21. April 2020

Corona-Alltag: Kriegen es die anderen besser auf die Reihe?

Corona Alltag:KriegenesdieanderenbesseraufdieReihe?

Der Alltag in der Corona-Krise ist in vielen Familien ein Auf und Ab von Emotionen. Die Vergleichsfalle kann jetzt besonders groß sein, wenn man das Gefühl hat, alle anderen kriegen es viel besser auf die Reihe.

Während ich diesen Text schreibe, höre ich die Stimmen meiner Kinder aus dem Wohnzimmer. „Aua!“, ruft einer der Buben, das Mädl singt, eine Tür knallt, einer feuert einen anderen an – laut, viel zu laut. Zwei streiten sich um ein Spielzeug, wieder ein „Aua!“, dazwischen die Stimme meines Mannes, der beim Küche Aufräumen die vielen, vielen Anfragen der Kinder beantwortet.

Alle futtern wie wild!

Ob sie denn endlich naschen dürfen, wo der Ball ist, warum sie jetzt nicht fernsehen dürfen, was es zur Jause gibt, und zum Abendessen und morgen zum Mittagessen. Wie so viele Familien hocken wir seit sechs Wochen alle auf einem Haufen, managen Homeoffice, Lernen zu Hause, Haushalt. Sitzen gemütlich bei der Nachmittagsjause zusammen, streiten, dass die Fetzen fliegen, reden – selbst wenn wir nicht streiten oder schreien – alle laut, viel zu laut (der Lärmpegel in diesen Tagen ist enorm!). Und essen. Unmengen. Ich schnippel Tonnen an Gurken, schmiere Brote, koche Grießbrei, brate Würstel. Scheint die Sonne draußen, geht es mir gut.

Die Kinder können auf den Balkon, grasen dort die Kräuter ab und mixen Kräutertinktur. Ist der Himmel bedeckt, ist meine Laune im Keller und ich ärgere mich über das versaute Waschbecken, meckere herum, bin unzufrieden und finde die ganze Situation in unserer Familie und der ganzen Welt mühsam und ja, auch furchteinflößend.

Auf und Ab

Es ist ein Auf und Ab in diesem Corona-Alltag. So hat es gestern auch eine Freundin formuliert. Die vergangene Woche ist bei ihr super gelaufen, mit motiviertem Schulkind und Harmonie unter den Geschwisterkindern. Jetzt ist alles ganz anders. Streit, Konflikte, schlechte Laune. Bei uns war dafür letzte Woche mühsam, und ich habe mich auf Whatsapp über die Gefühlsexplosionen in unserer Familie ausgeheult. Diese Woche (die allerdings noch sehr jung ist) sind wir alle etwas mehr im Gleichgewicht, kommt mir vor.

Überall Tipps wie man es besser machen kann

Worüber ich mit meiner Freundin noch gechattet habe: Wie es uns mit Berichten aus anderen Familien geht und mit den vielen Tipps, die auf allen Medienkanälen auf einen einprasseln. Wie das Homeschooling besser funktioniert, was man mit den Kindern alles basteln könnte, wie der Alltag strukturiert werden kann oder man den Brotbedarf für die Familie mit selbst gebackenem Brot decken kann. Je nach Stimmung lösen solche Ratgebertexte bei uns ganz Unterschiedliches aus.

Mir geht es so: Flutscht es bei uns, inspirieren mich solche Texte, und ich stehe schnell mit mehlstaubigen Fingern in der Küche und knete den Brotteig. Geht es bei uns daheim drunter und drüber, kann ich mit den Tipps wenig anfangen. Ich fühle mich schlecht, weil bei uns schon in der Früh der Haussegen schief hängt, während andere scheinbar idyllisch rund ums „Mensch ärgere dich nicht“-Brett zusammensitzen. Die Vergleichsfalle sei in so einer Zeit, wie wir sie gerade erleben, noch größer als sonst, meinte meine Freundin dazu. Da hat sie wohl recht. Schnell hat man den Eindruck, bei allen anderen läuft es super, während man selber zu Hause im Kriegszustand lebt und der Hals vom Schreien schon heiser ist – der Lärmpegel wäre sonst gar nicht zu übertönen.

Bedingungen sind erschwert

In den täglichen Nachrichten wird uns eingebläut, dass es in dieser Zeit für viele Menschen ums nackte Überleben geht. Nicht nur im übertragenen Sinn. Vielleicht wäre das – diesmal im übertragenen Sinn – an manchen Tagen eine passende Überschrift für unser Familienleben: „Devise: Überleben!“

Es gibt diese Phasen, da geht es schlicht drum, den Tag zu überleben, irgendwie durchzukommen. Die Bedingungen sind erschwert, die Wohnung vielleicht zu klein, die Kinder überdreht, die finanziellen Sorgen groß, wir Eltern auch nur Menschen – was auch immer uns momentan das Leben schwer macht: Schlechtes Gewissen, weil unser Familienleben nicht immer heile-Welt-mäßig ist, muss niemand haben. Und Vergleichen, das ist sowieso was ganz Doofes. Mit Corona oder ohne.

 



EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


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