9. Februar 2015

Das wichtige Gespräch mit dem Ehepartner


Gespräche von tiefer Qualität, die einen fast konspirativen Geschmack hinterlassen, sind der Klebstoff, der uns aneinanderhält, der die intimsten Geheimnisse und Wünsche hervorlockt und der Beziehung Gewicht und Bedeutung verleiht.

Mein Alltag gerät im Moment zwar nicht aus den Fugen, aber ich habe das Gefühl, ich stünde am Bahnhof – denn wir bauen. Und es ist klar, dass in dieser Phase unseres Ehelebens einiges auf dem Abstellgleis warten muss. Alle, die je ein Haus gebaut haben, werden sicher verstehen, was ich meine: Man bespricht ein wichtiges Detail seines Lebens mit dem Herzallerliebsten, aber man hat nicht wirklich das Gefühl, dass er mir – wie sonst – 100-prozentige Aufmerksamkeit schenkt. Sobald mein formulierter Gedanke beendet ist, springt er mit dem nächsten Satz zu der Frage, ob denn der Verputzer auch rechtzeitig fertig werden würde, und ob er nicht noch schnell zum Baumarkt…seufz.

Jetzt, wo ich fast Entzugserscheinungen nach der Aufmerksamkeit meines Mannes bekomme, merke ich erst, wie sehr ich vor allem in den letzten Jahren in einem Schlaraffenland leben durfte! Alles kommt im Moment zu kurz: das gemeinsame Essen, „unser“ Freitagabend, Freunde besuchen, Termine am Wochenende gemeinsam wahrnehmen, der kurze Plausch zwischendurch u.s.w. Es ist schon so weit, dass ich mich auf eine gemeinsame Erkundungstour für Badmöbel freue.

Bedingungsloses Vertrauen in den Partner

Aber ich weiß, dass diese entbehrungsreiche Zeit enden wird. Und dass ich sie unbeschadet überstehen werde, weil ich unserer Ehe, unserer Beziehung und damit meinem Mann bedingungslos vertraue.

Vertrauen ist die Voraussetzung der Liebe. Schleichen sich Zweifel in die Beziehung und werden sie nicht ausgeräumt, kann der Zweifel wachsen. Vertrauen lässt sich pflegen und ausbauen, ganz gezielt: durch die Zeit, die wir gemeinsam mit unserem Partner verbringen. Ich meine nicht die einträchtigen Abende vorm Fernseher, die auch sein dürfen. Ich meine die Zeit, die mit Gespräch gefüllt ist, mit Neugier und Interesse am Erlebten des anderen, an Dingen, die uns bewegt und beschäftigt haben. Weniger Organisatorisches, sondern Sorgen, Träume, Wünsche, Beobachtungen und Pläne.

Unterschiedliche Gesprächsgewohnheiten

Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der das stundenlange Gespräch nach dem gemeinsamen Essen völlig normal war. Nicht jeden Tag, aber mindestens einmal pro Woche. Da ging es manchmal heiß her, denn wir sind mit drei Cholerikern in der Familie nicht immer einer Meinung gewesen. Daher war es für mich natürlich, dass ich viel mit meinen Freunden reden wollte und auch später mit meinem zukünftigen Mann. Ihm war dies fremd, denn in seiner Familie wurde nur das gefühlt Notwendige gesprochen. Für ihn war die Begegnung mit meiner Familie die Begegnung mit einer neuen Welt: Hintergründe, Empfindungen, Erfahrungen, logische Schlüsse und Entscheidungen wurden durch viele und manchmal tiefe Gespräche gelöst, erkannt und mitgeteilt. Dieses Bedürfnis des Redens ist bei Frauen oft stärker ausgeprägt als beim Mann. Auch mein Mann musste erst lernen, sich zu öffnen. Aber er ahnte damals, was er verpassen würde, wenn er sich nicht darauf eingelassen hätte. Und ich hätte mich damals sicherlich nach einem anderen Mann umgesehen, so existentiell wichtig empfand ich das Gespräch.

Gespräch ist wie Klebstoff

Gespräche von tiefer Qualität, die einen fast konspirativen Geschmack hinterlassen, sind der Klebstoff, der uns aneinanderhält, der die intimsten Geheimnisse und Wünsche hervorlockt und der Beziehung Gewicht und Bedeutung verleiht. Wir beginnen einander zu tragen, weil wir immer mehr erkennen: Wir sind zwar genial, aber ich bin nicht perfekt, du bist es ebenso wenig und die Welt ist ungerecht, aber, hey – wer hat eigentlich gesagt, dass die Ehe einfach ist? Lass uns darüber sprechen, aber lass uns ebenso erkennen, dass man etwas totreden kann und dass man Verziehenes vergessen kann.

Der Blick in die gemeinsame Zukunft erhält im Gespräch Substanz. Er schafft Verbindlichkeit und Vertrauen für ein wunderbares Leben, das jedoch immer in der Gegenwart stattfinden muss – auch manchmal wartend auf dem Abstellgleis.

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EIN ARTIKEL VON
  • Jeanette Karbig

    Ich wohne mit meiner Familie in Köln. Als diplomierte Designerin und Stickerin arbeite ich im hauseigenen Betrieb und seit Jahren als Referentin und Veranstalterin ehrenamtlich bei der Initiative LiebeLeben.com. Eheleute liegen mir am Herzen, weil ich selbst reich beschenkt wurde.


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