7. Juli 2020

Buchrezension: Gerda Gelse


Sommer, Sonne, Ssssssurren … Ihr seid wie ich ein beliebtes Opfer von Gelsen? Dann solltet ihr Gerda kennenlernen! Literarisches, Philosophisches und Nützliches zu Stechmücken.

Als Kind habe ich gelernt, dass Gott alle Lebewesen erschaffen hat. „Und er sah, dass es gut war!“, steht in der Bibel. Ich war ja immer gerne gewillt, das zu glauben. Gewillt, Mensch und Natur als Einheit zu sehen, in der jedes Lebewesen seinen Wert und seine Aufgabe hat. Aber ich muss schon sagen …

Gelsen!? Braucht die wer?

Also ich nicht. Gar nicht. Ich habe sie aber in großen Mengen, denn ich wohne in der Au. Und habe offenbar äußerst wohl schmeckendes Blut. Ebenso wie meine bei Stechmücken beliebten Kinder. Auch bei mir sind meine Kinder natürlich beliebt, und so drücke ich gerne mal für sie ein Auge zu. Beschriftete Wände? Gras im ganzen Haus? Essen in den Haaren? Finde ich nicht toll, aber es bringt mich nicht aus der Fassung. Aber wehe unsere Insektentür bleibt offen stehen! Dann ist es vorbei mit meiner inneren Ruhe.

Dem Feind ins Auge blicken…

Nun ist es bei mir aber so, dass ich mich meinen Feinden gerne stelle. Auf faire Weise, versteht sich. Großzügig lasse ich Spinnen in unseren Zimmerecken hausen – in der Hoffnung, dass ihnen vor allem Gelsen munden würden. Auf die Terrasse stelle ich Pflanzen, denen nachgesagt wird, dass Gelsen sie nicht so gerne riechen. Ich rühre mir sogar meine eigene Anti-Gelsen-Creme an.

…und ihn kennenlernen

Und: ich befasse mich mit meinem Gegner – stets in dem Bestreben, das Gute in ihm zu sehen. Das fällt erstaunlich leicht, wenn man das mehrfach ausgezeichnete Buch „Gerda Gelse- Allgemeine Weisheiten über Stechmücken“ von Heidi Trpak und Laura Momo Aufderhaar in die Hände bekommt. Hier habe ich nicht nur einen Blitzkurs in diversen Fremdsprachen (wer kann eine Gelse schon in 35 Sprachen verfluchen?) und tolle Bilder aus Pflanzendrucken, sondern erfahre vor allem direkt von Gerda Gelse aus ihrem Leben.

Also eigentlich sollten meine Kinder das erfahren, denn es handelt sich um ein Kinderbuch für Kinder ab 5 Jahren, aber mein Interesse an der kleinen Gerda ist dann doch deutlich größer. Ich erfahre von Gerda, dass nur die weiblichen Stechmücken Blut saugen. Und das auch nicht aus Verfressenheit oder Egoismus, sondern damit ihre Eier wachsen können. Gerda selbst ernährt sich quasi vegetarisch. Tja, Kinder, die nicht zufrieden sind mit dem, was die Eltern für gutes Essen halten! Das kommt mir bekannt vor.

Irgendwie finde ich Gerda sympathisch

Gerda entschuldigt sich dafür, dass es juckt. Sie bemühe sich wirklich um Sanftheit. Aber sie muss halt einfach mein Blut mit ihrem Speichel verdünnen, damit dieses nicht gerinnt und sie in Ruhe saugen kann. Dass es dann juckt, liegt ja eigentlich an mir. An meinem grandiosen Immunsystem, das sich augenblicklich jeglichen Fremdkörpers entledigen möchte, selbst wenn es nur eine unscheinbare Menge Mückenspeichel ist.

Weibliche Steckmücken können im Übrigen das Dreifache ihres eigenen Körpergewichts an Blut aufnehmen. Ich wusste es: die Leistung von Müttern ist wirklich nicht zu unterschätzen! Nicht mal bei Gelsen.

Auch meine Kinder finden lustige Aspekte an Gelsen

Beim Weiterblättern in dem spannenden Buch, finde ich noch mehr Gemeinsamkeiten. Denn Gerdas Kinder und meine, die würden sich sehr gut verstehen. Die Gelsenlarven leben im Wasser und strecken nur ihren Popo über die Wasseroberfläche. An dem haben sie nämlich ein langes Rohr, durch das sie Luft atmen. Das finden meine Kinder sehr lustig. So wie alles, bei dem das Wort „Popo“ vorkommt. Und alles, was Wasser verteilen kann, was nass ist und was nass werden könnte. Bleibt für Gerda nur zu hoffen, dass ihre Kinder vor lauter Popo über dem Wasser-Gespaße nicht alle als Fischfutter enden. Denn bei den Fischen sind die Gelsen durchaus beliebt. So wie die fliegenden Exemplare bei Vögeln, Libellen, Fröschen und Spinnen. Auch ohne mich hat die nette Gerda also eigentlich schon genug Feinde.

Ob ich wohl mit ihr Frieden schließen kann?

Jetzt, wo sie mir so sympathisch ist? Ehrlicherweise fand ich das Jagen und Erschlagen von Stechmücken sowieso noch nie sehr befriedigend. Weniger wegen meiner durchaus vorhandenen Tierliebe, als wegen der mangelnden Ästhetik von Gelsenskeletten an Möbeln und Wänden.

Mir fällt eine Geschichte ein. Von einem Indianer, der friedlich den Mücken beim Blutsaugen zusah. Auf die verwunderte Nachfrage, warum er dies zulässt, antwortete er: „Ich habe so viel bekommen. Ich kann auch etwas geben.“ Den Gedanken finde ich schön. Und ich bemerke, dass mich Gelsendippel selten stören, wenn ich im Flow bin, voller Elan schönen Tätigkeiten nachgehe. Störend werden sie erst, wenn ich müde werde und einfach mal eine Pause brauche. Wenn ich über meine Kräfte arbeite.

Warum also nicht den nächsten Gelsenstich als Indikator dafür hernehmen, damit genau das nicht passiert? Und darauf vertrauen, dass jedes Lebewesen gut ist, so wie es ist …Oder einfach weiter Gelsencreme schmieren, wenn meine philosophischen Gedankengänge sich im Alltag als doch nicht so tauglich herausstellen sollten.

Hier mein Rezept:

Anti-Gelsen-Creme

Kakaobutter, Sheabutter und Kokosöl in etwa in der gleichen Menge miteinander im Wasserbad schmelzen lassen. Im Zweifelsfall etwas mehr Kokosöl, denn das wirkt gegen die Gelsen. Wenn alles geschmolzen ist, die Flüssigkeit in einer Schüssel im Kühlschrank etwa 1 Stunde fest werden lassen. Danach die fest gewordene Masse mit einem Handmixer 5 – 10 Minuten aufschlagen. Als zusätzliche Gelsenabwehr gebe ich dann beim Mixen noch ein paar Tropfen ätherisches Lavendelöl dazu. Lieber nach und nach dazu geben – ein zu intensiver Duft macht Kopfweh. Außer Lavendel sollen auch die ätherischen Öle Eukalyptus, Nelke oder Zitrone gegen Gelsen helfen. Die Creme sollte im Kühlschrank gelagert werden.

Das Buch

Gerda Gelse – Allgemeine Weisheiten über Stechmücken

von Heidi Trpak und Laura Momo Aufderhaar
2013 Tyrolia

 


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EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Nach den Babyjahren sind wir aus Wien hinaus in Häuschen mit Garten gezogen. Ich begeistere mich für die Natur und ihren Schutz, beschäftige mich damit, wie Beziehungen gelingen können und brenne für unkonventionelle Ideen.


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