wir immer alles bequem mit dem Auto erreicht, hätten wir nie herausgefunden, wie weit unsere Kinder eigentlich zu Fuss gehen oder mit dem Fahrrad fahren können. Es schadet nicht, sich auch einmal anzustrengen. Meine Tochter möchte ihre Freundin treffen? Gerne. Das bedeutet aber 15 Minuten steilen Fussweg. Ein gutes Eis wäre fein? Ab aufs Rad und vier Kilometer treten. Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, hat unser innerer Schweinehund gar keine so großen Chancen. Natürlich sind Kinder (und auch wir) nicht immer begeistert, wenn wir uns anstrengen müssen. Aber ich behaupte Folgendes: Es ist völlig egal, ob wir einen oder sechs Kilometer unterwegs sind. Beides ist gleich anstrengend. Denn der Unwille und das Gejammer begleiten uns meist nur den ersten Kilometer. Danach haben die Kinder und wir in einen Rhythmus gefunden. Mit einem Auto hätten wir wohl nicht bemerkt, dass unsere Tochter mit vier Jahren nicht nur acht Kilometer Fahrrad fahren kann, sondern so viel Bewegung sogar regelmäßig braucht, um richtig entspannt und ausgeglichen zu sein. Wir wären auch nie in den Genuss gekommen, nach einer 9-stündigen Zugfahrt mit zwei Kleinkindern, einem Kinderwagen und Gepäck für vier Personen zweieinhalb Kilometer einen Berg hinauf zum Quartier zu marschieren. Zugegeben: Diesen Genuss hätten wir auch nicht gehabt, wenn ich mich bei der Planung der Reise nicht nur auf meine Erinnerung aus Jugendtagen verlassen hätte („Ich bin das schon gegangen. Das ist nicht so weit!“). Das war wirklich richtig anstrengend! Aber ganz ehrlich: Nach 9 Stunden im Zug sitzen braucht unser Körper dringend einen Ausgleich wie diesen. Und unsere Kinder dürfen gerne lernen, dass sich manche Ziele nur mit Durchhaltevermögen erreichen lassen.

Was wir auch geübt haben:

Wir dürfen um Hilfe bitten!

In unserer autofreien Zeit war es für uns wirklich schön zu sehen, wieviele Leute uns ihr Vertrauen geschenkt und uns ihr Fahrzeug geborgt haben. Manchmal muss man nur den Mut haben und fragen. Viele Menschen freuen sich sogar richtig, da sie ohnehin der Meinung sind, ihr Auto wird zu wenig genutzt.

Wir konnten erfahren, dass wir überhaupt nicht eingeschränkt sind, wenn wir Andere um Hilfe – in diesen Fall um ihr Auto – bitten. Miteinander teilen ist schön und absolut sinnvoll. Ja, die Organisation ist vielleicht manchmal etwas aufwendig. Aber das ist für so ein Luxusgut doch in Ordnung.



EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Nach den Babyjahren sind wir aus Wien hinaus in Häuschen mit Garten gezogen. Ich begeistere mich für die Natur und ihren Schutz, beschäftige mich damit, wie Beziehungen gelingen können und brenne für unkonventionelle Ideen.


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