3. September 2019

Scheidung: Wenn Eltern sich trennen…


Eine Trennung oder Scheidung ist traurig und stellt Eltern und Kinder vor eine große Herausforderungen. Kaum etwas beschäftigt Kinder so sehr wie die Trennung ihrer Eltern. Warum habt ihr euch nicht mehr lieb? Warum zieht Papa aus? Gehst du jetzt auch weg? Hat Papa mich nicht mehr lieb? Viele Fragen beschäftigen die Kinder und alle sind wichtig für sie. Je sensibler Fragen dazu beantwortet werden, desto besser.

Für Eltern stellt sich die Frage, was sie tun können, um diese Situation rund um Trennung bzw. Scheidung zu „meistern“. Was brauchen Kinder in dieser Situation unbedingt? Wie können sie am besten unterstützt werden?

Aus meiner Erfahrung als Leiterin von Gruppen für Scheidungskinder und Elternberaterin bei Trennung und Scheidung habe ich die häufigsten Fragen gesammelt. Was eine Trennung für Kinder bedeutet und wie Familien diese Krise am besten bewältigen können, dazu lesen Sie hier häufige Fragen und die Antworten.

Wie erleben Kinder die Trennung oder Scheidung der Eltern?

Die vertraute Welt verändert sich. Ängste, Wut, Ohnmacht, Schuldgefühle und Enttäuschung sorgen für Verunsicherung und Gefühlschaos. Fragen tauchen auf: Bei wem werde ich wohnen? Haben mich meine Eltern noch lieb? Kinder haben oft Angst durch die Trennung den „ausgezogenen“ Elternteil zu verlieren. Sie sind verunsichert, wenn sie keine Informationen erhalten z.B. wann sie den anderen Elternteil wieder sehen werden. Kinder stecken oft in Loyalitätskonflikten, d.h. sie stehen dazwischen Mama und Papa. Sie lieben jeden Elternteil und wollen es beiden recht machen. Sehr belastend für Kinder ist es, wenn von ihnen verlangt wird, dass sie für einen der beiden Elternteile Partei ergreifen.

Besonders wichtig ist es, dem Kind die Angst zu nehmen an der Scheidung schuld zu sein. Außerdem sind alle Kinder traurig, wenn sich das vertraute Familienleben verändert.

Wie und wann sollten Kinder über die Trennung informiert werden?

Kinder spüren die Veränderungen in ihrer Familie. Kinder brauchen ehrliche, verständliche und altersgemäße Information, warum sich die Eltern trennen. Ohne Erklärungen sind sie stark verunsichert und machen sich ihre eigenen Gedanken und Phantasien. Diese sind meist beunruhigender als die Realität. Warum? Kinder suchen oftmals die Schuld bei sich selbst. Aber: Die Verantwortung für die Trennung liegt immer bei den Eltern – niemals bei den Kindern.

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Kinder brauchen auch Klarheit darüber, wie sich ihr Alltag nach der Trennung gestaltet. Wo werde ich wohnen? Wann und wo werde ich Mama oder Papa sehen, wenn sie oder er auszieht? Was wird nach der Trennung gleich bleiben?

Wenn es möglich ist, sollten die Eltern gemeinsam mit dem Kind über die bevorstehende Trennung bzw. Scheidung sprechen und gegenseitige Schuldzuweisungen vermeiden. Besprechen Sie mit Ihrem Kind, wie die nächste Zukunft aussieht und beantworten Sie seine Fragen, um Ängste vorzubeugen.

Wie reagieren Kinder generell auf die Scheidung? Welche unterschiedlichen Reaktionen zeigen Kinder?

Kinder zeigen nach der Trennung ihrer Eltern unterschiedliche Reaktionen z.B. Weinerlichkeit, Wut und Aggression, Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, psychosomatische Beschwerden, Rückzug, Traurigkeit. Jüngere Kinder können mit Angst, Schlafschwierigkeiten oder Rückschritte in der Entwicklung und Schuldgefühlen reagieren. Kinder im Volksschulalter zeigen oft Reaktionen wie Trauer, Hilflosigkeit, Zorn, Leistungsabfall oder Scham. Ältere Kinder können auch zu viel Verantwortung übernehmen. Bei Jugendlichen könnte sein, dass sich diese überstürzt vom Elternhaus ablösen. Wichtig ist zu wissen, dass diese Reaktionen für die Eltern oft schwer auszuhalten, aber ganz normal sind. Die Kinder versuchen, ihr inneres Gleichgewicht wieder herzustellen, und das ist gut.

Kann es auch sein, dass Kinder sich nach außen hin ganz „normal“ verhalten und innerlich aber zu kämpfen haben?

Dieses „Nicht-Reagieren“ – so tun, als ob nichts wäre, kommt gar nicht so selten vor. Es ist besonders bei recht angepassten Kindern der Fall. Häufig trauen sie sich nicht oder haben keine Möglichkeiten, ihre Gefühle zu zeigen. Diese Kinder brauchen verstärkt Angebote, die es ihnen ermöglichen, über die Situation zu sprechen und ihre Emotionen zum Ausdruck zu bringen.

Was brauchen Kinder in dieser Situation?

  • Ein Kind braucht ausreichend und korrekte Informationen über die Trennung der Eltern und die Möglichkeit, Fragen zu stellen.
  • Kinder sollten durch das Gefühlschaos begleitet werden. Das heißt, dass die Eltern den Kindern vermitteln, dass alle Gefühle, die auftauchen, okay sind und sie beim Ausdruck dieser Gefühle unterstützen.
  • Ein regelmäßiger, sicherer, verlässlicher und persönlicher Kontakt zum ausgezogenen Elternteil ist besonders wichtig. Wenn der Kontakt nicht mehr (all)täglich sein kann, ist es von großer Bedeutung, dass der Elternteil Interesse am Kind und seinem Alltagsleben zeigt.
  • Der Austausch mit Gleichbetroffenen verringert das Gefühl des „anders seins“ und ermutigt, über die Situation zu sprechen.
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Wie zeigen Kinder ihre Bedürfnisse?

Kindern fällt es aufgrund von Loyalitätskonflikten und Unsicherheiten schwer, ihre Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen. Sie nehmen oft auf die Eltern Rücksicht, wollen niemanden verletzen. Es ist wichtig die Kinder zu befähigen, ihre Bedürfnisse und Gefühle adäquat zum Ausdruck zu bringen. Es ist für alle einfacher wenn das Kind sagt, was los ist.

Wie kann man ein Kind in dieser Phase am besten unterstützen und stärken?

  • Ein guter Kontakt zum ausgezogenen Elternteil, oft der Papa, ist wichtig für die Bewältigung der Scheidung! Es ist wichtig für Ihr Kind, dass es zu beiden Elternteilen möglichst viel Kontakt hat und sich geborgen fühlt.
  • Ein Kind erlebt sich als Teil von Mutter und Vater. Alles, was an einem der beiden kritisiert wird, erlebt das Kind als Kritik an sich selbst. Daher sind gegenseitigen Abwertungen oder Beschimpfungen zwischen den Eltern absolut kontraproduktiv. Die Kinder brauchen die Erlaubnis, beide Elternteile lieben zu dürfen. Das heißt auch den anderen Elternteil vermissen zu dürfen, wenn dieser nicht da ist.
  • Wenn möglich, sollte sich in der Lebenswelt der Kinder wenig ändern.
  • Generell geben Alltagsrituale und ein strukturierter, gleichbleibender Tagesablauf sehr viel Sicherheit und Halt. Eltern sollten besonders darauf achten, dass sie Zusagen und Abmachungen verlässlich einhalten. Fixe Papa-Tage und Mama-Tage geben Ihrem Kind Sicherheit.

Ein Tipp an Eltern, die sich trennen

Eine kooperative und konfliktarme Zusammenarbeit zwischen den Eltern ist besonders wichtig. Ob das Kind gestärkt durch diese Krisenzeit gehen kann, hängt in hohem Maße davon ab, wie die Eltern vor, während und nach der Trennung mit der Situation umgehen und welche Unterstützung alle Beteiligten bekommen. Es gibt Wege, getrennt zu leben, aber gemeinsam zu erziehen – das ist möglich.

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Welche Angebote und Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?

Für Kinder: Die Teilnahme an einer Gruppe oder Einzelbegleitung stärkt die Resilienz (seelische Widerstandskraft) der Kinder und fördert die Lebenskompetenzen. D.h. professionelle Unterstützung ist in jedem Fall wirksam und positiv.

  • Altershomogene Gruppen für Kinder: z.B. Rainbows. Hier werden im geschützten Rahmen 4 bis max. 6 Kinder über einen Zeitraum von vier bis fünf Monaten dabei unterstützt, mit der neuen Familiensituation besser zurecht zu kommen und positive Zukunftsperspektiven zu entwickeln, ein sog. „Stärkungsprogramm“ für Kinder und Jugendliche.
  • Einzelbegleitung für Kinder: bieten Psychologen, Pädagogen und verschiedene Einrichtungen an – hier finden Sie eine Übersicht.

Für Eltern:

  • Beratung für Eltern: individuelle Beratung und gesetzlich vorgeschriebene Beratung vor einvernehmlicher Scheidung nach § 95 Abs1a Außerstreitgesetz
  • Mediation: Familienmediation kann dazu beitragen, dass eine Trennung möglichst friedlich und fair verläuft

Eine Trennung zu bewältigen, verlangt von allen Beteiligten viel Kraft. Veränderungen brauchen Zeit, Gelassenheit, Toleranz und Geduld. Die Umbruchsituation ist für alle Beteiligten neu. Daher geben Sie Ihrem Kind, Ihrem/r Ex-PartnerIn und sich selbst genug Zeit!



EIN ARTIKEL VON
  • Marie-Thérèse Schmiedleitner

    Ich bin Pädagogin und seit Jahren in der Kinderbetreuung tätig. Darüber hinaus biete ich systemische Familienberatung für Babys, Kleinkinder und Elternworkshops an. Ich lese leidenschaftlich gerne Blogs und bin selbst begeisterte Bloggerin.


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