17. Oktober 2019

Mama, nicht schreien!  

Mama, nicht schreien!  

„Mama, nicht schreien!“ So lautet der Titel des im Frühjahr erschienen Buches von Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter. Ein mutiger Titel, wie ich finde. Zumindest schaue ich im Zug sitzend bei der Lektüre des Buches verstohlen zu meinen Mitfahrer*innen.

Sind da hochgezogene Augenbrauen? Entsetzte Blicke? Nein, die meisten Menschen sind mit sich selbst beziehungsweise ihrem Smartphone beschäftigt. Und wenn schon – würde der Buchtitel aufrichtige Kommunikation über das Eltern-Dasein auslösen, wäre das durchaus ein Gewinn. Denn Hochglanz-Frauenmagazine und manch oberflächlicher Elternratgeber haben erfolgreich folgende Botschaft in unsere Köpfe gepflanzt: „Kinder und Beruf, das ist gar kein Problem.

Ist doch nur eine Kleinigkeit!

Alles eine Frage der Organisation. Haushalt? Eine Kleinigkeit, das bekommt man locker hin. Man muss nur konsequent sein. Die Kinder einbinden. Ein gesundes Essen kochen? Dauert ja nicht lange! Und wenn du aus dem Gemüse ein lustiges Gesicht legst, dann essen die Kleinen es liebend gerne.

Und überhaupt? Wo ist denn bitte das Problem? Ach, und bitte das Geschenk für die Schwiegermutter nicht vergessen. Ist doch nur eine Kleinigkeit! Wenn du das auf deine To Do-Liste schreibst, dann verursacht das keinen Stress.“

Doch. Mir verursachen all diese Dinge oft genug Stress.

Mama, nicht schreien!  
(c)iStock

Sie sind trotzdem wichtig und müssen in irgendeiner Form in meinem Leben Beachtung finden. Doch Stress in mir verursacht auch Stress zwischen mir und meinen Mitmenschen. Zum Beispiel meinen Kindern. Ich reagiere über, schreie meine Kinder an und – vor allem – sehe ich ihre Bedürfnisse und Absichten gar nicht, bin nur mit meinem Defizit an Pausen, meinem Defizit an Unterstützung oder sonst irgendwie mit mir beschäftigt.

„Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und starken Gefühlen“

So lautet der Untertitel des Buches. In diesem Buch wird mein Alltagsstress nicht negiert oder meinem fehlenden Organisationstalent in die Schuhe geschoben. Hier bekomme ich nicht den 300. Tipp, wie ich diesen Stress doch bitte in den Griff bekommen könnte.

Dafür aber zahlreiche Übungen dazu, wie ich mein Verhalten in stressigen Situationen in den Griff bekommen.

Bitte nicht missverstehen: Es macht natürlich sehr viel Sinn den Stress zu reduzieren. Doch in der Rushhour des Lebens, in der junge Eltern für gewöhnlich stecken, ist dies ein schwieriges Unterfangen.

Sich professionelle Unterstützung holen?

Während ich das Vorwort lese, wird mir etwas mulmig zumute. Es wird darauf hingewiesen, dass einen das Buch möglicherweise an seine Grenzen bringt und es Sinn machen könnte, sich professionelle Unterstützung zu holen. Ich überlege, ob ich wirklich weiterlesen soll. Ich stoße auch ohne dieser Lektüre phasenweise an meine Grenzen. Nichts, was ich in meiner jetzigen Lebensphase noch zusätzlich provozieren müsste.

 Ich lese dennoch weiter. Und ich werde beruhigt. Es werden keine Wunden aufgerissen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe.

Es wird in vielen kleinen Passagen Theorie vermittelt, die mir dabei hilft, zu verstehen, was bei Wut und Stress eigentlich in mir abgeht. Und wie ich geprägt bin von meiner eigenen Kindheit. Das Ganze wird dann mit anschaulichen Beispielen erläutert.

Ein praxisnahes Buch mit Checkliste & Co.

Das Herzstück des Buches sind aber sicherlich die vielen Übungen, die einem alle paar Seiten begegnen. Das Buch ist ein leicht zu lesendes und gut strukturiertes Arbeitsbuch. Denn es geht schließlich nicht um DIE Wut oder DEN Stress, sondern MEINE Wut und MEINEN Stress. Diese stehen meinem liebevollen Verhalten meiner Familie und auch mir selbst gegenüber im Weg.

Und so beginnt das Buch mit dem Kapitel „Know your Trigger: Was macht dich wütend?“ und einer ausführlichen Checkliste.

Die Wut ist im Übrigen auch nicht böse. Sie gehört zu uns, wie auch die vielen positiven Gefühle.

Und sie kann ein wichtiger Hinweis für uns sein, wenn wir sie nicht nur wegdrängen, sondern uns mit ihr beschäftigen. Wir sollen die Wut in unserem Körper wahrnehmen und spüren, lese ich. Dann können wir auch lernen mit ihr umzugehen und müssen ihr nicht die Regie überlassen.

Die Wut nicht kleinreden

Mama, nicht schreien!  
(c)iStock

Wenn es um Wut in der Familie geht, denken viele vielleicht automatisch an das tobende Kind im Supermarkt und weniger an eine wütende Mutter. Das mag daran liegen, dass viele Erwachsene ihre Gefühle unterdrücken. Dass Kinder das noch nicht tun, ist an sich ein gutes Zeichen. Wenn sie nun auf Erwachsene treffen, die die kindliche Wut nicht kleinreden, sie beurteilen oder davon ablenken, sondern die die Kinder liebevoll begleiten, dann lebt die Chance, dass diese Kinder schon früher lernen, ihre Gefühle anzunehmen und mit ihnen umzugehen.

Dass man in dem Buch auch sehr viel über wütende Kinder findet und wie Eltern mit ihren wütenden Kindern umgehen können, kommt nicht von ungefähr. Denn: Kaum etwas stresst Eltern so sehr, wie ein vor Wut tobendes Kind.

Das Erspüren der Wut in mir

Im nächsten Kapitel geht es um das Erspüren der Wut in mir.

Und ich lerne etwas sehr Wertvolles für mich: Die Wut dauert nur 90 Sekunden. 90 Sekunden fließt sie durch mich hindurch, dann verlässt sie meinen Körper wieder.

Und dann (erst dann!) bin ich wieder fähig mich um mein Kind zu kümmern und angemessen auf es zu reagieren. Doch 90 Sekunden können ganz schön lange sein. In dem Buch finden sich aber selbstverständlich eine Vielzahl an kleinen Übungen und Hilfen, so dass ich in dieser Zeit bei mir bleiben und meine Wut in einer adäquaten Form durchleben kann.

Ängste überwinden und Grenzen wahren

Das Buch bietet noch acht weitere Kapitel, die dazu motivieren, an sich selbst zu arbeiten und auch seine Vergangenheit anzuschauen. Es wird thematisiert, wie man Ängste überwinden kann, sich um sein eigenes Wohlergehen kümmert und seine Grenzen wahrt – dabei gleichzeitig aber gut funktionierende Beziehungen leben kann.

„Entelterung“

Zum Schluss des Buches gilt es auch sich mit seinen eigenen Eltern zu befassen. „Entelterung“ heißt das Kapitel. Das Kapitel steht bei mir jetzt an und ich bin darauf schon sehr gespannt. Ich bin eigentlich eine sehr flotte Leserin, doch als „Arbeitsbuch“ begleitet mich dieses Buch schon eine ganze Weile und wird es wohl noch weiterhin.

Doch auch ohne es fertig gelesen zu haben, kann ich es schon aus ganzem Herzen empfehlen.

Die Wut und ich, wir sind jetzt fast so etwas wie Freunde geworden

Mama, nicht schreien!  
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Denn meine Wut zeigt mir, was mir wichtig ist, wo ich mich übergangen fühle und wo ich überfordert bin. Überfordert war ich etwa heute mit meinen beiden Kindern (3 und 5) im überfüllten Zoo. Meine Kinder lieben den Zoo und kennen sich dort blendend aus. Kein Wunder also, dass sie nicht verstanden, warum ich ständig darauf beharrte, dass sie mir die Hand geben sollten. Das mögen sie gar nicht.

Und so war alle paar Minuten eines meiner Kinder kurz aus meinem Blickfeld. Ich bin wirklich wütend geworden. Wütend nehme ich sie dann unsanft an der Hand und drohe mit: „Mit euch kann man wirklich nichts unternehmen! Wieso könnt ihr nicht einfach einmal folgen? Wir gehen jetzt!“ Daraufhin weinten und jammerten meine Kinder – denn sie wollten natürlich nicht gehen und verstanden eigentlich gar nicht, was mit mir los ist.

Meine ersten Erfolgserlebnisse

Doch heute ist es mir gelungen, nach der ersten wütenden Reaktion, zu mir selbst und meinem Gefühl, zurückzukehren. Um dann in Frieden und mit 200 Prozent meiner Aufmerksamkeit, meine Kinder durch die Menschen in Richtung Ausgang zu lenken. Am Weg dorthin konnten wir immer noch ein paar Tiere beobachten, so dass meine Kinder den Ausflug nicht total abrupt abgebrochen empfunden haben.

Danke Wut!

Mama, nicht schreien! – Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und starken Gefühlen

Mama, nicht schreien!  

von Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter

224 Seiten, 12 farbige Abbildungen

Kösel- Verlag, 2019
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EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Nach den Babyjahren sind wir aus Wien hinaus in Häuschen mit Garten gezogen. Ich begeistere mich für die Natur und ihren Schutz, beschäftige mich damit, wie Beziehungen gelingen können und brenne für unkonventionelle Ideen.


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