23. September 2015

Entscheidung für die Ehe


Gregor und Flurina entschieden sich gegen die Unverbindlichkeit und sagten „Ja“ zueinander – und auch nach einem Jahr Ehe sagen sie „Ja“.

Bei ihrer Hochzeit hat es geregnet. Hochzeitsfotos in Gummistiefeln. Wegen des riesigen Herzens „Just married“, das mit Window Colors auf das Fenster gemalt ist, sind Flurina und Gregor schon mal von den Nachbarn von gegenüber angesprochen worden. Flurina, 24 Jahre alt, arbeitet als Floristin in einem Blumengeschäft und wohnt mit ihrem Mann Gregor, 28 Jahre alt, der als Oberstufenlehrer Englisch, Französisch, Geschichte und Musik unterrichtet, in dem malerischen Städtchen Zug, Hochburg für Kirschkernweitspuckweltmeister.

„Ich bin doch noch jung!“

Gregor kann sich noch gut an den ersten Blick erinnern. War nicht sehr erhebend. „Also vorneweg, unsere Geschichte ist etwas komplex.“ Vom ersten Blick bis zum Hochzeitskuss unter dem rot weiß gepunkteten Regenschirm sind es gefühlte hundert Jahre. Anziehend finden sie sich beide und das sogar ziemlich, aber trotzdem reicht das irgendwie nicht. Da gibt es Vorstellungen von der Traumfrau und wie es sich anfühlen müsste, wenn es der Richtige wäre, der böse Konjunktiv. Und deswegen bleibt die Situation zwischen den beiden ungeklärt, sie stecken fest in einer Beziehung, die eigentlich keine ist, können keine Entscheidung treffen. Sie wiederholen beide mehrere Male, was für eine schwierige Zeit das war. „Es war so ein Hin und Her. Einerseits dachte ich, ah ich bin doch noch jung! Das passt schon so! Und dann wieder, nein, eigentlich möchte ich den Weg richtig gehen und etwas so Halbherziges kann nicht richtig sein“, beschreibt Flurina das Dilemma.

Bedingungslose Liebe – eine Entscheidung für den anderen

„Irgendwann habe ich einfach gemerkt, es braucht eine Entscheidung. Für den anderen. Auch wenn man vielleicht noch nicht die hundertprozentige Sicherheit hat.“ Und damit beginnt eine ernsthafte Beziehung, eine echte, offizielle, und es fühlt sich richtig an. Mehr als das, eineinhalb Jahre später, ist es sicher, dass sich die beiden ganz und gar und für immer wollen.

„Meine Studienkollegen haben mir damals gesagt, ja spinnst du, jetzt hast du dir alles versaut! Entscheidest du dich für eine, das geht ja gar nicht! Viele hatten wirklich den Eindruck, ich werfe mein Leben weg.“ Mit der Entscheidung für eine, hat man sie verloren. Die Freiheit. Für Gregor ist da eigentlich eine Lüge versteckt. „Man meint, wenn du dich so entscheidest, verlierst du etwas. Aber meine Erfahrung ist, wenn du dich entscheidest, gewinnst du Freiheit. Ich fühle mich in der Ehe freier, als in meiner Singlezeit. Ist wirklich so!“ Gregor ist da, wo er hin wollte und von dort sieht die Welt auf einmal anders aus. Er brauche nicht mehr allen zu gefallen, nicht um Anerkennung zu buhlen, er ist frei, zu sein, wer er ist. Verstanden hat er das vor allem bei einem Streit („Keine Ahnung mehr, worum es dabei ging…“) in der Vorbereitung auf die Hochzeit: 
„Da hat Flurina zu mir gesagt: Gregor, ich liebe dich so oder so. Baff! Das hat mich umgehauen! Ich muss mir ihre Liebe nicht verdienen! Das haut mich auch jetzt noch um. Unglaublich eigentlich!“

Wenn man sich die Liebe nicht verdienen muss und trotzdem geliebt wird. Um seiner selbst willen. Das ist dann wohl das, was man bedingungslose Liebe nennt. Was die beiden versuchen in die Tat umzusetzen, wie Flurina erklärt: „Die Liebe ist ja vor allem eine Entscheidung und nicht ein Gefühl, auch wenn Gefühle auf jeden Fall dazu gehören. Aber in erster Linie, entscheide ich mich, dass ich den anderen lieben möchte und nicht, dass ich Liebe haben will. „Man gibt zuerst. Und damit ändert sich alles.“

Gregor legt sein Marmeladebrot auf den Teller. „Wenn ich eine Person liebe, habe ich normalerweise den Wunsch, diese Liebe zu versprechen. Indem ich eine Entscheidung treffe, mache ich aus diesem Wunsch etwas Konkretes, fast etwas, das man berühren kann. Wie einen Ring“, er hält inne und überlegt. Es ist ein Gefühl, ein Kribbeln, ein aufgeregtes Rot werden, wenn man verliebt ist. Aber Gefühle vergehen doch so schnell wieder. Jetzt bin ich müde und schlecht gelaunt, morgen wieder himmelhochjauchzend. Aber ich weiß, dass der andere mehr wert ist, als ihn von meinen schwankenden Gefühlen abhängig zu machen. Ich weiß, dass er gut ist, dass er liebenswert ist, auch wenn ich mich nicht immer kribbelig mit ihm fühle. „Wie kannst du das, was du fühlst, in diese Welt hinein nehmen, die du siehst. Wie kannst du deine Liebe konkret machen? Mit einer bewussten Entscheidung. Dann ist die Liebe nicht mehr nur so schön wolkig. Damit setze ich hinter meine Liebe einen Willen, und zwar mein Ja! „Ein Ja, das nicht mehr von der momentanen Gefühlslage abhängt. „Zu meiner ganzen Person hat jemand Ja gesagt. Egal was ist, ich weiß, das gilt.“ In guten und bösen Tagen, Gesundheit und Krankheit.

So eine Entscheidung, schon so jung zu treffen, ist doch gewagt, auf jeden Fall aber selten. Nur halten Flurina und Gregor nichts von Zeitvorgaben. „Es kommt ja nicht darauf an, wie alt du bist! Ob du jetzt 30 bist und dich entscheidest, zu heiraten, oder 25. Ich seh das Problem nicht“, Gregor ist dieser Einwand wirklich unverständlich. „Warum warten, wenn du das Glück auch schon heute haben kannst?“ Auch für Flurina ist es ein Geschenk, das sie eben schon früh geschenkt bekommen haben.

Juhu-Gefühl zum ersten Hochzeitstag

Aber da ist noch etwas. Für immer ist halt schon sehr lange. Man weiß ja schließlich nie, was kommt. Aber das ist nicht der Punkt. „Wenn ich wirklich liebe, dann will ich, dass es für immer ist, das ist das Wesen der Liebe.“ Das ist der Punkt. „Wir haben uns entschieden, diese Liebe, die das Ewige will, zu versprechen, auch wenn das Juhu-Gefühl mal weg sein sollte.“ Das heißt nicht, dass die beiden irgendwann damit rechnen, sozusagen auf dem Trockenen zu sitzen und sich dann an eine tote Entscheidung halten zu müssen, die sie irgendwann einmal getroffen haben. „Ich glaube nicht, dass das Gefühl der Liebe dann irgendwann halt weg ist und man sich nur noch mit der Entscheidung für den anderen begnügen muss. Wenn beide dranbleiben, sich umeinander bemühen, sich nicht aufhören Zuwendung zu schenken und sich immer wieder von Neuem für den anderen entscheiden, bleibt die Liebe „spürbar“. Im Juni hatten die beiden ihren ersten Hochzeitstag, das Juhu-Gefühl steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

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EIN ARTIKEL VON
  • Anna Platter

    Seit 2012 bin ich glücklich und immer noch frisch verheiratet und lebe in Wien. Ich bin Mutter von zwei kleinen Männern, die meinen Alltag auf den Kopf stellen. Wenn die beiden Kerle schlafen, schlafe ich meistens auch. Wenn ich doch nicht schlafe, ist das eine gute Gelegenheit, meiner vernachlässigten Schreibertätigkeit nachzugehen.


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