2. Juli 2019

Buchtipp: „Die große Wörterfabrik“


Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Nach der Lektüre des Buches „Die große Wörterfabrik“ von Agnés de Lestrade (illustriert von Valeria Docampo) würde man diese Aussage so nicht mehr unterschreiben.

Es gibt da so ein Land in „Die große Wörterfabrik“. In diesem Land reden die Menschen fast gar nichts. Weil Wörter teuer sind und man sie sich kaufen muss. Das hat natürlich Folgen. Man kann sich ausmalen, dass es nicht Konsequenzen sind, die dahin deuten, dass das Schweigen glorifiziert wird. Schweigen ist hier nicht Gold, sondern ein Anzeichen dafür, dass man sich die „richtigen“ Wörter oder Wörter überhaupt nicht leisten kann.

Wörter fangen

Gesprochen wird im dem wunderbar illustrierten Buch „Die große Wörterfabrik“ natürlich dennoch. Entweder von den Kindern, die zufälligerweise gratis umherschwirrende Wörter mit ihren Schmetterlingsnetzen einfangen. Oder von Erwachsenen, die sich eher wenig nützlich Wörter im Schlussverkauf besorgen. Vor allem aber von Leuten, die es sich leisten können.

Der reiche Oskar, der wie der Protagonist des Buches, Paul, um Marie wirbt, ist ein Musterbeispiel dafür. Er hat alle notwendigen Worte und umschwärmt Marie, verspricht er zwischen den Zeilen schon die spätere Heirat. Paul fühlt sich dadurch klein und unbedeutend. Er hingegen hat zwar nicht die richtigen Wörter, nur „Kirche, Staub und Stuhl“, dennoch tendiert Marie zu ihm.

Worauf es ankommt

Und dabei beginnt quasi die „Moral von der Geschichte“, die uns als Familie so begeistert. Sie sagt uns, dass es nicht immer auf das WAS ankommt, sondern auf das WIE. Nicht die Anzahl der Wörter entscheidet, auch nicht unbedingt der geniale Wortschatz und die geschliffene Sprache, sondern die Absicht, die Betonung, der Nachdruck und die Liebe. Es lohnt auch nicht, die Mitmenschen in jeder Situation mit einer Unzahl von Wörtern zu überschwemmen. In „Die große Wörterfabrik“ geht es um das Gespür für die richtige Situation und um Einfühlungsvermögen.

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Auch ohne diesen Überbau ist „Die große Wörterfabrik“ ein wunderschönes Buch, das sich auch bestens als Vorlesebuch für die Kleinsten eignet. Später wird sich der Subtext und die „Moral“ des Buches für den lieben Nachwuchs ebenfalls erschließen.

Das ist eine zusätzliche Verständnisebene, doch das Buch „verleitet“ einem diese nicht, denn es kommt glücklicherweise nicht mit einem erhobenen Zeigefinger daher. Es will nicht belehren, sondern Weisheit und Haltung vermitteln.



EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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