27. November 2017

Wie viel Unterschiedlichkeit verträgt eine Beziehung?

Ein Paar mit Unterschieden - meinefamilie.at

Wir sind ein Paar – und doch so verschieden. Es ist oft eine Herausforderung, Gemeinsamkeiten zu finden, doch letztlich kommt es in der gelungenen Partnerschaft auf anderes an.

Wer kennt sie nicht, die Fiaker, die am Stephansplatz in Wien oder an anderen Orten auf Touristen warten, um ihnen auf besondere Art die Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Kutschen haben etwas Romantisches an sich, sie sind Relikte aus vergangenen Zeiten. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum das Interesse daran auch heute noch groß ist.

Paar mit Unterschieden - Kutschenfahrt - meinefamilie.at

Doch möchte ich hier weniger über das Fahrzeug, die Kutsche selbst schreiben, sondern über die Pferde davor. Wenn man die hintereinander geparkten Gespanne aufmerksam betrachtet, fällt auf, dass die meisten Kutschen von gleichen Pferden gezogen werden. Meist sind es zwei, also entweder zwei schwarze, zwei braune, zwei weiße, und fast immer sind sie genau gleich groß. Doch was ist es eigentlich, das ein “gutes Gespann” ausmacht? Müssen die beiden Pferde unbedingt gleich sein oder können auch unterschiedliche ein gutes Paar abgeben?

Mich beschäftigt dieser Gedanke schon seit längerer Zeit im Hinblick auf unsere Ehe. Wenn ich das Bild auf die Ehebeziehung umlege, müsste es ja heißen, nur zwei ziemlich gleiche Partner können gut miteinander funktionieren. Also ähnliches Aussehen, ähnliche Interessen, ähnliches Temperament,… Oft schon sind mir solche Paare begegnet, beim Laufen im Wald, beim Wandern,… Beide bewegten sich im gleichen Tempo, trugen manchmal sogar das gleiche Outfit. Sie strahlten pure Harmonie aus und in mir stieg eine unbeschreibliche Sehnsucht auf.

Wir sind verschieden – wie passen wir zusammen?

Bei uns ist das etwas anders.

Mein Mann und ich sind uns nur in wenigen Dingen ähnlich. Wir sind von Grund auf verschieden, so verschieden, dass ich mich manchmal schon gefragt habe, wie wir zwei zusammenpassen können.

Ja, es heißt auch, Gegensätze ziehen sich an. Das stimmt schon. Aber ehrlich gesagt kann so viel Unterschiedlichkeit über die Jahre ganz schön anstrengend werden. Man muss sich immer wieder bemühen, Gemeinsamkeiten zu finden, damit der Draht zueinander im Alltagstrubel nicht komplett abreißt. Würden wir gleich oder zumindest ähnlich ticken, hätten wir vielleicht sogar ein Hobby gemeinsam, dann würden sich gemeinsame Zeiten von selbst ergeben. Wir würden z.B. einmal die Woche gemeinsam laufen gehen oder Badminton spielen. Aber nein, wir finden total unterschiedliche Dinge interessant. Jeder braucht andere Dinge, um sich zu entspannen und jeden regt etwas anderes auf. Natürlich gibt es auch Dinge, die wir beide mögen. Aber immer wieder stelle ich fest, dass die Suche danach nicht gerade einfach ist.

Als Paar zusammenwachsen

Kann ein so unterschiedliches Paar, wie wir es sind, auf die Dauer miteinander glücklich sein? Kann jeder “das Seine” finden und leben, ohne dass das auf Kosten der Gemeinsamkeit gehen muss?

Als ich neulich mit der Kutsche einer Bekannten mitfahren durfte, hat sich meine Sicht etwas relativiert. Die Pferde, die unser Fahrzeug zogen, waren nämlich alles andere als gleich. Das eine ein kräftiger, riesiger Rappe, das andere ein zierlicher und um einiges kleinerer Schimmel. Die beiden waren miteinander eingespannt und schienen damit kein Problem zu haben. Als sie zu traben begannen, hatte ich nicht das Gefühl, dass eines der beiden aus dem Takt kam. Sie harmonierten so miteinander, dass ich die Besitzerin fragte, ob es denn da keine Probleme gäbe mit zwei so unterschiedlichen Pferden… “Aber nein!”, meinte sie. “Die beiden sind gut zusammengewöhnt.” “Na sowas”, dachte ich. Wirklich faszinierend.

Ich muss ganz ehrlich sagen, diese Begebenheit schenkte mir neue Hoffnung und eine neue Perspektive für unsere Beziehung.

Wenn zwei so unterschiedliche Pferde in schönster Harmonie einen schweren Wagen ziehen können, dann schaffen wir das auch.

Das Wichtigste dabei ist ja, dass wir einander so sein lassen, wie wir sind. Dass jeder von uns seine Gaben einbringt und dass wir beide in die gleiche Richtung schauen und gemeinsam arbeiten wollen. Dann werden sich auch Freude und Leichtigkeit einstellen, wenn wir die uns gestellten Aufgaben mit vereinten Kräften bewältigen.

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester sozial in Indien tätig. Jetzt unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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