11. Juli 2016

Alles begann mit der Sehnsucht

Alles begann mit der Sehnsucht - meinefamilie.at

Die Sehnsucht stand am Beginn der Beziehung. Und sie ist es, die in einer Zeit der Trennung vom Partner wieder aufkommt.

Ich sitze gerade auf unserer regensicheren Veranda mit einer Tasse Tee und freue mich, dass die Kinder endlich im Bett sind. Meine Gedanken schweifen zu meinem lieben Mann, der für eine Woche verreist ist. Wie anders ist doch mein Leben, wenn Georg nicht da ist! Ich mag es zwar, wenn ich mal die Abende (ab 21 Uhr) nur für mich habe und auch sonst im Alltag allein entscheiden kann. (Auf die Diskussionen und Streitereien kann ich gerne verzichten.) Aber gleichzeitig fehlt er mir – als Gegenüber, als Gesprächspartner, einfach als Vertrauter, mit dem ich alles teilen kann. Ich überlege, was mich damals, vor 20 Jahren, überzeugte, mit Georg eine Beziehung einzugehen, obwohl ich eigentlich von Männern die Nase voll hatte. Schon bei unserem ersten, völlig unverbindlichen Treffen spürte ich, dass dieser Mann in mir Sehnsucht erzeugte. Sehnsucht nach etwas, das ich mir nach einigen Enttäuschungen gar nicht mehr zu erträumen wagte. Sehnsucht nach ehrlichem Austausch, völliger Offenheit, einer Liebe, die Grenzen sprengt und über Ort und Zeit hinausgeht.

Sehnsucht nach Heimat und Angekommensein, gleichzeitig nach Weite und Freiheit. Gab es so etwas überhaupt?

Briefe erzählen von der Sehnsucht

Was mir im Rückblick unserer Liebesgeschichte besonders auffällt, ist, dass unsere Beziehung dadurch, dass wir die ersten paar Jahre eine Fernbeziehung führten, sehr von Sehnsucht geprägt war. Ich schrieb Georg ellenlange Briefe, oft bis zu 20 Seiten lang, in denen ich ihn an allen meinen Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen teilhaben ließ. Es waren gar nicht immer Liebesbriefe, sondern fast wie Tagebucheinträge zu lesende Texte – ein Stil, der mir ja heute immer noch liegt… 🙂  Ich wollte, dass er das, was ich erlebte, 1:1 von mir mitbekommt – etwas zeitverzögert natürlich, denn die Briefe brauchten oft 3-4 Wochen von irgendwo nach Österreich. Später gestand er mir, dass er diese Briefe sehr anstrengend zu lesen fand. Er war und ist selbst nicht der große Schreiber und es ist eigentlich ein kleines Wunder, dass er jeden Brief beantwortete! Wahrscheinlich hat auch ihn die Sehnsucht beflügelt, denn die Telefonate vom anderen Ende der Welt waren uns auf Dauer einfach zu teuer.

Spüren, dass der andere fehlt

Anlässlich seiner Abwesenheit habe ich die Schachtel mit den Briefen vom Keller geholt und lese ein wenig darin. Da wir einander nur einige Wochen vor unserer ersten größeren räumlichen Trennung, die meine Weltreise mit sich brachte, kennengelernt hatten, waren diese Briefe ein wichtiges Mittel zum weiteren, näheren, engeren Kennenlernen. Wir haben uns gegenseitig Kassetten mit unseren Lieblingsliedern geschenkt, haben einander Textpassagen aus Büchern, die wir gerade lasen, abgeschrieben.

Wir haben genau gespürt und gefühlt, was uns fehlt, wenn der andere nicht da ist.

Georg hat es in einem Brief aus dem Jahr 1996 so ausgedrückt: „Es sind weniger die Emotionen, nach denen ich mich sehne – es ist deine Gegenwart, dein Dasein, dein Leben, deine Ausstrahlung und besonders die Geborgenheit, die du vermittelst und gibst. Du gehst mir sehr ab.“

Ich schätze das Dasein meines Mannes

Besser könnte ich nicht ausdrücken, was ich gerade jetzt empfinde. Obwohl wir nun schon so viele Jahre miteinander verbracht haben, schätze ich an ihm genau immer noch das: sein Dasein. Das Miteinander-Leben. Das Teilen von Freud und Leid. Natürlich ist auch seine praktische Unterstützung im Alltag mit den vier Kindern nicht unwesentlich. Aber ich merke, dass ich in dieser Woche wieder neu entdecke und schätze, welche besonderen Gaben Georg in unserem Zusammenleben einbringt: seinen Überblick. Seine Organisiertheit. Seine Analysegabe. Seine Gabe, mit jedem unserer Kinder gut zu kommunizieren und Harmonie zu schaffen, etc. Ich bin wirklich froh, ihn als meinen Lebenspartner zu haben. Ich bin Gott dankbar für ihn! Ich bin auch dankbar für diese Woche.

Im Alltag geht diese Faszination am anderen leicht verloren und man reibt sich an nervigen Kleinigkeiten auf. Eine Zeit der Trennung rückt den Blick wieder zurecht, holt das Große, Staunenswerte, Wunderbare am anderen wieder zurück und verleiht der Sehnsucht Flügel. Vielleicht setze ich mich ja noch hin, bei Kerzenlicht und Rosenduft, und schreibe ihm einen Brief, in dem ich ihm all das sage: kurz, prägnant. Einen Liebesbrief…

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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