31. Mai 2016

Versöhnen statt schmollen

Versöhnen statt schmollen - meinefamilie.at

Den Geist der Versöhnung in der Ehe leben wir nicht dadurch, indem wir bestehende Konflikte oder Schwierigkeiten aus Angst vor einem Zusammenstoß leugnen oder davor, dass sich jeder in seinen Schmollwinkel zurückzieht. Damit Missverständnisse ausgeräumt werden, braucht es den Dialog: indem wir uns gemeinsam der schwierigen Situation in der Offenheit auf Versöhnung stellen.

Dabei ist extrem wichtig, einander zuzuhören und ausreden lassen. Manchmal ertappe ich mich, dass ich im Kopf die Sätze meines Partners schon ergänze, ohne überhaupt genau hingehört zu haben. Das ist sehr tückisch und führt leicht zu Missverständnissen, die überhaupt nicht nötig wären. Deshalb muss ich mir immer neu ins Bewusstsein rufen: Wenn ich zuhören kann, nehme ich mein Gegenüber ernst und schenke ihm das partnerschaftliche Gefühl: Deine Meinung ist mir sehr wichtig!

Verletzungen aussprechen

Wie schnell bin ich geneigt zu sagen: „Um Himmelswillen, bloß nicht schon wieder Streit! Bitte gifte mich nicht wieder an! Endlich soll zwischen uns Ruhe und Frieden einziehen!“ Doch manchmal schaffen wir es einfach nicht, über Verletzungen zu sprechen. Wir wollen im Vergessen darüber hinwegkommen, das Geschehene, die kleinen täglichen Sticheleien und Abwertungen unter den Teppich kehren.

Doch die Verletzungen wirken weiter, hinterlassen Spuren in unseren Herzen und in unseren Seelen und können auf die Liebe zerstörend wirken.

Verwundungen müssen angesprochen und aufgearbeitet werden.

Wie jede Müllhalde sorgsam entgiftet werden muss, damit sie nicht ökologisch zur tickenden Zeitbombe wird, auch wenn sie äußerlich als grüne Wiese erscheint, so verlangt auch der seelische Schmerz in der Ehe nach Entgiftung.

Versöhnung vor dem Sonnenuntergang

Wir haben es uns in unserer Ehe zur Gewohnheit gemacht, dass wir nie die Sonne über unserem Zorn untergehen lassen wollen. Sonst besteht die Gefahr, dass ein Streitgespräch noch Monate weiterbrodelt und aus einem Schneeball durch Steigerung von Fantasievorstellungen am Ende eine Lawine wird. “Und du hast mich heute mit deinen scharfen Worten so gekränkt.” “Was? Das hab ich so überhaupt nicht gemeint! Daran hast du dich also festgebissen und hast noch nach Stunden die Ohren hängen lassen. Das tut mir echt leid.“

Verzeihen lernen

Um Verzeihung bitten, heißt, dass ich auf die Liebe des anderen zähle, dass ich bereit bin, das Geschenk seiner Liebe dankbar anzunehmen. So wirkt ein Wort des Verzeihens nach einem stürmischen Gewitter wie ein reinigendes Bad.

Weil ich als Mann den festen Entschluss gefasst habe, nicht mehr stur auf meiner eigenen Meinung herumzureiten, weil ich als Frau nicht mehr rechthaberisch das letzte Wort haben will.

Dann steigen wir gemeinsam neu und gereinigt aus dem Wasserbad der gegenseitigen Barmherzigkeit, die Versöhnung mit einschließt. Und das bringt uns wieder zu dem Punkt zurück, an dem wir uns am wohlsten fühlen: in der Harmonie und dem Gefühl, so geliebt zu werden, wie wir sind.

Den Ehepartner mehr und mehr erkennen

Es braucht Zeit, seinen Ehepartner immer mehr zu erkennen, dessen charakterliche Eigenschaften vergleichbar sind mit den Facetten eines Diamanten, die durch den Schliff des Lebens immer wieder neue Seiten zeigen. Um dieses “zweite Ich” immer wieder neu liebend zu entdecken, bietet der Alltag viele kleine, unscheinbar anmutende Möglichkeiten. Eine Aufmerksamkeit im richtigen Augenblick kann Wunder wirken, da sie zeigt, wie sehr mir der andere wert ist.

Selbst die Fehler werden zu einer Herausforderung in Richtung einer noch größeren Liebe, weil sie mir die eigene Armseligkeit vor Augen stellen und deutlich machen, wie ich auf die barmherzige Liebe meines Partners angewiesen bin. Wo ich eine Lücke aufzuweisen habe, entdeckt er gleichzeitig bei mir einen Reichtum. Wo er einen Mangel hat, finde ich eine Kompensation in der Haltung des Gebens und Empfangens.

Als Ehepartner aneinander wachsen

Aus einer solchen grenzenlosen Liebe erwächst die Größe als Ehepartner. Lieben und geliebt werden, das ist unsere Berufung. Jene Liebe mit dem Gütezeichen Christi sollen wir in die Welt hineintragen, um diese Welt in der Liebe zu bewahren. In dem Maße, in dem wir in unserer ehelichen Liebe wachsen, in dem Maße wirkt der Heilige Geist an der Umgestaltung der Kirche in Christus.

Wenn wir Ehepartner das Geschenk einer selbstlosen Liebe annehmen, das Vergebung von Schuld mit einschließt, dann schlagen wir eine Bresche in der Menschheit, durch die der Geist der Heiligung eindringen kann. In dem Bewusstsein, dass uns verziehen ist, dürfen auch wir Verzeihung üben; denn Vergebung macht frei. Und damit nimmt das eheliche Leben mehr und mehr das Antlitz der Liebe an, damit die Welt glaube.

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EIN ARTIKEL VON
  • Karl-Heinz Fleckenstein

    Als ich das erste Mal 1981 eine Pilgergruppe aus Deutschland ins Heilige Land führte, fand ich meine zukünftige Ehefrau Louisa. Seit dieser Zeit führen wir gemeinsam Pilgergruppen auf die Spuren der Bibel. Als Theologe, Reiseleiter und Schriftsteller fand ich in der Heimat Jesu auch meine “wahre” Heimat.


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