24. August 2021

Das Kind mehr und mehr loslassen lernen 


Skiwoche, Sportwoche, Volleyball-Camp. Jedes diese Ereignisse ist aufregend – für Kinder und Eltern. Für Eltern gilt es in diesen Kontexten vor allem auch das Loslassen zu üben.

Noch saß das Kind, das mittlerweile mit 13 eigentlich bereits jugendlich ist, am Frühstückstisch und war nervös. Gemeinsam schaute man auf die Packliste, ging noch einmal alles durch, scannte den QR-Code für den „Grünen Pass“ an. 

Alles war bereit, nichts vergessen. Und selbst wenn: Sie hatte darauf beharrt alles selbst zu packen. Wenn ein Fehler unterlaufen sein sollte, dann würde sie dabei zumindest fürs Leben lernen und beim nächsten Mal anders agieren. Das Wesentliche, das ergab sich beim dezenten Abklopfen beim gemeinsamen Frühstück, war jedenfalls mit dabei.

Selbstständigkeit unterstützen und begleiten

Der Weg zum einwöchigen Volleyball-Camp war damit geebnet. Der Koffer konnte gesattelt und ins Auto verfrachtet werden. Ebenjener war, das stellte sich rasch heraus, viel zu schwer für die Tochter. Also packt man einfach als Vater mit an und behält den Koffer auch dann auf der Straße Richtung Kofferraum in seinem Gewahrsam. 

Am Ort der Abreise hat man als Vater ebenfalls alles fest im Blick. Schließlich hatte man sich gemeldet ein paar der Trainings-Kolleginnen der Tochter im Auto mitzunehmen. Denn alle hätten im Bus nicht Platz. Exakt schaut man darauf, dass hier bereits die Gruppendynamik stimmt und Mädels mit ins Auto kommen, mit denen die Tochter eine gute Gesprächsbasis haben könnte.

Im Auto versucht man als Vater dann die eher schleppenden Gespräche ein wenig anzukurbeln. Die Mädels, die auf der Rückbank des Autos Platz genommen haben, sind sehr auf sich bezogen, sie kennen sich offenbar schon länger. Hin und wieder gelingt es auf der zweistündigen Fahrt, kurze Gespräche anzuzetteln und die Tochter in kurze Gespräche zu verwickeln.

Loslassen

Vor Ort angekommen spitzte sich die Situation zu. Die Mädels blieben unter sich, ich mit der Tochter allein im Gespräch. Sie wirkte schüchtern, zurückhaltend, sprach leise. Aus dem an sich selbstbewussten Neo-Teenie, der sonst genau wusste, was er will und was nicht, war kurzerhand, so schien es, ein schüchternes Mäuschen geworden. Ich machte mir Sorgen.

Wenig später lud die Leiterin des Camps die Eltern, die sich für „Taxi-Dienste“ bereit erklärt hatten, zum Kaffee. Schweren Herzens ging ich und ließ meine Tochter, die sich mittlerweile mit ihrem Smartphone und Kopfhörern ablenkte, zurück. Das Gespräch beim Kaffee war nett und dauerte länger als geplant, die Schlüsselübergabe kam schneller als ursprünglich angekündigt.

Bei meiner Rückkehr war bereits alles abgeschlossen. Ich wusste somit nicht, ob sie wirklich mit der heiß ersehnten „Wunschpartnerin“ in ein Zimmer gekommen war und auch nicht, wo genau sie untergebracht war. Zumindest verabschieden hätte ich mich noch von ihr wollen. Dann hätte ich auch gut loslassen können. Mittlerweile war ich nämlich durchaus der Ansicht, dass sie zumindest in guten Händen war und dass sich das mit der Schüchternheit schon wieder legen würde.

Kurzerhand ging ich in das Gebäude von vielen, in denen ich dachte, dass sie untergebracht war. Zuvor hatte ich versucht sie anzurufen. Das Handy war ausgeschaltet, vermutlich war der Akku leer. Auch die Nummer der Betreuerin hatte ich nicht. Im mehrstöckigen Gebäude war es jedenfalls definitiv unmöglich sie auszumachen und zu finden.

Als ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte und mich zugleich als schlechter Vater fühlte, schließlich hatte ich es nicht geschafft mich von meiner Tochter zu verabschieden und ihre eine schöne Woche zu wünschen, hörte ich ihre Stimme vom Balkon „Papa, hier bin ich“, schallte es mir entgegen. Sie wirkte glücklich. War mit ihrer „Wunschpartnerin“ im Zimmer. Sie war auch kurz angebunden. Ganz so, als wollte sie endlich wieder ins Zimmer verschwinden, mit ihrer Freundin plaudern und sich ganz auf die Woche einlassen, die jetzt vor ihr lag. 

Ich jedenfalls hatte meine Lektion damit gelernt. Und würde in Zukunft wohl auch noch das Loslassen mehr und mehr erlernen.



EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

MeineFamilie.at