17. Februar 2021

Buchrezension: Der Elternkompass von Nicola Schmidt

elternkompass - meinefamilie.at

Wer in den letzten Jahren auch nur ein bisschen an aktueller Pädagogik, Bindungstheorie und bedürfnisorientierter Erziehung interessiert war, kennt mit großer Wahrscheinlichkeit Nicola Schmidt und ihr Projekt „Artgerecht“. Nicola Schmidt ist mittlerweile Autorin mehrerer Bücher und seit kurzem ist ihr neues Werk „Der Elternkompass – Was ist wirklich gut für mein Kind?“ im GU Verlag erschienen. 

Im Gegensatz zu den anderen Büchern handelt es sich hier um eine Sammlung von Studien-Auswertungen. Nicola Schmidt ist grundsätzlich keine Pädagogin, sondern Wissenschafterin und präsentiert damit sozusagen die wissenschaftliche Grundlage für ihren pädagogischen Ansatz.

Verunsicherung in der Kindererziehung

Wir lesen eigentlich keine Eltern-, Erziehungs- oder Familienratgeber. Ganz einfach deshalb, weil wir auf unser Bauchgefühl vertraut haben und es weiterhin tun. Außerdem sprechen wir viel miteinander und haben einige gleichgesinnte Mamas und Papas, mit denen wir uns immer schon ausgetauscht haben. In unserem beruflichen Umfeld (Kindergarten) merken wir aber, dass viele Eltern sehr viel lesen. Danach sind sie oft noch mehr verunsichert als vorher und suchen erneut nach anderen Ansätzen – ein Teufelskreis!

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Auch Nicola Schmidt erzählt zu Beginn ihres Buches von ihrer großen Verunsicherung, die dann auch noch durch Ratschläge von „außen“ – also Kinderärzten, Hebammen, andere Mütter – verstärkt wurden. Erst, als sie darüber nachgedacht hat, was denn SIE eigentlich will, fing sie an zu forschen und recherchieren. 

Viele Studien als Grundlage

Das Ergebnis ist in dieses Buch verpackt: kurz zusammengefasste Fakten vieler, vieler Studien, die sich mit den unterschiedlichsten Aspekten von Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit, Schlaf-, Ess- und Sauberkeitserziehung, Lernen, Sozialisierung, Bindung und Beziehung und vielem mehr beschäftigten. Gut ist der Hinweis zu Beginn, dass es in der Erziehung niemals um Perfektion geht – sondern um das (eigene) Glück

Die Welt durch unsere Kinder zu ändern, achtsam mit sich und der Welt sein.

Nicola Schmidt stellt die Frage, was wir denn eigentlich für unsere Kinder und Kindeskinder wollen? Sie hat für sich diese Antwort gefunden: Die Welt durch unsere Kinder zu ändern, achtsam mit sich und der Welt sein.
Laut ihren Erkenntnissen braucht es dafür folgendes:

  1. Stabile Kinder, die Widerstandskräfte gegen Stress haben
  2. Ein starkes Selbstwertgefühl, um den eigenen Weg zu gehen und mit anderen kooperieren zu können
  3. Resilienz, um auch nach (schweren) Schicksalsschlägen wieder auf die Beine zu kommen (siehe S.34)

Ob das dem jeweils eigenen Weltbild entspricht, muss jeder Elternteil und Pädagoge selbst überlegen und entscheiden. Auch wenn wir den „Sinn des Lebens“ für uns persönlich anders definieren würden, finden wir diese Fähigkeiten und Eigenschaften elementar wichtig für ein gutes Zusammenleben und sozial und emotional fähige und glückliche Menschen jeden Alters!

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Nicola Schmidt macht zusätzlich Mut, dass auch im Erwachsenenalter das „Kind in dir“ noch umlernen und sich neu orientieren kann. Das erklärt sie unter anderem mit Studienergebnissen aus der Epigenetik, von der man auch in Psychologie und Pädagogik immer mehr hört und weiß.

Gut gefällt uns auch, dass Nicola Schmidt sich nicht auf Forschungen aus der westlichen Kultur beschränkt. Sie holt Studien aus Asien, Afrika, Südamerika herein, Erkenntnisse aus anderen Kulturkreisen und ganz anderen Erziehungsansätzen. Sehr spannend! Da wurde auch uns beim Lesen nochmals bewusst, wie unterschiedlich die Zielsetzungen in der Erziehung sein können. Während in Europa die Individualität und Selbstständigkeit einen sehr hohen Stellenwert hat und man das zum Beispiel daran merkt, dass Babys sehr früh alleine in der Wiege liegen oder sich mit Spielzeug beschäftigen, geht es in anderen Kulturkreisen mehr darum, dass das Baby Teil der Gemeinschaft und immer körpernah dabei ist, aber kaum individuelle Ansprache erfährt. Auch in der motorischen Entwicklung und Förderung gibt es ganz unterschiedliche Ansätze, die eher Verwunderung oder sogar Entsetzen hervorrufen können.

Mannigfaltiges Themenspektrum

Beim Lesen haben wir viele Aussagen entdeckt, die wir privat oder beruflich zu 100 % unterschreiben würden. Das Interessante an Studien ist ja, dass selbst wissenschaftlich belegte Zahlen und Fakten noch immer subjektiv ausgelegt werden können – je nachdem, wo der Fokus liegt. Die Themen und Hypothesen von Studien und Forschung sind immer auch Zeichen ihrer Zeit – was beschäftigt eine Gesellschaft? Nicola Schmidt geht vielen Fragen nach, z.B.: Wie viel Einfluss hat man auf das Erbmaterial? Soll man Säuglinge schreien lassen? Sind Hausaufgaben zielführend (Spoiler: nein!)? Ist die motorische Entwicklung weltweit gleich? Macht Stillen schlau? Haben Steve Jobs Kinder ein Ipad? Manche Antworten sind irgendwie logisch, andere eher überraschend, aber alle sind gut erklärt.

Für Eltern und (angehende) Pädagogen sind diese Studien und deren Auswertung definitiv lesenswert. Hin und wieder kommen Fachbegriffe vor, die aber entweder erklärt werden oder bei einer schnellen Onlinesuche gefunden werden können. Ansonsten ist Nicola Schmidts Art zu erzählen und zu verknüpfen sehr leicht lesbar und unterhaltsam!

Sehr viele dieser Studien sollten viel mehr Beachtung für das Zusammenleben in der Familie und Gesellschaft, die Erziehung und Pädagogik finden! Es ergibt sich für uns also die Frage: Warum ist dieses vielfältige Wissen nicht schon längst Allgemeinwissen? Warum kennen nicht alle Kinderärzte, Hebammen, Pädagogen und Berater diese Fakten und wenden sie auch an? Es ist schon erstaunlich, dass viele unserer „Erziehungstraditionen“ schon an die hundert Jahre alt sind und trotz neuer Erkenntnisse nicht geändert wurden.

Es zeigt umgekehrt aber auch, dass trotz Wertepluralismus und Verunsicherung viele Eltern wieder besser auf ihr Bauchgefühl hören und danach handeln. Es ist zum Glück einfacher geworden, das zu tun, was man selbst richtig findet – auch in der Erziehung. 

Fazit

„Der Elternkompass“ ist eine absolute Empfehlung für alle, die sich mit Erziehung, Familienleben und Pädagogik beruflich oder privat beschäftigen und bereit sind, das eigene Erleben, Handeln und Verhalten auch zu hinterfragen und zu ändern! Ist eine subjektive Färbung der Auswertung durch die Autorin merkbar? Ja, in manchen Bereichen sicherlich, doch ist das durchaus legitim und durch ihre persönliche Familienerfahrung, von der sie selbst auch erzählt, geprägt. Das Gute an Ratgebern (und Kompässen) ist ja, dass man nie 1:1 alles übernehmen muss, sondern den eigenen Weg wählen darf!

Das Buch



EIN ARTIKEL VON
  • Elisabeth & Johannes Hackl

    Elisabeth und Johannes Hackl leben mit ihren Kindern, Hunden und Hühnern in Niederösterreich. Sie sind begeisterte Familienmenschen, Kindergartenpädagogen, Referenten für Natürliche Empfängnisregelung, Teilzeit-Selbstversorger, im Glauben verwurzelt und noch immer sehr verliebt ineinander!


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