22. April 2021

Buchrezension „Warum haben Eltern keinen Beipackzettel?“

meinefamilie.at

Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei dem Werk der Autoren und Ehepartner Sabine und Roland Bösel nicht um einen Erziehungs-, sondern um einen Beziehungsratgeber. Denn hier wissen die beiden Paar- und Psychotherapeuten genau wovon sie reden und geben wertvolle Tipps für eine funktionierende Partnerschaft.

Überraschung!

Ich muss ganz ehrlich gestehen, als ich mich bereit erklärte, für dieses Buch eine Rezension zu schreiben, wusste ich nicht konkret, worum es da geht. Das Cover mit dem Titel „Warum haben Eltern keinen Beipackzettel?“ ließ mich eher vermuten, dass es sich um Erziehungsthemen dreht. Als vierfache Mutter finde ich so etwas immer spannend und freute mich darauf, das Rezensionsexemplar zu lesen. Doch als ich es schließlich in Händen hielt, bemerkte ich beim Durchlesen des Covertextes, dass das ist nicht der Fall ist. Der Titel ist tatsächlich ein wenig irreführend! 

Dieses Buch von Sabine und Roland Bösel ist nämlich kein Er-ziehungs-, sondern ein Be-ziehungsratgeber! Sabine ist Psychologin, Roland Psychotherapeut und sie betreiben seit 20 Jahren eine Praxis für Paartherapie und Psychotherapie in Wien. Sie sind seit 30 Jahren verheiratet und wissen wirklich, wovon sie schreiben, z.B. „Glück und Liebe können gelingen, wenn wir es wagen, gewohnte Verhaltensmuster aufzugeben, neue Wege auszuprobieren, und vor allem auch lernen, uns selbst zu lieben.“

Kurz musste ich schlucken, denn ich habe selbst eine gescheiterte Beziehung hinter mir und seitdem keine Beziehungsratgeber mehr gelesen. Nach der ersten Überraschung überkam mich dann doch die Neugier und ich begann, mir das Inhaltsverzeichnis anzusehen. Verschiedene Sätze standen da in Großlettern, wie z.B.: „Meine Eltern sind schuld dass ich Probleme habe„, „Ich mache es bestimmt anders“, oder: „Darüber sprechen wir nicht„. Es geht in diesem Buch darum, wie unsere Erziehung und Prägung im Elternhaus unser späteres Beziehungsverhalten beeinflussen. Also eigentlich hat das Buch doch eine Menge mit Erziehung zu tun!

Gebrauchsinformation und Warnhinweise 

Jedes Kapitel beginnt mit einem „Beipackzettel“ mit einer kurzen Gebrauchsinformation und Warnhinweisen. Das Buch ist also wie eine Sammlung von medizinischen Rezepten gestaltet, die durchaus mit einem gewissen Augenzwinkern formuliert sind. Ein sehr erfrischender Ansatz, alles ein wenig mit Humor zu würzen.

Überhaupt ist der Schreibstil der beiden Autoren sehr lebensnah, ehrlich, authentisch. Anhand von Fallbeispielen werden verschiedenste Situationen und Themen sehr anschaulich dargestellt und anschließend erklärt. Sehr vieles kommt mir da bekannt vor!

Die 90-10-Regel

Eindrucksvoll finde ich die 90-10-Regel, die gegen Schuldzuweisungen helfen soll. Sie besagt, dass von einem Beziehungsproblem 90 % der eigenen Erfahrung zuzuschreiben sind und nur 10 % dem Partner, der als Auslöser dient. „Wenn wir also wahrhaftig eine Veränderung in unserem  Beziehungsverhalten anstreben,“ so die Autoren, „ist es sehr sinnvoll, sich die 90 % genauer anzusehen.“ Oder anders gesagt: Bitte erst mal vor der eigenen Haustüre kehren! 

meinefamilie.at

Wichtig, so Sabine und Roland Bösel, sei der ehrliche Umgang mit der eigenen Geschichte. „Wir sind nicht auf die Welt gekommen, um unser Leben lang in schmerzhaften Erinnerungen gefangen zu sein, sondern um uns weiterzuentwickeln, um negative Geschichten umzuwandeln und uns und unsere Partner zu heilen.“ 

Der Partner fungiert also nicht nur als Auslöser, der uns schmerzhafte Erinnerungen hochholt, sondern kann auch Helfer auf dem Heilungsweg sein, wenn er dies zulässt.

Der Trick mit dem Theaterblick

Ab und zu hilft es auch, alles aus einer veränderten Perspektive zu betrachten, z.B. mit dem sogenannten „Theaterblick“. Dabei stellt man sich vor, die Begebenheit wird auf einer Bühne dargestellt. Dadurch löst man sich von dem engen, subjektiven Blick und wird frei, alles in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Manchmal sind es auch die Großeltern oder Urgroßeltern, die mit auf die Bühne kommen, wenn  sich Probleme durch mehrere Generationen ziehen.

Trotz der anregenden Lektüre ist es sicher ratsam, sich in Form einer Paartherapie helfen zu lassen. Das Buch kann als Augenöffner wirken und Zusammenhänge aufzeigen, doch die „Arbeit“ an der eigenen Geschichte und an der Beziehung bleibt einem nicht erspart. So schwer das manchmal erscheinen mag, es lohnt sich auf jeden Fall! Denn wenn all der unnötige Ballast abgeworfen ist, können letztendlich Glück und Liebe gelingen!

Orac / Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co KG, Wien

 

 

Warum haben Eltern keinen Beipackzettel? Verlag Kremayr & Scheriau, ab € 16,99


MeineFamilie.at