25. Juni 2015

Beziehungen stärken


Mit jemanden eine Extra-Meile gehen, in Beziehungen investieren, Beziehungen stärken und dadurch Barmherzigkeit und Dankbarkeit lernen.

Den Begriff „Meilen sammeln“ kennen wir in erster Linie vom Fliegen. Vielfliegerprogramme schenken uns freie Extra-Meilen, die wir dann irgendwann gegen einen Gratisflug eintauschen können. Vom „Meilensammeln“ ist aber auch in der Bibel die Rede, in ganz anderem Zusammenhang. Bei Mt. 5,41 heißt es: „Wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.“

Beim ersten flüchtigen Lesen empört sich gleich einmal etwas in mir: Wer kann mich bitte zwingen, so etwas zu tun? Das geht ja gar nicht!

Meilen sammeln früher

Das ist vielleicht heute so. Damals, zur Zeit Jesu, war das tatsächlich möglich. Ein römischer Offizier hatte das Recht, jüdische Zivilisten dazu zu zwingen, eine Meile weit Lasten für ihn zu tragen. Dieser unfreiwillige Job war sicher nicht sehr beliebt. Ich stelle mir vor, wie die Menschen ganz zerknirscht, mit zusammengebissenen Zähnen und wütendem Blick die schweren Kisten oder was auch immer schleppten, um sie dann nach exakt einer Meile zu Boden plumpsen zu lassen. „Mehr kriegst du bestimmt nicht, du Schuft“, hat vielleicht so mancher gedacht.

Und doch besteht Jesus darauf, dass seine Nachfolger in einem solchen Fall gleich die doppelte Arbeit leisten sollten, noch dazu freiwillig! Was soll das denn? Wenn ich das bei jedem mache, werde ich ja mit meiner Arbeit niemals fertig!

Was bedeutet es heute?

Gerade in meinem Alltag mit großer Familie und vielen Anforderungen bin ich oft sehr genau darin, meine Kräfte und auch meine Zeit einzuteilen und sage immer wieder „Nein“ zu Anfragen jeglicher Art. „Nein, lieber Sohn, das kannst du schon selbst. Ich muss dir nicht dein Marmeladebrot streichen.“ Oder: „Nein, lieber Ehemann, ich möchte das jetzt nicht auch noch erledigen. Bring bitte dein Paket selbst zur Post.“ Abgrenzung scheint für mich manchmal der einzige Ausweg, um nicht in totaler Überforderung zu versinken.

Trotzdem lassen mir Jesu Worte keine Ruhe. Er weiß doch, dass wir Menschen auch Pausen und Ruhe brauchen. Warum sagt er dann so etwas, was hat das mit Beziehungen stärken zu tun?

Ein paar Verse davor geht es um das berühmte „Aug um Aug, Zahn um Zahn“. Im Gesetz stand, man solle Gleiches mit Gleichem vergelten. Ob das nun eine Form von Beziehungen stärken war, sei dahingestellt. Die Sache war rechtlich korrekt geregelt, und doch gingen beide Parteien mit einem blauen Auge und inneren Verletzungen davon.

Freiwillig mehr als das Vorgeschriebene zu tun, ist ein Akt der Gnade. Es freiwillig zu tun, ist ein Zeichen von Barmherzigkeit. Das tut der Seele wohl. Die Beziehung wird genährt, obwohl es vielleicht einen Konflikt gab.

Ich habe diese Form der Barmherzigkeit schon einige Male sehr eindrücklich erlebt.

Ein Beispiel für Beziehungen stärken und Meilen sammeln

Zur Geburt unseres vierten Kindes wollten wir uns den Luxus nicht leisten, wieder eine Wahlhebamme zu nehmen. So gingen wir einfach ins Spital zur Entbindung. Eine Freundin, die Hebamme ist, fragten wir, ob sie bereit wäre, mitzukommen, falls sie gerade frei hätte. Wir haben sie natürlich nicht genötigt, wie in dem Bibelvers, ihr aber gesagt, dass es für uns sehr hilfreich wäre. Sie kam extra einen weiten Weg, um uns zu begleiten. Das war ein großes Geschenk! Doch dann zog sich die Sache sehr in die Länge und sie hätte guten Grund gehabt, einfach wieder zu gehen. Ich war ja medizinisch gesehen in guten Händen. Doch diese junge Frau ging einige Extra-Meilen mit bis zum Ende. Wir hatten insgesamt 3 Dienstwechsel und ich war so heilfroh, sie zusätzlich zu Georg an meiner Seite zu haben!

Ich habe gemerkt, seit diesem Erlebnis hat unsere Beziehung zueinander noch mal eine ganz neue Dimension bekommen und ich bin ihr sehr, sehr dankbar dafür.

Vielleicht ist es einfach das, was Jesus damit fördern wollte: dass wir in Beziehungen investieren, Beziehungen stärken und dadurch Barmherzigkeit und Dankbarkeit lernen….In diesem Sinne: frohes Meilensammeln! 

Siehe auch unseren Beziehungstipp: Bitte, Danke, Entschuldigung sagen



EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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