20. Februar 2015

Freiheit und Vertrauen


Dieser Beitrag möchte auf die Frage: “Vertrauen, wie soll das gehen?” in drei Schritten antworten: Was ist Vertrauen, was ist es nicht, wie soll das gehen?

Partnerschaften und Ehen sind Beziehungen, die von Vertrauen angetrieben werden. Eigentlich ist das ein redundanter Satz. Denn alle Beziehungen sind von Vertrauen gesteuert. Aber der Punkt ist: Je enger die Beziehung, desto mehr Vertrauenstreibstoff braucht der Beziehungsmotor. Wo das nicht geschieht, bleibt die Beziehung schließlich selbst auf der Strecke. Gut, auch keine große Neuigkeit. Aber wie kann man vertrauen? Dieser Blogbeitrag möchte in drei Schritten antworten: Was ist Vertrauen, was ist es nicht und wie soll das gehen?

Was ist Vertrauen?

Hinweise bietet uns das Wort selbst. Ver-trau. Das heißt, lass dich ein, habe den Mut, trau dich. Man verzeihe meinen Versuch, als Kanadier deutsche Wörter zu deuten, aber ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis scheint mir die Vorsilbe “ver-“, die auf Deutsch öfters noch “gänzlich” hinzufügt: verbauen, verhauen, verschonen, verlassen. Also, es geht beim Vertrauen nicht um irgendeinen Mut oder irgendein “traue dich”, sondern um ein umfassendes, komplettes Sich-Trauen, das eine gewisse Radikalität in sich birgt. Aber nicht nur das. Denn sich etwas zu trauen, hat mit dem Willen zu tun. Vielleicht liefert der Verstand die Motive und Emotionen die Stütze, aber das hilft alles nichts, wenn man dann nicht auch wirklich den Sprung wagt, nicht die Entscheidung trifft, sich eben nicht traut. Der Sitz des Vertrauens ist der Wille, nicht der Verstand. Deswegen geht es beim Vertrauen öfters nicht so sehr darum, etwas besser zu begreifen oder zu verstehen, sondern darum, etwas wirklich zu wollen. Und da sind wir wieder bei der Freiheit angelangt.

Vertrauen heißt, Freiheit zu leben

Vertrauen kann nur dort entstehen, wo Freiheit gelebt wird. Noch etwas. Beim Vertrauen geht es darum, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Das heißt, man vertraut Menschen, nicht Dingen. Ich traue mich, über eine Brücke zu gehen, aber ich vertraue der Brücke nicht. Naja, ich kann schon das Vertrauen haben, dass die Brücke halten wird, aber dieses Vertrauen gründet nicht auf ein Versprechen der Brücke mir gegenüber. Beim Vertrauen geht es gerade um ein gegenseitiges Sich-Einlassen, einander gegenseitig zutrauen, dass er/sie mich nicht verletzten möchte, das Beste für mich will. Und das wiederum zeigt, dass Vertrauen mit Risikobereitschaft zu tun hat, denn wenn man sich auf jemanden einlässt, macht man sich verwundbar. Wenn die Brücke einbricht, dann habe ich ein Problem, aber mein Herz wird davon nicht verletzt. Herzenswunden entstehen gerade dort, wo Vertrauen gebrochen, wo Freiheit missbraucht wird.

Der Begriff Vertrauen

Andere Sprachen zeigen noch einen weiteren interessanten Aspekt von Vertrauen. Ich denke hier an das englische Wort “confidence” (confianza – Spanisch; fiducia – Italienisch). Dieses Wort besteht aus dem Vorwort “con” (mit) und “fidence”, das wiederum aus dem Lateinischen “fides” (Glaube) stammt. Demnach würde “Vertrauen” wortwörtlich “mit-Glauben” heißen. Das heißt, der Vertrauende wird zu einem Mitglaubenden. “Du glaubst, du schaffst das, ich teile diesen Glauben, ich lass mich darauf ein.” Hier geht es aber nicht um das Kochen oder das Klettern, sondern um die gegenseitige Beziehung und das Leben selbst, um das Anvertrauen des eigenen Herzens. Das heißt, es geht um einen Glauben an den anderen, nicht unbedingt wie er in diesem Augenblick ist, sondern in seinem Potential, selbst dann, wenn er es vielleicht im Moment noch nicht schafft. Deswegen ist Vertrauen eine der stärksten Inspirationsquellen überhaupt. Das Bewusstsein, dass ein anderer Mensch einem etwas zutraut, an einen glaubt, etwas in einem sieht, das man vielleicht selbst nicht zu sehen vermag, führt öfters dazu, dass jemand über sich selbst hinauswächst, eine gewisse Kühnheit angesichts schwieriger Situationen entwickelt, mutig wird und sich in seiner Persönlichkeit entfaltet.

Die fünf Elemente des Vertrauens

  1. Das Sich-Einlassen.

Zerrbilder des Vertrauens

Als Priester würde ich noch sagen, dass das Vertrauen in Gott eine enorme Stütze für Vertrauen in einer Beziehung bildet. Warum? Erstens, weil man ohne Gott sehr schnell den Partner selbst zum Gott macht. Man erwartet alles vom Partner. Man hat Erwartungen an Bestätigung und Sicherheit und Vollkommenheit, die der Partner nie erfüllen könnte, weil er/sie eben nicht Gott ist. Dazu kommt, dass man immer auch an die eigenen Grenzen stößt, sich der eigenen Unzulänglichkeit bewusst ist. Ohne Gott muss man alles von sich selbst erwarten, muss man selbst Gott sein, alles selbst perfekt machen, sonst verliert das eigene Selbst an Wert. Diese Ausgangslage macht Vertrauen in einer Beziehung einfach schwieriger, weil es nicht um ein wirkliches Sich-Einlassen auf einen anderen Menschen, sondern auf ein Zerrbild des anderen geht, das gar nicht existiert. Da sind Verletzungen fast vorprogrammiert. Bei Vertrauen gibt es vor allem zwei Zerrbilder:

  • Die erste heißt Vermessenheit. Hier geht es um eine Vergötterung der eigenen Fähigkeiten oder derjenigen des/der anderen.

Das führt oft zum zweiten Zerrbild:

  • Entmutigung und Enttäuschung. Der Entmutigte schließt sich in sich selbst ein. Er wird kleinlich, seine Visionen und Träume und Hoffnungen sind gescheitert, er schließt einen Kompromiss und findet sich ab mit einer mittelmäßigen Beziehung. Er macht nur noch wenige oder gar keine Schritte auf den anderen zu. Er verliert den Glauben an den anderen.

Wege des Vertrauens

Der Titel für den heutigen Blog heißt: “Freiheit und Vertrauen”. Das ist nicht von ungefähr. Denn der erste Schritt zum Vertrauen kann dort geschehen, wo Freiheit herrscht. Und zwar in beiden Bedeutungen von Freiheit, die ich im letzten Blog beschrieben habe.

Erstens die Freiheit “von”. Wenn ich merke, dass mein Partner frei von Zwang ist, dass er nicht von mir emotional abhängig ist, dass er mich nicht braucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, dass er in mir nicht seine Krücke sieht, die er unbedingt benötigt, um gehen zu können, dann kann ich mich in diese Beziehung viel gelassener hineinfallen lassen. Dann weiß ich: Ich muss nicht ständig Angst haben, dass er in dem Moment weg ist oder mir untreu wird, wenn ich es nicht schaffe, seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Basis der Beziehung

Aber auch die zweite Form der Freiheit stiftet Vertrauen, und zwar die Freiheit “für”. Wenn ich merke, dass sich jemand wirklich für mich entschieden hat: Nicht für das, was ich ihm gebe, nicht für meinen Körper, nicht für mein Aussehen, nicht für mein Geld, nicht für meine Kontakte, nicht für “drei Jahre und dann schauen wir weiter”, nicht für meine Stimme, nicht für diesen oder jenen Teilaspekt, sondern wirklich für mich, auch dann kann ich mich fallen lassen. Denn dann weiß ich, ja, es kann Stürme geben, aber sie werden wieder vorübergehen. Denn er/sie hat sich nicht auf Probe entschieden, liebt nicht auf Probe, es gab und gibt keine Bedingungen, die, wenn sie nicht erfüllt werden, zum Stolperstein für die Beziehung werden könnten. Kann so eine Beziehung nicht auch scheitern? Ja natürlich, aber es wird viel seltener vorkommen, denn die Vorbedingungen sind ganz anders. Wo es keine wirklich freie Entscheidung für den anderen gab, da ist es nur eine Frage der Zeit, bis Vertrauensbrüche zu Vertrauensverlust führen.

Lies weiter: Praktische Hinweise, wie man Vertrauen schenken kann

Weiterführende Links


Das Zentrum Johannes Paul II. ist ein Ort der Begegnung, des Austausches, des gemeinsamen Gebets und der Glaubensvertiefung. Im Geist von Johannes Paul II. soll das Zentrum eine Schule der Evangelisierung sein, wo Gemeinschaft erfahren, Glaube gefestigt sowie zur Glaubensweitergabe und Jüngerschaft befähigt wird.


Ein Schwerpunkt ist das Thema „Leiblichkeit und Sexualität“ zur „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. Im Denken und in der Lehre von Johannes Paul II. verbinden sich Vernunft und Glaube, Leib und Geist, menschliche und spirituelle Werte, Lebensfreude und Frömmigkeit.


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EIN ARTIKEL VON
  • Fr. George Elsbett

    Ich bin katholischer Priester. Meine Heimat ist in der kanadischen Wildnis. Studiert habe ich zwischen Chicago, Köln, Salamanca und Rom. Seit 2004 wirke ich in Österreich. Unter anderem leite ich das Zentrum Johannes Paul II. in Wien und habe mich auf Theologie des Leibes, Ehe- und Berufungspastoral spezialisiert.


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