31. Juli 2015

Ehekrise: Wie eine Bedrohung zur Chance wird


Das Wort Krise bedeutet auf Chinesisch gleichzeitig Bedrohung und Chance. In einer Krise kann man stecken bleiben – oder durch sie wachsen. Wer aus der Krise herauskommt, kommt aus ihr „gewachsen“ heraus. Mit diesem Leitfaden wird aus der Bedrohung, die man in der Ehekrise erlebt, eine Chance:

Aus einem Vortrag von P. Luc Emmerich

Die Realität anschauen und die Erwartungen an das Leben reifen lassen

  • Unsere Erwartungen an das Leben sind oft überzogen oder gar nicht gut für uns: Ein Sprichwort sagt: „Wenn die Götter dich bestrafen wollen, erfüllen sie all deine Träume.“ Im Laufe unseres Lebens verstehen wir, dass unsere unerfüllten Wünsche uns oft gar nicht glücklich gemacht hätten. Gott hingegen stillt Sehnsüchte und Wünsche, die so tief in uns zugrunde liegen, dass wir sie vielleicht gar nicht erkannt hatten.
  • Das Eheleben ist eine Reise: Ziel der Reise ist das Wachstum der Liebe. Wenn nach mehreren Ehejahren vielleicht neue Aspekte des Partners in den Vordergrund treten, wenn vielleicht das Zusammenleben dadurch vorübergehend schwieriger wird, dann ist das eigentlich nicht tragisch – sondern ein Aufruf, die Liebe lebendig zu halten und zu wachsen. Das gemeinsame Leben ist wie ein Fluss, der anfangs ungehindert fließt, später aber Steine und Felsen im Flussbett vorfindet. Um die Liebe zu kämpfen heißt, sich täglich neu für die Liebe, die Ehe und die Familie zu entscheiden.

Mit dem anderen hinunter in den Dreck gehen – und mit ihm wieder heraus

  • Eine Ehekrise kann entstehen, wenn in der Ehe etwas passiert ist, was wir uns nicht hätten vorstellen können; was wir allerhöchstens anderen Paaren zugetraut hätten, ein Vertrauensbruch zum Beispiel oder ein Betrug. Eine Trennung kommt dann sehr schnell. Richtig wäre es aber, das Problem genau anzuschauen und dann den Ehepartner an der Hand zu nehmen, mit ihm hinunter in den Dreck zu gehen und dann mit ihm auch wieder heraus.
  • Eine Krise zeigt die Wirklichkeit, dass wir selbst noch unfertig sind. Wir sehnen uns nach Perfektion. Mutter Teresa sagte zu ihren Schwestern: „Akzeptiere deine Unvollkommenheit! Akzeptiere, dass dir etwas an dir nicht gefällt.“

Gott verlangt nicht, dass wir perfekt sind, sondern dass wir lieben.

Worte sind entweder Fenster oder Mauern: Miteinander reden lernen!

  • Ein Ehepaar muss miteinander über die wichtigen Dinge ihres Lebens sprechen. Ein französisches Sprichwort bemerkt die „Pflicht, sich hinzusetzen.“ Der Epheserbrief legt uns in 4:25 nahe: Lasst die Sonne nicht untergehen über euren Zorn. Warum ist es oft so schwierig, miteinander zu sprechen? Weil in solchen Gesprächen einer dem anderen ein schlechtes Gewissen macht, weil geurteilt wird, weil Vorwürfe gemacht werden. „Du sollst nicht urteilen,“ ist ein christliches Prinzip. Anleitungen für ein fruchtbares Gespräch finden wir in der gewaltfreien Kommunikation
    • Zuerst sollten wir versuchen, Tatsachen festzuhalten und uns vor einem voreiligen Urteil schützen.
    • Als zweites versuchen wir zu erkennen, was wir empfinden – gerade in diesem Moment, in dieser Krise, in dieser Lebenssituation. Wir wehren Emotionen oft ab, aber es ist unerlässlich, diese zu erkennen und einzuordnen. Haben wir jemals schon den Mut gehabt zu sagen, dass wir Angst haben? Dass uns etwas verletzt hat? Hinter jedem Gefühl steht ein Bedürfnis. Wer verletzt ist, greift an. Wahrgenommen wird dann der Angriff, nicht die Verletzung. Worte sind entweder Fenster oder Mauern!
    • Der dritte Schritt ist die Übernahme der Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse. So wird der Teufelskreis zwischen Erwartung und Vorwurf durchbrochen.
  • In einer Ehe müssen wir lernen, einander so zu vertrauen, dass wir uns ganz öffnen können. Dass wir auch die Leichen im Keller ansprechen können. Wir gewähren dem anderen einen Zugang zu dem, was wir im Tiefsten denken, fühlen und ersehnen.

In einer Ehekrise ist es wichtig, einen kühlen Kopf zubewahren. Im Ausnahmezustand dürfen wir keine Entscheidungen treffen. Das Kommunikationsprinzip „HALT“ bedeutet: Vorsicht, „when you are hungry, angry, lonely or tired.“ Ebenso sollte man keinen Heiratsantrag machen, wenn man gerade euphorisch ist.

An der Ehekrise können wir reifen. Ein gereifter Mensch ist ein liebender Mensch, mit dem es gut Kirschen essen oder Pferde stehlen ist. Wer zu schnell das Handtuch wirft, vereinsamt. Die Konfliktbewältigungsausdauer, die unserer Gesellschaft fehlt, bringen wir durch unser persönliches Leben zurück.

Weitere Texte von P. Luc Emmerich: Gott schuf den Menschen als Sein Abbild, als Mann und Frau schuf Er sie

  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Gudrun Kugler

    Ich bin Juristin, Theologin und Mutter von vier Kindern. Im Wiener Landtag und Gemeinderat bin ich Politikerin, leite die Online-Dating-Agentur www.KathTreff.org für katholische Singles und bin Autorin von Büchern über Menschenrechte sowie Lebensfragen, z.B. „Niemand ist eine Insel – wie man den Partner fürs Leben findet“.


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at