18. September 2018

Das erste eigene Zimmer

kinderzimmer -meinefamilie.at

Eine Stadtwohnung ist kein Bauernhof. Nicht immer ist es möglich, dass jedes Kind ein eigenes Zimmer hat. Spätestens wenn die Interessen und Bedürfnisse des Nachwuchses allzu stark differieren, wäre das aber wünschenswert.

Jahrelang waren die Geschwister ein Herz und eine Seele. Wenn man jetzt mal von einigen kleinen Zwists absieht. Eines Tages, und ja es wirkt fast wie eine Nacht und Nebel-Aktion und absolut spontan, ist es nicht mehr gegangen. Die Kleine wollte malen und Barbie-Spielen, während die Große Hausaufgaben machen und/oder lesen wollte. Die Küche oder das Eltern-Schlafzimmer als Ausweichorte für das Kinderzimmer, die sodann von einer Horde Barbies okkupiert werden, haben sich als wenig tragfähig und passend erwiesen.

Ein Zimmer für sich allein

Nicht umsonst hat wohl die Schriftstellerin Virginia Woolf dem Thema eigenes Zimmer einen langen Essay gewidmet. Natürlich unter anderen Vorzeichen. Sie schreibt davon, dass das eigene Zimmer absolut zentral dafür sei, sich als Frau entfalten zu können und natürlich auch zu schreiben. Das eigene Zimmer ist ein Freiraum, ein Rückzugsort, ein Ort jenseits des beschwerlichen Alltages.

Das lässt sich aber nur allzu leicht in den Familien- und Kinder-Kontext transferieren. Kein eigenes Zimmer zu haben bedeutet stets Kompromisse. Bedeutet, ganz für sich alleine sein zu können. Nie einfach nur die Türe zuzumachen oder gar zuzusperren im Wissen, dass in den nächsten Stunden garantiert niemand hereinkommen wird, und wenn dann zumindest nach dem Klopfen. Erst dann kann sich ein Kind eines bestimmen Alters ganz auf sich konzentrieren, darauf, was es wirklich tun oder lassen will. Ohne Störungen, ohne Irritationen, ohne Kompromisse.

Dann war es so weit

Die persönliche Erfahrung hat jedenfalls gezeigt, dass ein eigenes Zimmer der Großen deutliche Vorteile bringt. Streitereien wegen gänzlich unterschiedlichen Vorstellungen sind passé. Dafür sind neue Probleme dazu gekommen.

Ein interessantes Phänomen ist beispielsweise, dass das Zimmer ab sofort wieder geteilt wird. Die Große aber zugleich auch darauf beharrt, dass es ihr Zimmer ist über das auch nur sie bestimmen darf. Ein Kommen ist nicht mehr ohne Voranmeldung oder ausdrückliche Einladung möglich. Das wiederum akzeptiert die Kleine nur sehr ungern und zögerlich.

Ein weiteres Phänomen greift um sich: Geschlafen wird nach wie vor zusammen im gleichen Zimmer, täglich abwechseln. Einmal im „alten Zimmer“, einmal im „neuen Zimmer“. So weit gehen die Autonomiebestrebungen der Großen (noch) nicht, als dass sie wirklich allein schlafen wollte.

Dennoch merkt man ihr überaus deutlich an, dass sie sich an ihrem neuen Zimmer erfreut. Die Ungestörtheit genießt und als Person aufblüht.

Autonomie

Womöglich ist das Autonomie: Entscheiden zu können, wann man Gesellschaft haben möchte und wann nicht. Auch das kann einem das eigene Zimmer also bereits im Kindesalter lehren: Den Unterschied zwischen Allein-Sein und Einsamkeit. Zweitere ist quälend, ersteres kann ein Segen sein. Wenn man genau in den Zeiträumen allein ist, in denen man auch allein sein will. Diese sind womöglich die kreativsten und schönsten Zeiträume überhaupt.

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EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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