4. Mai 2016

In guten und in schlechten Tagen

In guten und in schlechten Tagen - meinefamilie.at

Die Diagnose der ratlosen Ärzte: Rheuma, nicht behandelbar. Doch die Ehefrau unterstützt ihren Mann in guten und in schlechten Tagen, wie sie es ihm bei der Heirat versprochen hat.

Wir waren gerade zwei Jahre verheiratet, als ein heftiges Fieber meinen Körper schüttelte. Das Thermometer kletterte hoch: vierzig Komma zwei Grad. Louisa, meine Frau, reichte mir ein Glas frisches Mineralwasser mit einem schmerzstillenden Mittel. Dann legte sie mir ein feuchtes Tuch auf die glühende Stirn. Langsam döste ich wieder ein. Mein Atem ging ruckweise. Seit einem Tag konnte ich mein linkes Bein kaum noch bewegen. Nur mit äußerster Anstrengung setzte ich mich am Rand des Bettes auf. Louisa griff mir stützend unter die Arme. Mit großer Mühe schleppte ich mich zur Toilette. Jetzt auch wahnsinnige Schmerzen am ganzen Körper.

Die Ärzte sind ratlos

Der neue Hausarzt hatte die Diagnose auf akute Rheuma-Anfälle gestellt. Eigenartig. Woher sollte ich denn Rheuma haben? In meiner Verwandtschaft war mir kein Fall dieser Art bekannt. Louisa schien meine Gedanken erraten zu haben. “Die Geschichte mit dem Rheuma kommt mir schleierhaft vor. Ich fahre dich jetzt sofort in die Uni-Klinik zu einer gründlichen Untersuchung.”

Es war gar nicht so einfach, mich, ihren halblahmen Mann, ins Auto zu hieven. Die Schmerzen in meinem linken Bein verschlimmerten sich von Stunde zu Stunde. Jetzt strahlten sie auf alle Gelenke über. Dazu heftige Kopfschmerzen, als wollte mir das Hirn aus dem Schädel springen. Völlig ausgeknockt hing ich im Polster.

Das Gesicht feuerrot. Dicke Schweißperlen auf der Stirn. Zitternd vor Schüttelfrost. An der roten Ampel neigte  sich Louisa zu mir herüber. Streichelte mir liebevoll die glühenden Wangen.

Der diensthabende junge Arzt in der Notaufnahme schüttelte ratlos den Kopf. “Komisch, der Bluttest ist negativ. Die einzige Alternative lässt eine Schlussfolgerung auf Arthritis zu. Eine frühzeitige Alterserscheinung. Ich sage es Ihnen ganz frei heraus: Eine restlose Heilung dürfen Sie sich nicht erwarten. Wir können die Schmerzen zwar lindern. Mehr nicht. Damit müssen Sie eben leben. Ich werde Ihnen etwas verschreiben. Ein Klinikaufenthalt ist nicht nötig. Kommen Sie in einem Monat wieder.“ Damit waren wir beide aus der Notaufnahme entlassen.

Zuversicht auf einen guten Ausgang

Zu Hause angekommen, meinte Louisa: „Wir werden noch lange nicht vor so einer blöden Krankheit kapitulieren!” und fuhr mit großer, innerer Sicherheit fort: “Du wirst voll genesen! Für Morgen habe ich einen Termin mit unserem alten Hausarzt Dr. Michel Dabdoub für dich fest gemacht. Er ist  zwar schon pensioniert, aber immer noch ein Universalgenie, was seinen Beruf angeht. Mit diesem altbewährten Familien-Doktor werden wir die Ursachen deines Leidens finden, sie bekämpfen und überwinden!”

Ich fühlte mich in meiner Seele zutiefst aufgerichtet. “Du bist in dieser schweren Situation für mich wie ein Fels in der Brandung, wie die Sonne, die das Dunkel der Nacht vertreibt“, flüsterte ich. In meinen fiebrig glänzenden Augen lag ein Strahl der Hoffnung. “Ach, wir sind doch ein Herz und eine Seele”, war ihre Reaktion.

Der erfahrene Arzt hat Recht

Der alte Hauarzt hatte sich aufmerksam unsere Schilderung der Krankheitssymptome angehört. “Also, trotz fiebersenkender Mittel immer noch über 39 Grad Temperatur”, murmelte er in Gedanken versunken vor sich hin. “Dazu Schweißausbrüche, Schlappheit, Appetitmangel, Kopfweh. Und die heftigen Gliederschmerzen haben immer noch nicht nachgelassen?” “Noch kein bisschen”, stöhnte ich.

“Seltsam, die Röntgenbilder deuten auf keinerlei Anzeichen von Rheuma oder akuter Arthritis hin. Ich möchte nochmals einen gründlichen, speziellen Bluttest mit Ihnen machen lassen. Mit allen Extras. In zwei Stunden haben wir die Ergebnisse vorliegen. Ich habe da einen gewissen Verdacht. Haben Sie in letzter Zeit Schafskäse gegessen?“

„Ja, haben wir“, erinnerte sich Louisa. „Direkt von einem Beduinen aus erster Hand.“„Also nicht aus dem Supermarkt?“, bohrte der Arzt weiter. Und haben Sie diesen Schafskäse abgekocht?” “Warum denn das?“ fragte sie verwundert.

“Ich glaube, wir sind auf einer richtigen Spur”, fuhr der Doktor fort. „Haben Sie schon einmal etwas von Brucellose gehört? Man nennt es auch Maltafieber. Das ist eine Viehseuche, die sich durch Milchprodukte auf den Menschen überträgt und hohes Fieber und starke Gliederschmerzen verursacht. In Kürze haben wir die Ergebnisse des Bluttests. Dann wissen wir es sicher. Sie könne gerne darauf warten“.

Gute Nachrichten

Zwei Stunden später: Der Arzt hielt einen Ausdruck vom Labor in der Hand. “Ich  wusste es doch! Maltafieber“, rief er siegessicher.

„Der Befund ist eindeutig. Jetzt, wo wir den Feind genau kennen, werden wir ihn gezielt bekämpfen und besiegen. Ich verschreibe Ihnen eine entsprechende Medizin. Dreimal täglich eine Kapsel. Sie werden schon morgen eine deutliche Linderung verspüren. Auch das Fieber geht damit runter. Spätestens in zwei Wochen bleibt Ihnen nur noch eine ungute Erinnerung von der lästigen Krankheit.“

Während der Arzt sprach, schauten wir uns tief in die Augen. Ohne es eigens mit Worten ausdrücken zu müssen, bewegte uns der gleiche Gedanke: “Ich gelobe dir die Treue in guten und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit. Ich will dich lieben, achten und ehren, solange ich lebe.

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EIN ARTIKEL VON
  • Karl-Heinz Fleckenstein

    Als ich das erste Mal 1981 eine Pilgergruppe ins Heilige Land führte, fand ich meine Ehefrau Louisa. Seit dieser Zeit führen wir gemeinsam Pilgergruppen auf die Spuren der Bibel. Als Theologe und Reiseleiter fand ich hier auch meine “wahre” Heimat.


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