29. Juni 2020

Buchrezension: Rosie auf dem Baum

Buchrezension Rosie auf dem Baum

Ein Buchtipp für Träumer, brave Regel-Befolger und alle mit einer Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit und Individualität. Ein kurzes Kinderbuch – nicht nur für Kinder.

„Komische Geschichte.“, sagt mein Mann.

„Du sollst 600 Wörter über eine 200-Wörter-lange Geschichte schreiben?“, wundert sich meine Schwester.

„Das Buch ist aber kurz.“, sagt auch meine Tochter, der ich die Erzählung „Rosie auf dem Baum“ von Isabel Pin gerade auf der Couch vorgelesen habe.

Und „Nochmal!“ sagt sie auch und schmiegt sich an mich.

Also lese ich die Geschichte nochmal. Und noch viele weitere Male. Denn irgendetwas hat sie. Sie fasziniert. Sie wirft Fragen auf. Und sie lässt Raum zum Interpretieren.

Das sture Mädchen Rosie

 Das Buch handelt von Rosie. Einem Mädchen, das auf einen Baum klettert und oben bleibt. Das irritiert die Leute. Und so sagen sie Rosie, dass sie hinunter kommen solle. Sie bieten ihr alternative Beschäftigungen an. Sie locken mit Kuchen und Fernsehen. Sie drohen damit, dass Rosie Weihnachten verpassen könnte. Sie kommen mit Leitern und Stühlen. Doch Rosie bleibt auf dem Baum.

„Warum kann ich nicht oben bleiben?“, fragt sie und bekommt wohl keine zufrieden stellende Antwort. Nach einigen Tagen bemühen sich die ersten Erwachsenen darum, Rosies Beweggründe zu verstehen.

Warum will sie bloß nicht von dem Baum herunter? Die Antwort ist simpel: „Weil es hier schön ist.“

Die meisten Menschen haben bereits resigniert, als Rosie doch endlich vom Baum herunter kommt. Ausgelöst durch eine Kleinigkeit, die den Umstehenden vermutlich gar nicht aufgefallen ist.

Rosie steigt selbstbestimmt vom Baum herunter -und- widmet sich sofort einem neuen Flecken Natur, den sie mit allen Sinnen und ihrer eigenen Zeitrechnung erfahren möchte. Weil es schön ist.

Und ich, die Erwachsene

Das Buch löst etwas in mir aus. Eine Unzufriedenheit. Einen Grant auf die Erwachsene in mir, die ihre Kinder täglich antreibt, um alle Termine zeitgerecht einzuhalten. Einen Grant auf die Erwachsene, die ihren Sohn mit allen Mitteln lockt, damit er doch auch mal einen Stift in die Hand nimmt. Seine Schwester konnte in diesem Alter immerhin schon ihren ganzen Namen schreiben! Einen Grant auf mich und all diese Erwachsenen, die Stunden und Tage damit verbringen, ein Kind von einem Baum zu locken. Von einem Baum zu locken, von dem sie nicht mal mehr rekonstruieren können, ob dieser eine Buche oder eine Erle war. Und ob dieser Nüsse trug oder nicht. Wie es dort roch? Ist das wichtig?

 Rosie weiß es. Denn sie ist ganz da, im Moment.

Mein inneres Kind beneidet Rosie

„Ein wunderbares Buch über kindliche Autonomie und Individualität“, steht auf dem Klappentext. Mein inneres Kind findet das auch. Es möchte tun, was es will, und nicht, was es soll. Es möchte ganz im Moment sein. Es möchte sich als Teil dieser Natur wahrnehmen. Es möchte hinausgehen und nach den unzähligen Grüntönen Ausschau halten, die in den Zeichnungen des Buches zu sehen sind. Und es möchte einfach nur sein. Einfach mal seinem eigenen Rhythmus folgen. Und auch mal nichts tun.

Wenn ich von Menschen auf Bäumen höre, dann denke ich an eine Baumbesetzung zum Schutz der Natur. An Hainburg. An Protest. Protestiert Rosie? Eigentlich nicht. Und doch wird ihr Aufenthalt im Baum zu einem kleinen Protest. Zum Schutz ihrer eigenen Natur. Zum Schutz ihrer Individualität. Wenn Rosie in die Pubertät kommt, wird es ihr wohl leichter fallen, ihren eigenen Weg zu gehen und nicht aus Gruppenzwang bei jeder dummen Idee mitzumachen. Wünschen wir uns das nicht alle für unsere Kinder?

Es lohnt sich, sich Zeit für das Buch zu nehmen

Wenn man sich auf die Geschichte einlässt, nährt sie eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach Autonomie, Individualität und Unbeschwertheit. Eine Sehnsucht nach einer kleinen Auszeit in seiner eigenen kleinen Welt. Mit der Gewissheit, dass diese Zeit keine verlorene Zeit ist. Denn: auch die Pausen sind Musik.

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  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Nach den Babyjahren sind wir aus Wien hinaus in Häuschen mit Garten gezogen. Ich begeistere mich für die Natur und ihren Schutz, beschäftige mich damit, wie Beziehungen gelingen können und brenne für unkonventionelle Ideen.


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