8. April 2018

Eine Kinderbibel ist kein frommes Märchenbuch

Kinderbibel Märchenbuch meinfamilie.atBub lesend Istock

Wie finde ich eine wirklich gute Kinderbibel? Und was macht eine wirklich gute Kinderbibel eigentlich aus? Meinefamilie.at hat bei Elisabeth Birnbaum, Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks, nachgefragt.

Die erste Kinderbibel, die mein Sohn bekommen hat, steht immer noch in seinem Bücherregal. Mittendrin zwischen Ronja Räubertochter, Harry Potter und den griechischen Sagen. Es ist ein Buch mit einem weiß-goldenen Einband und einem sandfarbenen Band, mit dem man das Buch zubinden kann. Auf dem Cover findet sich eine Darstellung einer Szene aus der Geschichte der Arche Noah. Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals diese Kinderbibel gekauft habe, weil mich die Bilder angesprochen haben. Unzählige Male habe ich meinem Sohn daraus vorgelesen oder habe die Illustrationen bei der Erstkommunionsvorbereitung verwendet. Und mein Sohn nimmt die Kinderbibel heute immer wieder noch aus dem Regal und schmökert darin.

Haufenweise Kinderbibeln

Oft habe ich mich schon gefragt, ob ich damals eine „gute Kinderbibel“ erwischt habe? Leicht fiel mir die Wahl nämlich nicht. Wie sucht man aus der Flut an Kinderbibeln eine gute Kinderbibel aus? Woran erkennt man eine gute Kinderbibel? „Ich denke, dass man sich, wenn man eine Kinderbibel kaufen möchte, zunächst einmal einige Fragen stellen muss“, sagt Elisabeth Birnbaum. Seit 1. September 2017 ist sie Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerkes mit dem erklärten Ziel, Lust auf die Bibel zu machen, Neugier auf das „Buch der Bücher“ zu wecken. Zu diesen Fragen, die man sich vor dem Kauf einer Kinderbibel stellen sollte, gehören etwa Fragen wie:

  • Für welches Kind und für welchen Anlass kaufe ich eine Bibel?
  • Wie alt ist das Kind?
  • Kann es schon lesen und liest gerne selbst?
  • Oder ist es ein Kind, das gerne vorgelesen bekommt?
  • Mag es längere Texte oder kürzere?
  • Kaufe ich die Bibel für ein Kind, das gerne Bilder mag und welche Bilder könnten ihm gefallen?

„Wenn ich diese Fragen für mich beantwortet habe, schränkt das die Suche schon ein wenig ein und ich kann weiter in die Tiefe gehen“, sagt Elisabeth Birnbaum.

Die Auswahl der Texte

„Weiter in die Tiefe“ – das bedeute dann zunächst einmal die Textauswahl näher anzuschauen. „Eine gute Kinderbibel hat eine ausgewogene Mischung aus Texten des Alten und des Neuen Testaments“, meint Elisabeth Birnbaum: „Mir erscheint außerdem eine Vielfalt an Textsorten sinnvoll – Erzähltexte, Psalmen, Briefe – von allem etwas. Natürlich kindgerecht aufbereitet.“ Aber warum ist das so wichtig?

„Eine Kinderbibel ist genau genommen keine Bibel, sie ist ein Buch, das zur echten Bibel hinführen sollte, das neugierig machen soll auf mehr. Deshalb sollte in einer guten Kinderbibel auch all das drinnen sein, was die Bibel zu bieten hat“, sagt Elisabeth Birnbaum.

„Nur dann kann sie einen Eindruck geben, was die echte Bibel ausmacht, denn auch sie besteht ja aus dem Alten und dem Neuen Testament und aus einer Vielfalt an Textsorten. Die Bibel ist ja kein frommes Märchenbuch, in dem sich einfach ein Erzähltext an den anderen reiht“, so Birnbaum.

Bitte Weiterdenken

Wichtig dafür, ob es sich um eine gute Kinderbibel handelt, sei außerdem, in welcher Sprache die Kinderbibel die biblischen Texte erzählt. „Nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie im Buchgeschäft einmal in die vor Ihnen liegenden Kinderbibeln hinein“, sagt Elisabeth Birnbaum. Bedient sich die Kinderbibel einer belehrenden Sprache? Erzählt sie von oben herab oder „auf Augenhöhe“? Liefert sie Antworten oder lässt sie Raum zum Weiterdenken?

„Eine gute Kinderbibel sollte zum Nachdenken anregen, zu einer Suche nach einer tieferen Botschaft, einer Suche nach Gott.“

Von Adam und Eva

Viel lasse sich da etwa an der Sündenfall-Geschichte, der Geschichte von der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies herauslesen. „Es gibt Kinderbibeln, die mehr oder weniger die Botschaft transportieren, dass Adam und Eva ungehorsam sind und deshalb an ihrem Unglück selbst schuld waren und dass es ihnen ganz recht geschieht, dass sie aus dem Paradies vertrieben wurden. Dann ist die Bibel nur Erziehungsmedium für unartige Kinder“, sagt Elisabeth Birnbaum: „Und es gibt das andere Extrem – jene, die sagen, Adam und Eva haben den Grenzzaun des Paradieses selbst eingerissen und seien eigentlich froh gewesen, dieser Enge endlich entkommen zu können. Beide Darstellungen sind einseitig und interpretieren zu sehr. Da steht der Text nicht mehr für sich und da bleibt auch kaum Raum zum Weiterdenken.“

Kinderbibeln - meinefamilie.at

Bilder gehören dazu

Die Illustrationen sind natürlich gerade bei einer Kinderbibel auch großes Thema. „Das ist aber natürlich auch Geschmacksache“, sagt Elisabeth Birnbaum: „Ich zum Beispiel mag Kinderbibeln, die ohne diese stereotypen Darstellungen, ohne  diese Darstellungen des Jesus mit langem Haar, Vollbart und weißem Gewand auskommen. Wenn ich eine Bibel für ein älteres Kind kaufen möchte, finde ich es auch immer sehr hilfreich, wenn die Illustrationen nicht nur die Handlung der Texte wiedergeben, sondern Raum zum Weiterdenken, Raum für Interpretation lassen. Wenn es etwa Bilder aus der Kunst sind.“

Lebensbuch Bibel

Nicht zuletzt lohne es sich, eine Kinderbibel auch daraufhin anzuschauen, welches Jesus- und Gottesbild sie transportiere. Ist es etwa das des „Kuscheljesus“, der immer nur lieb, nett und furchtlos ist oder strapaziert die Kinderbibel das Bild des „lieben Gottes“ zu sehr? „Eine gute Kinderbibel verschweigt auch die schwierigen Themen nicht“, so Elisabeth Birnbaum: „Da ist Jesus nicht nur lieb und furchtlos – da hat er auch Angst, da wird er auch mal zornig. Da ist Gott gut, aber nicht lieb in dieser verkitschten Form. Da kommt nicht nur die Geschichten von Jona und dem Fisch oder von David und Goliat vor, da wird auch mal über Ijob gesprochen.“ Natürlich sei gerade das auch immer eine Gratwanderung, denn viele der zentralen Texte der Bibel seien eben nicht gerade „die süßen, nettesten Kindergeschichten. Aber das nicht auszusparen lohnt sich – das Leben der Kinder ist ja auch nicht immer nur schön und lieb und nett. Und die Bibel ist ein Lebensbuch.“

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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