8. August 2017

Vor den Kindern streiten – ja oder nein?

Vor den Kindern streiten - meinefamilie.at

Vor allem mit dem Größerwerden der Kinder stelle ich mir immer öfter die Frage, was wir vor den Kindern diskutieren und in welcher Form wir streiten sollen. Fest steht für mich: Jeden Streit vermeiden und alles abends im Schlafzimmer zu klären, kann keine Lösung sein. Eine gute Streitkultur muss her!

Dürfen Eltern sich vor den Kindern streiten? Müssen sie es sogar? So manch einem von uns jetzt erwachsenen Vätern und Müttern ist der Streit der eigenen Eltern noch in Erinnerung – und das nicht in guter.

Eines ist klar: Kinderseelen können durch das Streiten ihrer Eltern stark erschüttert werden und die dadurch entstandenen Verletzungen können ein Leben lang weh tun. Es soll aber auch Eltern geben, die im Beisein ihrer Kinder nie streiten, weil sie ihre Konflikte hinter verschlossenen Türen austragen, Grant und Frust der Harmonie wegen runterschlucken oder von Natur aus harmoniewahrende Menschen sind. Zu dieser Kategorie gehören mein Mann und ich definitiv nicht.

Oh ja, Streit kommt in unserer Ehe vor – und das nicht nur zweimal im Jahr. Zu aufreibend ist das Leben in der Familie, zu unterschiedlich sind wir in unseren Persönlichkeiten. Es sind oft Kleinigkeiten („Wie räumt man den Geschirrspüler am besten ein?“), häufig Fragen, die unser Miteinander in der Familie betreffen („Wie viel Freiraum neben Partnerschaft und Kindern können wir einander geben?“) , hin und wieder auch Themen, die das Fundament unserer Partnerschaft betreffen („Welchen Einfluss haben unsere Herkunftsfamilien auf unsere Ehe?“), die für Konflikte sorgen.

Konflikte gehören zum Familienleben

Vor allem mit dem Größerwerden der Kinder stelle ich mir immer öfter die Frage, was wir vor den Kindern diskutieren und in welcher Form wir streiten sollen. Fest steht für mich: Jeden Streit vermeiden und alles abends im Schlafzimmer zu klären, kann keine Lösung sein. Konflikte gehören zum Leben und zu jeder – auch der intaktesten – Familie. Das sollen auch die Kinder lernen.

Vor Kurzem erzählte eine Psychiaterin von Patienten, deren Eltern nie gestritten haben. Als Erwachsene, selbst in einer Partnerschaft lebend, waren sie fest davon überzeugt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt – weil es in ihrer eigenen Partnerschaft durchaus Konflikte und Streit gibt.

Außerdem: Kinder haben ein feines Gespür für Stimmungen. Mama und Papa können vielleicht nach außen hin den Schein der Harmonie wahren. Aber dass es in ihr brodelt, weil er ihre Zumbastunde vergessen hat und zu spät nach Hause gekommen ist, merken wahrscheinlich auch sie. Und wer weiß, vielleicht beziehen die Kinder die subtilen Spannungen auf sich und meinen, sie seien schuld?

Eine gute Streitkultur muss her!

Wie sollen unsere Kinder lernen, wie man bei unterschiedlichen Meinungen und Bedürfnissen zu einer Lösung kommt, wenn sie es nicht in der eigenen Familie lernen? Wie sollen sie mitbekommen, dass nach einem Streit Versöhnung möglich ist? Hier beginnt der schwierigste Teil, finde ich. Eine gute Streitkultur muss her!

Blöd nur, dass mir beim Streiten nicht nur wohlüberlegte Argumente nach all den Regeln der gewaltfreien Kommunikation über die Lippen kommen.

Hochkochende Emotionen sind meist unvermeidbar und können meine Fähigkeit zu Vernunft, Besonnenheit und Sachlichkeit ziemlich beeinträchtigen.

Wie kann es dennoch gelingen, so zu streiten, dass keiner der Beteiligten in seiner Würde verletzt wird, sein Gesicht wahren kann und letztlich Versöhnung möglich ist?

Die Grundregeln einer guten Streitkultur

  • Ich beschimpfe meinen Partner nicht und mache ihn nicht mit herablassenden, kritisierenden Bemerkungen nieder. („Du bist echt ein vergesslicher Idiot! Ich habe dir dreimal gesagt, dass ich um sechs zu meiner Zumbastunde will!“)
  • Ich beziehe die Kinder nicht in den Streit mit ein und zwinge sie auf keinen Fall, für einen von uns Partei zu ergreifen. („Der Papa spinnt doch, oder was sagst du dazu?“)
  • Ich mache die Kinder nicht zum Inhalt bzw. Anlass unseres Streits. („Du beklagst dich, dass die Kinder keine Tischmanieren haben? Das ist deine Schuld! Du bist ja nie zu Hause beim Essen!“)
  • Ich mische mich nicht in den Umgang meines Mannes mit den Kindern ein – auch wenn ich es anders machen würde. („Du kannst ihr doch nicht diese dünne Jacke anziehen! Es ist viel zu kalt dafür!“) Ich gestehe: Bemerkungen wie diese kann ich mir allzu oft leider nicht verkneifen. Hier liegt definitiv mein Lernfeld!
  • Es kann nötig sein, den Kindern klar zu sagen: Zwischen Mama und Papa herrscht gerade dicke Luft. So können sie das elterliche Verhalten und die herrschende Stimmung besser einordnen. („Papa und ich sind uns gerade nicht einig und müssen das noch ausdiskutieren.“ Oder: „Der Papa und ich haben gerade einen Streit. Das müssen wir jetzt klären.“)

Die wichtigste Regel ist wohl: Die Versöhnung nach dem Streit soll auch für die Kinder spürbar sein. Das bedeutet zum einen: Es gibt in irgendeiner Form eine Versöhnung zwischen meinem Mann und mir – auch dann, wenn die Ursache des Streits noch nicht vollends aus dem Weg geräumt ist. Und zum anderen: Wir demonstrieren den Kindern, dass wir uns wieder vertragen, und uns trotz unterschiedlicher Meinungen lieb haben.

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EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


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