15. Januar 2016

Der Hochzeitstag ist Anlass zum Rückblick

Hochzeitstag - meinefamilie.at

Es ist ein schöner Brauch, den Hochzeitstag zu feiern – und ein Anlass, auf die gemeinsamen Jahre zurückzuschauen.

In vielen Kulturen ist es ein alter und schöner Brauch, den jährlich wieder kehrenden Hochzeitstag immer wieder zu feiern. Dabei fällt den runden Jubiläen eine ganz besondere Bedeutung zu. Fünf, zehn, zwanzig, dreißig, fünfundzwanzig fünfzig und mehr Jahre gemeinsam unterwegs zu sein, gemeinsam verbrachtes Leben, schöne und schwere Zeiten, freudige Anlässe, aber auch Sorgen, Mühen und Differenzen, all dies fordert ein Rückblick und ist auch Grund zum Feiern für „in guten und in schlechten Tagen“ bestandener Ehejahre. Kinder, Enkel, Neffen und Verwandte warten gespannt darauf, dass wir endlich anfangen zu erzählen.

Der Evangelist Johannes schreibt im letzten Kapitel, dass, wenn man alles aufschreiben wollte, was Jesus getan hat, die ganze Welt die Bücher nicht fassen könnte(vgl. Joh 21, 25). Das mag auf den ersten Blick ziemlich übertrieben klingen. Aber je mehr wir über unseren gemeinsamen Lebenslauf nachdenken, dann kommen uns solche Formulierungen gar nicht mehr so unmöglich vor. Ja, wir könnten ganze Bücher darüber schreiben, auch über unser gemeinsames Finden und Entdecken, über die vielen Hindernisse bis zur unserer Hochzeit. Wenn wir das alles, was unser Leben ausfüllt, auf die Wände unseres Hauses schreiben wollten, würden auch diese vermutlich nicht ausreichen.

Unsere Hochzeit war eine Fahrt ins offene Meer

Schon vor Jahrzehnten hatten wir vor dem Altar ausdrücklich das Versprechen abgegeben, einander zu lieben, zu ehren, zu achten und die Treue zu halten. Damit haben wir eine Fahrt hinaus auf das offene Meer des Lebens angetreten. Da hat es Stürme und Orkane, Flauten und Stillstand gegeben. Hin und wieder mussten wir Kurskorrekturen vornehmen. Aber bei allem Wandel blieb das Ja-Wort, das wir uns gegeben hatten in dem Bewusstsein, dass Liebe nicht nur eine Gabe, sondern auch eine Aufgabe ist. Nicht nur ein Geschenk vom anderen und aus der Hand Gottes, sondern auch eine Verpflichtung, eine „Leistung“, die durch die Jahre hindurch erprobt werden wollte.

Nun schauen wir auf die gemeinsamen Jahre zurück, in denen wir uns dieser Aufgabe gestellt hatten. Wir durften durch unser Leben manchmal jungen Paaren und denen, die sich nicht trauen, sich für immer zu binden oder die eine schwere Enttäuschung hinter sich haben, Mut machen, sich trotz allem gemeinsam auf den gleichen Weg zu begeben. Weil es sich lohnt, das Abenteuer der Ehe zu beginnen, auf die Liebe zu bauen und darin eine tägliche Aufgabe zu sehen. Auch durch unsere Kinder, weil Kinder einen ganz wichtigen Teil des Glücks in einer Welt ausmachen, in der Kinder immer seltener werden. Es war kein Beginn, der zum Scheitern verurteilt war, sondern eine Aufgabe, die gelebt werden durfte, an der wir beide menschlich reiften und zu einem glücklichen und erfüllten Leben geführt wurden. Das Versprechen, einander zu lieben, hat unser Leben geprägt und ihm Konturen verliehen.

Startschuss für den nächsten Lebensabschnitt

Wie alle großen Ereignisse im Leben immer nur Zwischenetappen, markante Punkte zwischen zwei Wegabschnitten sind, so ist auch das Ehejubiläum nichts anderes als der Startschuss für den nächsten Lebensabschnitt, in dem es wieder gilt, erneut zusammenzuwachsen und das Leben zu zweit zu meistern. Im Ehesakrament hatte Gott uns zugesagt, dass er uns begleiten wird. Und er hat es durch all die Jahre getan. Deshalb wird gefeiert, um ihm Danke zu sagen. Auch weil zum Gelingen menschlichen Miteinanderlebens die Freude gehört, das Fest, das den Alltag übersteigt. Ein Fest aber kann man nur feiern, wenn man ein liebender Mensch ist; wenn man zu dem anderen Ja sagen kann.

Weil Gott zu jedem von uns beiden gesprochen hat: „Wie gut, dass es euch gibt!“ Dass ich dich getroffen habe, ist in der Tat ein wahres Geschenk Gottes: im täglichen Miteinander, in der gegenseitigen Achtung der Schwächen und Stärken des Partners, im Sich-Mühe-Geben, den anderen zu verstehen und ihm Freiraum zu lassen, in wichtigen Dingen einig zu sein, dem anderen bedingungslos vertrauen zu können, Kummer, Trauer und Sorgen gemeinsam zu tragen. Aus dieser Gewissheit heraus haben wir den Mut, unser Leben für die nächsten Jahre weiter zu gestalten; denn partnerschaftliche Liebe ist auch nach fünfundzwanzig oder fünfzig Jahren nicht erschöpft.

Ehe ist Unterwegssein

Ehe ist ein Unterwegssein. Als Frau und Mann stehen wir in einem schöpferischen Lernprozess. Die Hoffnung auf eine Vertiefung unserer Liebesbeziehung ist die Kraft, die uns immer wieder neu beginnen lässt. Aus der anfänglichen, willentlichen Bereitschaft zu lebenslanger Gemeinsamkeit wird eine reife, schenkende Liebe, die nicht einengt, sondern befreit. Und gerade dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind und ihre eigene Lebenswelt aufbauen, dürfen wir beide auf neue Weise unsere eigenen Beziehungen neu gestalten, die sich nicht mehr in erster Linie vom Muttersein und Vatersein her definieren.

Im Rückblick betrachte ich meinen Ehepartner mit neuen Augen. Ich bewundere in ihm die Person, die mir ihr volles Vertrauen geschenkt, die mit mir die Jahre geteilt hat mit allem, was sie gebracht haben. Und ich entdecke an ihm ganz neue Seiten, die ich durch die Hektik des Alltags übersehen hatte: In all diesen Jahren ist er viel gelassener, viel reifer, viel barmherziger geworden. Ich verliebe mich neu in ihn.

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EIN ARTIKEL VON
  • Karl-Heinz Fleckenstein

    Als ich das erste Mal 1981 eine Pilgergruppe ins Heilige Land führte, fand ich meine Ehefrau Louisa. Seit dieser Zeit führen wir gemeinsam Pilgergruppen auf die Spuren der Bibel. Als Theologe und Reiseleiter fand ich hier auch meine “wahre” Heimat.


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