20. Mai 2015

Reife Beziehung: Liebe ist eine Entscheidung


Eine reife Beziehung zwischen zwei Liebenden ist auf eine freie Entscheidung aufgebaut. Das ist der Klebstoff, der sie zusammenhält. Und sie ist mehr als das.

Ich sitze im Auto. Der Laptop ist aufgeklappt und ich schreibe vor mich hin. Nein, fahren tue ich gerade nicht. Das wäre ein wenig zu gewagt. Aber das Gewitter macht das Fahren sowieso ziemlich schwierig. Eine Pause ist angesagt. Ich bin irgendwohin unterwegs, alleine. Aber das ist auch ganz ok so. Ein Mitfahrer wäre angenehm, wenn ich gerade Gesprächsbedarf hätte, aber im Moment ist mir mehr nach Nachdenken. Johannes hatte mich in der Früh angerufen. Er ist 34 und seine Freundin macht Druck. Sie sollten sich langsam entscheiden. Das erste Kind ist unterwegs und außerdem, sie sind ja schon seit 12 Jahren zusammen. Er ist sich aber unsicher. Und außerdem, was soll’s? Sie lieben sich ja sowieso und Hochzeitsfeiern kosten viel Geld. Und solange es so geht, passt ja alles, aber wer weiß, wie es in 10 Jahren ausschaut? Und dann würden sie sich sowieso nur wünschen, dass sie den Schritt erst gar nicht gemacht hätten. Heiraten? Er will dem ganzen Streit mit der Scheidung vorbeugen. Vertraut sie ihm denn nicht? Ihre Forderung findet er verletzend… Ich war baff. Das war heute Morgen und jetzt geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Was für eine Tragödie! – eine echte, denn das Tragische daran hat der Hauptakteur offensichtlich gar nicht einmal begriffen: Liebe hat mit Entscheidung zu tun. Aber hier ist nach 12 Jahren immer noch keine Entscheidung gefallen. Warum? Weil eine Hintertür offen bleiben soll. Was hat das bitte noch mit einer Liebesbeziehung zu tun?

Eine reife Beziehung ist das Resultat meiner freien Wahl

Gut, Beziehungen hat ja jeder. Ich stehe in Beziehung mit vielen: meinen Eltern, meinen Freunden, meinen Mitbrüdern im Kloster. Jeder dieser Menschen ist irgendwie mit mir verbunden…und ich mit ihnen. Es besteht ein wechselseitiges Verhältnis. Es gibt etwas, das uns verbindet: die Freundschaft, die gemeinsame Ordensregel, die Blutsverwandschaft. Wenn man jetzt aber etwas genauer hinschaut, wird deutlich, dass das Verhältnis zu meiner Mutter anders ist als das Verhältnis zu meinen Freunden oder zu meinen Mitbrüdern im Kloster. In die erstere Beziehung bin ich hineingeboren, die anderen beiden Beziehungen sind Resultat meiner freien Wahl. Und hier zeigt sich etwas, das für Liebesbeziehungen sehr relevant ist, aber merkwürdigerweise oft genug in der Praxis übersehen wird. Ich versuche es so zu erklären. Mein Alleinsein im Auto ist meine Wahl, ich habe das so entschieden. Das Alleinsein in einer Liebesbeziehung ist auch das Resultat einer Wahl, einer Entscheidung…und nicht nur von einem der Partner, sondern eben von beiden. Mit meiner Mutter werde ich immer eine gewisse Beziehung haben. Selbst wenn ich mich auf einer praktischen Ebene entscheiden würde, nichts mehr mit ihr zu tun haben zu wollen, wird sie doch immer meine Mutter bleiben. Zwischen zwei Liebenden sieht das ganz anders aus. Die GANZE Beziehung ist auf eine freie Entscheidung aufgebaut. Das ist der Klebstoff, der sie zusammenhält. Es ist aber auch zugleich das, was Herzen erobert, weil es einem bewusst macht, dass der andere sich ja gar nicht für mich entscheiden musste, aber es trotzdem getan hat.

Das Fundament einer reifen Beziehung sind nicht Gefühle

Emotionen, Gefühle kommen und gehen, sie können daher kein bleibendes Fundament für eine Beziehung sein. Ja, die Beziehung beginnt irgendwie dort, mit dem Gefühl, aber weil es dem Menschen widerfährt, ist noch keine Freiheit im Spiel. Deswegen kann man noch nicht einmal von echter Liebe sprechen, denn Freiheit ist die Voraussetzung für Liebe. Erst, wenn Freiheit ins Spiel kommt, wo Freiheit durch die Entscheidung ausgeübt wird und sich verwirklicht, erst dann kann man sagen, dass zwei Menschen überhaupt in Beziehung getreten sind. Das bedeutet auch, dass man an der Beziehung arbeiten muss, sonst zerfällt sie. Ok, nichts Neues. Oder vielleicht doch?

Ist es nicht oft genug so, dass in einer Beziehung irgendwann der Gedanke aufkommt: „Ich habe keine Gefühle mehr für meine Frau, für meinen Mann, es ist zu Ende mit unserer Liebe und ebenso mit unserer Beziehung.“ Oder man wird immer einsamer, fühlt sich vom anderen nicht mehr verstanden und versteht den anderen auch nicht mehr, hat das Gefühl, in verschiedenen Welten zu leben. Ich muss an Stephen Covey denken, der einmal einen Mann, der ihm bekundet hatte, er habe keine Gefühle für seine Frau mehr, Folgendes sagte: „Kein Gefühl für deine Frau? Dann liebe sie!“ Worauf der Mann antwortete, „Aber ich habe doch keine Gefühle mehr für sie“. Daraufhin wiederholte Covey wieder dasselbe: „Wenn Du keine Gefühle mehr für sie hast, dann liebe sie. Denn lieben ist ein Verb. Das Gefühl Liebe ist eine Frucht des Tuns, des Liebens.“ Und das ist der Punkt. Die Beziehung vor der Krise hatte ihr Fundament in der gemeinsamen Entscheidung für den anderen. Und wenn es überhaupt noch eine Beziehung gibt, dann deswegen, weil diese Entscheidung noch trägt.

Dort, wo diese Entscheidung schwächer wird, wo die Beziehungspartner sich auf schöne Erinnerungen, Erwartungen, Hoffnungen, Emotionen und Gefühle zurückziehen und die Freiheit nicht mehr für den anderen eingesetzt wird, dort sterben Liebe und Beziehung.

Der „Klebstoff“ der Beziehung löst sich nach und nach auf und die Beziehung wird schwächer, wenn man nicht mehr um den anderen kämpft, sich nicht mehr darum bemüht, dessen Herz zu erobern, sich nicht mehr für die Beziehung einsetzt (und nicht nur dem jeweils anderen vorwirft, er sollte sich doch endlich mehr engagieren), nicht mehr bereit ist, für den anderen das eigene Leben zu geben. Klingt das zu extrem? Ja, vielleicht. Aber dieser Prozess beginnt langsam, wenn man sich zum Beispiel gehen lässt, nicht mehr aktiv an der Beziehung arbeitet, sich vom Alltagstrott, den Kindern, der Arbeit, den Schwiegereltern, etc. so in Anspruch nehmen lässt, dass es keine Zeit mehr gibt, die Beziehung aktiv zu gestalten.

Für eine reife Beziehung wird die Freiheit eingesetzt

Eine reife Beziehung ist es dann, wenn die Freiheit voll eingesetzt wird. Aus zwei eins zu machen verlangt einen schöpferischen Prozess, ein „Schaffen“. Das ist es ja, was mit „Gemeinschaft“ zweier Personen gemeint ist – zumindest nach meinem kanadischen Versuch, deutsche Worte zu deuten. In Gemeinschaft finden wir die Worte „eins“ und „schaffen“. Gemeinsam schaffen wir eine Einheit. Beide müssen dafür kämpfen, und immer wieder muss einer damit anfangen. Aber wo von vornhinein die Möglichkeit ausgeschlossen wird, sich selbst voll und ganz ins Zeug zu werfen, seine Freiheit zu engagieren, was für eine Zukunft kann da eine Beziehung überhaupt haben?

Wunsch aufgeben, Beziehung zu kontrollieren

Es geht um bewusste kleine Schritte, die größere werden können. Das kann vielerlei sein: Die Bedürfnisse des anderen neu entdecken und auf sie eingehen, versuchen, dem anderen eine Freude zu machen, auch wenn einem gar nicht danach ist, eine Verletzung nicht gleich mit einer Verletzung zu beantworten, sondern das Böse mit dem Guten überwinden, eine Unannehmlichkeit aus Liebe akzeptieren, für den anderen beten usw. Wird das gehen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das ist ja das Risiko der Liebe: Man muss den Wunsch aufgeben, die Beziehung kontrollieren zu wollen. Aber wenn es überhaupt geht, dann nur so. Beziehung hat mit Freiheit zu tun, ist auf sie aufgebaut. Freiheit hat mit Entscheidung zu tun. Wenn man nicht Sklave der eigenen Unentschiedenheit, der eigenen Angst, etwas zu verlieren oder zu verpassen, sein will, dann muss die Freiheit ins Spiel gebracht werden. Das ist übrigens das Schöne, deswegen gibt es auch immer wieder Hoffnung, deswegen gibt es Zukunft: Wir sind nicht Sklaven der Vergangenheit, wir können heute, ja jetzt, neu anfangen, Beziehung neu zu gestalten. Ich wünsche uns allen diese Freiheit, die von der Liebe kommt, die uns aus dem Egoismus heraustreten lässt und unseren Bezugspunkt nicht im Selbst, sondern im anderen suchen lässt.

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