16. Januar 2015

Freiheit in einer Beziehung


Wie man Freiheit leben muss, um nicht unfrei zu werden. Wie lebt man Freiheit in einer Beziehung.

Wie lebt sich Freiheit in einer Beziehung?

Schon merkwürdig. Eigentlich heißt doch Freiheit, das tun zu können, was man will, und zwar so, dass man in diesem Tun von nichts eingeschränkt wird. Wenigstens ist das der gängige Begriff von Freiheit. Für eine Beziehung hat das unmittelbare Auswirkungen, denn wenn demnach einer der Partner versuchen würde auf irgendeine Art und Weise das freie Tun des anderen einzudämmen, ja sogar nur zu beeinflussen, würde das eine Verletzung der Freiheit und somit der Würde des eingeschränkten Partners bedeuten. Aber ganz so einfach scheint es doch nicht zu sein. Das fängt schon einmal damit an, dass die Entscheidung selbst, eine Beziehung zu führen, eine Einschränkung der Freiheit ist. Denn man führt ja eine einzige Beziehung, nicht gleichzeitig zwanzig, hoffentlich. Und hier ist das Merkwürdige: der Moment der Entscheidung – und damit der Freiheitseinschränkung – wird in der Regel als absolute Freiheitserfahrung empfunden. Komisch. Wir waren uns doch soeben noch einig, dass Freiheit mit fehlender Einschränkung zu tun hat. Wie kann man dann gerade bei einer Einschränkung Freiheit erfahren?

Der Begriff Freiheit

Vielleicht muss man den Freiheitsbegriff dazu etwas näher betrachten. Es stimmt, man ist frei. Man kann sich für McDonalds, Burgerking, Wienerwald, den Chinesen ums Eck oder einfach für die Pasta zu Hause entscheiden. Aber wenn man sich für keine dieser Möglichkeiten entscheidet, bleibt man hungrig. Die Entscheidung setzt eine Wahlmöglichkeit voraus, die “Ent-Scheidung”, das Verlassen des Scheideweges durch den Beschluss, einen bestimmten Weg auch wirklich zu gehen. Hier sieht man schon zwei Aspekte der Freiheit. Das Freisein “von” und ein Freisein “für”. Sich eine bestimmte Richtung zu geben setzt voraus, dass es beim Entscheidungsprozess kein “Muss” gibt, dass kein Zwang besteht, einen bestimmten Weg gehen zu müssen. Zweitens aber wird sehr schnell deutlich, dass dieses Freisein “von” nur die halbe Wurst ist, null Sinn macht, wenn es nicht auch ein Freisein “für” gibt. Das heißt, wenn man sich nicht wirklich für etwas entscheidet, bleibt man ein Sklave seiner Unentschiedenheit, oder, wie im obigen Fallbeispiel, man geht hungrig ins Bett.

Freiheit bedeutet Entscheidung

Mmm. Vielleicht ist diese Idee vom “Hungrig-ins-Bett”-Gehen gar nicht so schlecht. Das kann vielleicht erklären, warum die Entscheidung für eine bestimmte Beziehung so stark als Erfahrung der Freiheit empfunden wird. Und warum derjenige, der sich nie auf irgendetwas festlegen will, so frustriert bleibt. Mit anderen Worten: die Freiheit ist gerade für die Entscheidung da, das ist der Grund, warum es Freiheit gibt. Und in Bezug auf die Beziehung heißt das: ja, es gibt zahllose verschiedene Möglichkeiten für Beziehungen zwischen Menschen die im beziehungsfähigen Alter stehen, aber ohne eine wirkliche Entscheidung für einen konkreten anderen bleibt man hungrig. Warum ist das so?

Die Liebe setzt Freiheit voraus

Hier würde ich gerne noch eine weitere Zutat jeder gesunden Beziehung ins Spiel bringen: und zwar wenig überraschend – es geht um die Liebe. Die Liebe setzt nämlich Freiheit voraus. Es bedarf keines Genies, um das zu verstehen: Liebe darf keine Zwangsbeglückung sein. Auch der Liebende selbst muss frei von jeglichem Zwang sein. Sein “Ja bedeutet überhaupt nichts, wenn er nicht nein sagen kann (Christopher West).” Liebe darf also, um wirklich Liebe zu sein, nicht Resultat eines Zwangs sein, Liebe verlangt unbedingt die Freiheit “von”. Unabdingbar, aber trotzdem reicht das alleine noch nicht. Liebe braucht nämlich auch den zweiten Aspekt der Freiheit: die Freiheit “für”. Man kann das eine nicht vom anderen trennen. Auch Liebe, die sich nicht entscheiden kann, ist gar keine. Ganz im Gegenteil. Die Liebe drängt zur Entscheidung. Liebe verlangt, dass man das Risiko eingeht, das diese Entscheidung mit sich bringt. “Ja, ich weiß, du bist nicht wie deine Schwester oder Freundin, du hast nicht diese oder jene Eigenschaften, ja, ich hätte andere Möglichkeiten, aber du bist es schließlich, der mein Herz gestohlen hat. Ich weiß nicht was die Zukunft bringt, ich weiß nicht mit welchen Herausforderungen wir konfrontiert werden, aber ich habe mich für dich entschieden, weil ich dich liebe.” Wenn es eine Gewissheit gibt, die das Herz erobert, dann genau diese Erkenntnis, der andere MÜSSTE das nicht tun, er ist frei “von” Zwang, aber er hat es trotzdem getan, er ist bereit sich auf das Risiko einzulassen, weil er mich schätzt für das was ich bin und weil er mir völlig vertraut. Warum berührt einen das so sehr? Weil es die Unentgeltlichkeit und die Bedingungslosigkeit der Liebe deutlich macht: er liebt mich nicht, weil ich das oder jenes für ihn tue oder mache, sondern einfach so. Das ist eine Erfahrung der eigenen Würde – ich bin kein “Etwas”, das er (oder sie) benutzt oder gebraucht, um das zu bekommen, was er (oder sie) will, sondern ich werde geliebt und geschätzt um meiner selbst willen.

Die höchste Form der Entscheidung

Die Freiheit vollzieht sich und verwirklicht sich also gerade in der Entscheidung. Und die höchste, radikalste Form der Entscheidung ist gerade die Entscheidung für die Liebe zu einem anderen Menschen in einem Bund, den wir auch Ehe nennen können. Die Entscheidung für den Big Mac wird auch als Freiheitserfahrung empfunden, denn auch hier hat man seine Freiheit angewendet, um sich zu binden. Nur, der Stellenwert des Big Macs für mein Leben ist halt ein anderer. Meine Partnerin, mein Partner ist kein Big Mac. Und die Liebe, insbesondere die Liebe innerhalb einer Ehebeziehung, bedeutet Bindung, die nicht nur für ein paar Wochen oder Monate gilt, sondern bis der Tod uns scheidet. Es ist die radikalste Form der Bindung der Freiheit durch die Freiheit auf einem bestimmten Weg, aber eben nicht, weil man dazu gezwungen wird, sondern gerade weil man das will. Hier zeigt sich die Größe des Menschen und seiner Möglichkeiten.

Nicht jede Entscheidung befreit

Ein Letztes für heute. Nicht jede Entscheidung befreit. Ich kann mich auch für die Flasche oder die Droge entscheiden – und immer mehr dessen Sklave werden. Nur das befreit wirklich, was ganz dem Menschen entspricht. Und nichts entspricht dem Menschen so sehr wie die Liebe – wenigstens in einer judeo-christlichen Weltanschauung. “Als Abbild Gottes schuf er sie, als Mann und Frau schuf er sie” Wenn also Gott die Liebe ist, dann ist der Mensch Abbild der Liebe und kann sich nur dann selbst ganz finden, wenn er liebt. Der Egoist, der sich nie wirklich für einen anderen entscheidet, nie wirklich sein ganzes Selbst in eine Beziehung hineinwirft, der alle Möglichkeiten offen lassen will, auf Probe lieben möchte, der findet sich selbst nie, bleibt sich selbst fremd, lebt am Leben vorbei.

Weiterführende Links


Das Zentrum Johannes Paul II. ist ein Ort der Begegnung, des Austausches, des gemeinsamen Gebets und der Glaubensvertiefung. Im Geist von Johannes Paul II. soll das Zentrum eine Schule der Evangelisierung sein, wo Gemeinschaft erfahren, Glaube gefestigt sowie zur Glaubensweitergabe und Jüngerschaft befähigt wird.


Ein Schwerpunkt ist das Thema „Leiblichkeit und Sexualität“ zur „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. Im Denken und in der Lehre von Johannes Paul II. verbinden sich Vernunft und Glaube, Leib und Geist, menschliche und spirituelle Werte, Lebensfreude und Frömmigkeit.


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EIN ARTIKEL VON
  • Fr. George Elsbett

    Ich bin katholischer Priester. Meine Heimat ist in der kanadischen Wildnis. Studiert habe ich zwischen Chicago, Köln, Salamanca und Rom. Seit 2004 wirke ich in Österreich. Unter anderem leite ich das Zentrum Johannes Paul II. in Wien und habe mich auf Theologie des Leibes, Ehe- und Berufungspastoral spezialisiert.


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