22. April 2019

Die Gretchenfrage der kindlichen Erziehung

Die Gretchenfrage der kindlichen Erziehung - meinefamilie.at

„Sprich, wie wollen wir es mit der Religion/ der religiösen Erziehung unseres Kindes halten?“ „Wollen wir es taufen lassen und im christlichen Glauben erziehen, oder nicht?“ „Woran soll es im Innersten glauben?“

In Goethes Tragödie „Faust“ stellt das Mädchen Gretchen dem Akademiker Faust, der um sie wirbt die berühmte Gretchenfrage: „Sprich, wie hält´s du es mit der Religion?“. Mit dieser Frage möchte sie herausfinden, woran ihr Umwerbender im Innersten glaubt.

Wenn wir Eltern werden, dann stehen wir unweigerlich vor dieser Frage – nur in Bezug auf unsere Kinder: „Sprich, wie wollen wir es mit der Religion/ der religiösen Erziehung unseres Kindes halten?“ „Wollen wir es taufen lassen und im christlichen Glauben erziehen, oder nicht?“ „Woran soll es im Innersten glauben?“.

Für mich war es wichtig, unsere beiden Töchter taufen zu lassen und sie mit dem christlichen Glauben auf eine moderne und weltoffene Art vertraut zu machen.

Wie halten wir es mit der Religion?

Bei uns in der Familie ist es so: Während mein Partner Clemens ohne Bekenntnis ist und sich mehr zu naturwissenschaftlichen Thesen hingezogen fühlt, bin ich seit meiner Kindheit im christlichen Glauben verwurzelt und übe ich den Beruf Religionspädagogin aus.

Da wir allerdings die Meinung und Anschauung des anderen akzeptieren, keiner von uns engstirnig oder versteift ist und wir uns gegenseitig nicht „bekehren“ wollen, harmoniert unsere Beziehung sehr. Ich würde sogar sagen wir ergänzen uns wunderbar und lernen immer wieder neu voneinander.

Für mich war es wichtig, unsere beiden Töchter taufen zu lassen und sie mit dem christlichen Glauben auf eine moderne und weltoffene Art vertraut zu machen.

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Clemens sieht das zum Glück sehr entspannt. Er weiß, dass ich den beiden nie etwas aufzwingen würde. Genauso wie ich weiß, dass er seine Ansichten niemals aufdrängen würde. Es ist uns als Eltern ein Anliegen unseren Mädchen behilflich zu sein, bei ihrer Entwicklung zu selbstdenkenden, kritisch-hinterfragenden, verantwortlich-handelnden und humorvollen, liebevollen, herzlichen Persönlichkeiten.
Wenn ich unserer großen Tochter von Jesus oder Gott erzähle, dann möchte ich ihr damit ein Sinnangebot machen. Sie soll selbst frei entscheiden, ob sie dieses annehmen und leben möchte (oder aber auch nicht).

Wenn wir Eltern werden, dann stehen wir unweigerlich vor dieser Frage – nur in Bezug auf unsere Kinder: „Sprich, wie wollen wir es mit der Religion/ der religiösen Erziehung unseres Kindes halten?“ „Wollen wir es taufen lassen und im christlichen Glauben erziehen, oder nicht?“ „Woran soll es im Innersten glauben?“.

Der richtige Glaube…?

In unserem Freundeskreis gibt es einen Atheisten, der sehr strikte Ansichten hat. Oft sucht er die Diskussion mit mir. Ich finde es spannend, seine Meinungen zu hören und sich auszutauschen. Wenn er mich davon überzeugen will, dass ich im Unrecht bin, dann antworte ich meist nur lächelnd: „Es geht doch nicht darum wer im Recht ist!“. Sind nicht die meisten Religionskriege ausgebrochen aufgrund des Streites, wer im rechten Glauben ist?!

Für mich bedeutet Glaube die Entscheidung, welche Einstellung, welche Sichtweise ich zum Leben haben möchte und wie ich mein Leben deswegen gestalte. Welche Werte ich lebe und welche ich meinen Kindern mitgeben möchte. Für mich sind viele Werte des Christentums stimmig. Wie in etwa Dankbarkeit, Gemeinschaft, Verbundenheit, Füreinander, Nächstenliebe, Mitgefühl, Lebensfreude Verantwortung, Umweltbewusstsein, Gewaltlosigkeit, Akzeptanz oder Inklusion. Diese möchte ich versuchen in mein Leben zu integrieren. Zudem möchte ich meinen Kindern zeigen, wie diese helfen können ein friedvolles, glückliches Leben zu führen. Ich möchte, dass meine Kinder im Innersten an das Gute und an die Liebe glauben.

Religion … in Europa, Kunst und Kultur

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Religion ist meiner Meinung nach auch Teil der Allgemeinbildung, da es sehr viel beinhaltet. Das Christentum hat eine große Rolle in der Entwicklung Europas gespielt, ebenfalls wurden Kunst und Kultur geprägt. Selbst eine politische Komponente lässt sich in ihr finden: die Befreiung aus unterdrückenden, politischen Regimen. Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Inklusion sind weiter Themenfelder, die behandelt werden.

Hilfestellung für ein gelingedes Leben

Wichtig ist mir bei der religiösen Erziehung meiner Kinder auch, dass sie lernen zu unterscheiden zwischen Glaube und dem Missbrauch des Glaubens. Leider wurden Religionen in der Geschichte immer wieder instrumentalisiert. Ganz ehrlich muss man sagen, dass dies heute noch geschieht. Deshalb halte ich es so, dass ich religiöse Aussagen/Einstellungen an dem Maßstab messe, ob diese hilfreich sind für ein gutes, gelingendes Leben.

Der pensionierte Volksschuldirektor meiner Heimatgemeinde Herr Mitterer hat mir den Anstoß dazu gegeben. Bei einem kleinen Vortrag sprach er nämlich davon, dass Religion/Glaube nichts anderes möchte, als Hilfestellung zu geben für ein gutes, gelingendes und erfülltes Leben. Es ist Lebensbejahung.

Der Fehler, mein Freund – Glaube und Scheitern

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Ein weiteres Themenfeld, welches er angesprochen hat war, dass der christliche Glaube auch „Scheitern“ beinhaltet. Das bedeutete, es ist nicht schlimm, wenn wir Fehler machen. Und wenn ich an mich selbst denke, passieren die oft genug… Wesentlich ist, daraus zu lernen – um es mit Maria Montessori´s Worten zu formulieren: „Der Fehler, mein Freund.“ Diesen Aspekt möchte ich meinen Kindern weitergeben: Sie müssen nicht überperfekt sein, es ist gut wie sie sind. Es ist gut, dass sie einfach nur da sind. Sie sind geliebt, so wie sie sind. Und es ist nicht schlimm, wenn ihnen Fehler passieren. Sie sollen sich selbst und anderen verzeihen, wenn etwas misslingt und lernen sich zu versöhnen.

So halten wir es also in unserer Familie mit der religiösen Erziehung unserer Kinder – offen, modern, lebensdienlich, sinnstiftend, aber vor allem voll Liebe.

Wer sich noch intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Buch „Das Recht des Kindes auf Religion“ von Friedrich Schweitzer.

Das Recht des Kindes auf Religion

Das Recht des Kindes auf Releigion von Friedrich Schweitzer - meinefamilie.at
© Gütersloher Verlagshaus

Der Theologe Friedrich Schweitzer beschreibt in seinem Buch die Vorteile von religiöser Erziehung aus folgenden Perspektiven:

  1. Vertrauensbildung
  2. Förderung der Resilienz
  3. Sinnerfahrung
  4. Wertebildung
  5. Kräftigung der Ich-Stärke
  6. Erfahrung von Gemeinschaft
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EIN ARTIKEL VON
  • Doris Dolezal

    Mit Herz, Hirn und Humor versuchen mein Partner und ich den Alltag mit unseren zwei wundervollen Mädels (8 Jahre und 5 Monate) und unserem Kater zu meistern. Doch nicht nur in der Familie sammle ich die unterschiedlichsten Erfahrungen mit Kindern, auch in meinem Beruf als Religionspädagogin.


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