9. April 2015

Die ewige Liebe erhalten


Die ewige Liebe: Sie lässt uns innerlich wachsen, im anderen immer wieder Neues entdecken und das Beste von uns selbst dem anderen schenken.

Jeder von uns sehnt sich die ewige Liebe zu finden. Mancher von Ihnen hat vielleicht Liebesbriefe geschrieben, abgeschickt oder auch zerrissen oder verbrannt. Liebesbriefe können seitenlang sein. Manche bestehen nur aus zwei Buchstaben. Darunter ein mit einem Pfeil durchbohrtes Herz. In eine Baumrinde geritzt. Auf eine Mauer mit Farbe gesprüht oder in eine Kirchenbank geschnitzt. Liebesbriefe machen verwundbar, verletzlich. Ja, das Risiko ist hoch, wenn man liebt. Wenn man sich sein Leben ohne den anderen überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Wenn man „rettungslos“ der Liebe verfallen ist, was die Engländer mit „falling in love“ bezeichnen. Der Geliebte ist ein Teil von anderen geworden. Wie zwei Siamesische Zwillinge.

Der Hafen der Ehe ist keine Garantie für die ewige Liebe

Diese nicht zu löschende Flamme der Liebe lässt schließlich die beiden im Hafen der Ehe landen. Ein Hafen ist aber keine Endstation. Schiffe kommen an, Schiffe fahren auf das weite Meer hinaus. Auch das Ehe-Schiff muss den Hafen wieder verlassen, damit es sich auf den großen Ozean des gemeinsamen Lebens-Abenteuers hinauswagen kann. Eine Kreuzfahrt, die ein Leben lang andauert. Ein Liebes-Abenteuer, das Kraft schenkt, den anderen jeden Tag in einem neuen Licht zu entdecken, auch wenn es manchmal dunkel wird. Eine ewige Liebe, die befähigt, gemeinsam unüberwindbar scheinende Hürden zu nehmen und die danach drängt, dem geliebten Partner mehr und mehr ähnlich zu werden.

Diese Liebe zweier Menschen hat nicht seinesgleichen auf dieser Erde. Gerade deshalb weist sie über sich hinaus wie es Paulus im Epheserbrief deutlich macht: „Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche“ (Eph 5, 32). Natürlich ist der lebendige Gott gegenüber dem Menschen der total andere. Er ist das Leben schlechthin. Und doch möchte er uns Ehegatten an seiner Heiligkeit teilnehmen lassen, damit auch wir Träger des Lebens und der Liebe werden: ganz in der Welt und doch nicht von der Welt. Auf dass das Alltägliche heilig werde.

Gemeinsames Projekt Ehe wird miteinander verwirklicht

Es ist sonnenklar, dass wir als Ehepartner mit der Heirat noch lange nicht angekommen sind. Die Realisierung der Ehe ist nicht Sache eines Augenblicks. Sie besteht nicht nur in der Unterzeichnung eines Ehekontraktes. Der Kredit des einmal ausgesprochenen Jaworts will in kleinen Raten im Alltag zurückgezahlt werden. Als gemeinsam begonnenes Projekt, das wir miteinander verwirklichen dürfen.

Um die innersten Wünsche und Sehnsüchte meines Ehepartners zu erkennen, braucht es eine Dezentralisierung meines eigenen Ichs. Ohne die Angst, mich selbst zu verlieren. Erst wenn ich auswandere aus meinem Ego und dem Du Raum gebe, wird mein Ehepartner zu einer Quelle der Entdeckungen. Das ist aber nur in einer liebenden Beziehung möglich. In einer Liebe, die nicht zurückweist, die nicht von Vorurteilen besetzt ist, sondern von der Bereitschaft ihre Motivierung erhält, dich in mich aufzunehmen und von dir zu lernen. Diese Einheit heißt nicht Fusion, sondern Kommunion; denn nichts lässt uns innerlich so wachsen wie eine erfüllende Paarbeziehung.

Verschiedenheit in der Beziehung ist Reichtum

So dürfen wir durch unser Leben zu einer Ikone der Dreifaltigkeit werden, in der tiefsten Einheit und größten Verschiedenheit der Personen. Wo jeder das Beste von sich dem anderen schenkt, ohne ihn nach seinen eigenen Vorstellungen verändern und umgestalten zu wollen. Vielmehr entdecken wir die Verschiedenheit des anderen als ein Reichtum, der die Liebe zueinander nährt und zum Austausch drängt; denn je mehr ich mich in meiner Andersartigkeit angenommen weiß, desto mehr bin ich wiederum fähig, ewige Liebe zu schenken. Je mehr du von mir respektiert wirst und Hilfe erfährst, in deinen menschlichen Fähigkeiten zu wachsen, in deinen Qualitäten und Interessen, umso mehr weißt du mich zu achten und mich in meinem Sosein anzunehmen. So wird die Ehegemeinschaft zum Austausch des Lebens, in der Solidarität und im Dienst füreinander. Dann wollen wir nicht mehr Herr über uns selbst sein, weil Christus der gemeinsame Leib ist.

Dann kann sich unsere Beziehung vom Eros zur Agape entwickeln, der höchsten Form selbstloser Liebe. Wir schenken uns einander, wie Christus sich seiner Kirche schenkt.

Manchmal habe ich ältere Ehepaare getroffen, die in ihrer gegenseitigen Beziehung so gereift sind, dass sie etwas wie eine “ewige Jugend” widerspiegeln. Ihre Gesichter nehmen voneinander die gleichen Lach- und Sorgenfalten an und werden zu einer Landkarte ihres gemeinsamen Lebens. Ihre Augen sind geprägt von einem inneren Glanz, frei von der Trübung der Resignation, der Enttäuschung und der ewigen Mühle des sich rotierenden Alltags. Weil sie sich immer wieder neu entdecken, weil im anderen noch etwas Verborgenes, Rätselhaftes steckt, das es jeden Tag zu erforschen gibt. Selbst wenn ihre Ehe vielleicht manchmal aus den Trümmern von Individualismus und Materialismus wiedergeboren werden muss. Ihr Leben erscheint wie das Abenteuer einer nie endenden Liebesgeschichte, einer ewigen Liebe.

Der Ursprung ewiger Liebe

Aber wie beginnt so eine Liebesgeschichte, die ewige Liebe? Eine jüdische Legende drückt es so aus: „Gott hatte die Welt erschaffen und alles an seinen Platz gestellt: die Berge, Flüsse, Tiere Pflanzen… Nur die Menschen fehlten noch. Da stieg der Allmächtige auf den Berg Morija und sandte von dort seine Engel in alle Teile der Welt, damit sie von überall Stäbe herbei holten. Die Gottesboten taten, was ihnen befohlen war. Sie brachten Millionen von Stäben und legten sie dem Herrn des Alls zu Füßen. Gott nahm nun ein Bündel nach dem anderen, zerbrach die Stäbe in zwei Hälfte und warf sie hoch in die Luft. Die Winde kamen und trugen sie in alle Länder. Kaum waren sie auf die Erde gefallen, da wurden sie zu Menschen. Jeder fing an, den anderen Teil, der ursprünglich zu ihm gehörte, ausfindig zu machen. Suchen und Finden, das ist seit Erschaffung des Menschen der Sinn des Lebens. Treffen sich beide Teile, dann reichen sie sich die Hand und gehen durch das Leben mit einer gemeinsamen Seele. Und von da an beginnen sie zusammen die Suche nach dem lebendigen Gott, dem Schöpfer des Alls.“

Passend zum Thema: Ehe und Freiheit – ein Gegensatz?

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EIN ARTIKEL VON
  • Karl-Heinz Fleckenstein

    Als ich das erste Mal 1981 eine Pilgergruppe ins Heilige Land führte, fand ich meine Ehefrau Louisa. Seit dieser Zeit führen wir gemeinsam Pilgergruppen auf die Spuren der Bibel. Als Theologe und Reiseleiter fand ich hier auch meine “wahre” Heimat.


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