7. Juni 2016

Ein Ruhetag pro Woche

Ein Ruhetag pro Woche - meinefamilie.at

Seit etwa zwei Jahren halten wir einen Tag pro Woche als völlig arbeitsfreien Ruhetag. Der Tag zum Auftanken hat sich bei uns etabliert.

Vor etwa zwei Jahren haben wir im Zuge unseres Entschleunigungsprozesses, der auf das plötzliche Aus unserer Privatschule folgte, erkannt, dass wir einen fixen Ruhetag pro Woche brauchen. In der Zeit davor war an den meisten Wochenenden zumindest ein Tag in irgendeiner Weise durch Arbeitstermine verplant gewesen und auch oft der Sonntag zu einem halben Arbeitstag geworden. Obwohl wir uns so anstrengten, alles gut zu managen, kamen wir aus dem Hamsterrad nicht mehr heraus. Alles in uns lechzte nach Ruhe und Auszeit.

Ein Ruhetag ist ein Geschenk

Nachdem sich unsere Situation plötzlich so drastisch verändert hatte und wir sowohl privat als auch beruflich sehr viel Zeit miteinander verbrachten, beschlossen wir, einen Tag pro Woche völlig arbeitsfrei zu halten. Als Beispiel nahmen wir uns das Prinzip des “Shabbat” aus der Bibel. Je mehr wir uns damit beschäftigen, desto deutlicher wird uns bewusst, was Gott mit diesem Ruhetag für uns Menschen gemeint hat und welches Geschenk er eigentlich ist!

Zuerst haben wir beschlossen, an diesem Tag jegliche bezahlte Tätigkeit einzustellen – auch das, was uns Spaß macht. Darüber hinaus gestalten wir diese Tage so, dass wir sie mit einem Minimalaufwand an Energie gut bewältigen können. Das heißt, es gibt nichts frisch Gekochtes, sondern Reste oder Fertiggerichte. An diesem freien Tag wird nichts eingekauft, nicht geputzt, werden keine sonstigen anstehenden Haushaltstätigkeiten gemacht, außer dem Allernötigsten. Die Zeit mit den Kindern teilen wir uns auf. Familienausflüge gibt es nicht, da sie für Georg keine Erholung bedeuten. Wenn schönes Wetter ist, werkeln wir manchmal gemeinsam im Garten, aber auch da gilt das Prinzip:

“Tu nur das, was dir gerade wirklich Freude bereitet. Alles, was Arbeit für dich bedeutet, ist heute nicht dran.”

Innerlich auftanken an unserem Ruhetag

Wir haben gemerkt, wie dieser Tag uns innerlich auftanken lässt und haben so nach und nach die Bestimmungen für unseren Ruhetag verfeinert.

Die aktuelle Variante beeinflusst auch unsere Partnerschaft sehr stark. Wir haben nämlich ausprobiert, wie es wäre, wenn wir uns einen Tag lang völlig entkoppeln, praktisch und emotional. Das heißt, es gibt kein Kuscheln am Morgen, keine gemeinsame Mahlzeit, keine fixe Zeit zu zweit. Jeder von uns hat frei, bis auf die paar praktischen Dinge, die zu tun sind. Georg und ich dürfen über diesen Tag frei verfügen, Dinge tun, die uns gut tun. Wenn einer den anderen um einen Gefallen bittet und der Nein sagt, ist es einfach so.

An diesem Tag hat keiner Ansprüche auf die Zeit des anderen.

Natürlich können spontan nette Momente stattfinden, ein kurzer Plausch im Stiegenhaus, ein Kuss im Vorbeigehen. Das ist dann etwas Besonderes, weil es völlig freiwillig ist. Wenn einer von uns länger als zwei Stunden weg möchte oder jemanden nach Hause einladen will, wird dies mit dem Partner abgesprochen. Aber sonst herrscht völlige Freiheit.

Für uns war das ein ganz neuer Ansatz, einander an einem Tag der Woche völlige Autonomie zuzugestehen. Anfangs war ich sehr skeptisch, ob das wohl funktionieren würde. Gerade am Anfang musste ich mich regelrecht dazu zwingen, nicht kurz zwischendrin am Computer zu arbeiten. Doch je länger wir das nun so praktizieren, desto mehr Vorteile sehe ich darin. Ich entdecke Dinge wieder neu, die ich früher gerne gemacht habe, wie zum Beispiel die Kalligraphie. Vor kurzem habe ich tatsächlich drei Stunden am Stück damit verbracht, Sprüche in Schönschrift mit Tusche abzuschreiben. Diese Tätigkeit, die in Kontrast zu meinem sonstigen Alltag steht, hat mir sehr gut getan! Ohne die Muße unseres Ruhetages wäre ich wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, das zu tun.

Selbstverständlichkeiten neu schätzen

Weiters wird die Selbstverständlichkeit, mit der wir oft Dinge füreinander tun, an diesem  Tag unterbrochen.

Ich lerne vieles wieder neu zu schätzen, wie zum Beispiel, dass Georg mir sonst im Alltag sehr hilfsbereit zur Seite steht.

An diesem Tag gönne ich ihm seine Auszeit. Unsere Kinder, vor allem die Größeren, maulen zwar manchmal, weil es nur sehr einfaches Essen gibt und wir unseren Hobbys mehr Zeit widmen. Doch ich denke, auch für sie ist es wichtig, wahrzunehmen, dass Mama und Papa nicht ständig verfügbar sind. Und es kann ja durchaus vorkommen, dass ich plötzlich Lust bekomme, etwas mit ihnen zu unternehmen! Ganz in aller Freiheit ist es umso schöner!

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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