28. April 2020

Erziehung durch Beziehung: Bindungsorientiert heißt nicht grenzenlos

Beziehung statt Erziehung: Bindungsorientiert heißt nicht grenzenlos

Antiautoritär, oder bindungsorientiert. So erziehen wir unser Kind. Erziehen ist dabei auch nicht das richtige Wort. Ich sage eher, wir begleiten und leben ihm vor.

Skeptische Blicke bin ich schon gewohnt. Doch trotz dieser „Erziehung“ auf einer Augenhöhe, isst unser brav Kind am Tisch, wäscht sich regelmäßig die Hände, zieht sich selber an, grüßt andere und sagt „bitte“ und „danke“. Mit seinen 3 Jahren.

Bindungsorientiert und antiautoritär?

Sage ich bindungsorientiert oder antiautoritär, erscheinen bei vielen Menschen im Kopf Bilder von unerzogenen Kindern, die alles dürfen, keine Grenzen kennen und nicht wissen „wohin mit sich“, weil sie mit dieser Freiheit völlig überfordert sind. Man spricht von unerzogenen und verwöhnten Kindern.

Doch eines möchte ich klarstellen: Bindungsorientiert heißt nicht, dass mein Kind alles darf. Ganz im Gegenteil.

Mein Kind kennt Grenzen, akzeptiert sie (seinem Alter entsprechend) und wenn er mit einem „nein“ gerade nicht so gut klar kommt, ist er damit nicht alleine. Denn ich bin für ihn da. Ich bewerte ihn nicht anhand seines Verhaltens, sondern ich liebe ihn grenzenlos. Nicht nur, wenn er sich so benimmt, wie ich es gerne hätte.

Doch was bedeutet es im Einzelnen?

Liebevolle Grenzen

Es gibt Grenzen, die mir wichtig sind. Es gibt aber auch Grenzen, die von meinem Mann als absolut notwendig angesehen werden. Und dann gibt es noch gewisse gesellschaftliche Normen, die das Zusammenleben von vielen Menschen einfacher machen. Klar, bis zu einem gewissen Grad ist mir egal, was Menschen von mir denken. Trotzdem möchte ich sie nicht beispielsweise mit einem lauten Geschrei stören. Manche Grenzen wurden uns auch in die Wiege gelegt und viele davon habe ich persönlich verworfen. Weil sie mir nicht als sinnvoll erscheinen.

So war mein erster Schritt auf dieser Reise unsere Grenzen abzustecken und zu sagen, das wollen wir innerhalb unserer Familie akzeptieren und das nicht.

Doch so einfach war es auch wieder nicht

Grenzen zu setzen ist eine Sache, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden, eine andere. Denn von einem zweijährigen Kind zu erwarten, dass es am Tisch sitzen bleibt, bis alle fertig gegessen haben, wäre ziemlich unrealistisch. Auch das Finden der richtigen Grenzen war eher ein Prozess. Und dieser Prozess ist noch immer nicht komplett abgeschlossen, aber dazu später.

Nein, wir sind keine Hobbypsychologen

Anfangs haben wir also unsere Grenzen definiert und uns vor Augen gehalten, dass diese nicht von erster Minute an auch absolut sicher eingehalten werden. Als eine große Hilfe waren uns viele Kenntnisse über die kindliche Reife und Entwicklung, die wir uns nach und nach angeeignet haben. Nein, wir sind keine Hobbypsychologen. Aber bevor ich meinen Hund gekauft habe, habe ich alles über die Rasse und die geeignete Erziehungsmethode gelesen. Wieso soll ich mich also auf mein Kind nicht vorbereiten?

Ich habe viel gelesen, gelernt und geschaut, was ich wie am besten und absolut kindergerecht durchsetzen kann. Klar, so ein Setzen der Grenzen ist gerade für entdeckungsfreudige Kleinkinder eine frustrierende Sache.

Doch genau an diesem Punkt ist die bindungsorientierte Erziehung so wunderschön. Sie lässt das Kind mit seinem Frust nie alleine. Sie bestraft das Kind nicht für seine natürliche Reaktionen.

Sie lässt uns Eltern in dieser Beziehung so sehr wachsen und gleichzeitig stärkt sie die Liebe zwischen dem Kind und den Eltern so spürbar, wie sonst nichts anderes. Das kann ich nach 3 Jahren und der allbekannten „Trotzphase“ ganz offen sagen. Und was für mich noch dafür spricht, ist die Tatsache, dass es viel einfacher ist geduldig zu bleiben, wenn ich weiß, warum mein Kind so reagiert und was dahinter steckt.

Bis hierher und nicht weiter

Kommen wir aber noch ganz kurz zurück zu der Grenzsetzung. Wie entscheide ich, welche Grenzen mir wichtig sind?

Rede mit deinem Partner, hinterfrage dich und ihn ganz kritisch. Warum ist es so wichtig? Was passiert, wenn mein Kind im Matsch spielt? Warum soll es nicht im Bett hüpfen dürfen? Wieso muss es den Großeltern immer einen Kuss geben? Was sind wirklich wichtige Dinge und was wurde uns so beigebracht und wurde deshalb bis heute nicht hinterfragt?

Mein Kind darf „nein“ sagen

Für mich war absolut wichtig, dass mein Kind „nein“ sagen darf und dieses „nein“ auch akzeptiert wird. Außer es geht um wirklich wichtige Dinge. Dann bin ich bereit mit meinem Kind zu reden und zu erklären, bis es mir zustimmt. Und wisst ihr was? Es stimmt zu! Und zwar fast immer. Nein, keine endlosen Diskussionen mehr. Das war vielleicht früher. Aber ich bin sehr kooperativ und mein Kind ist es auch geworden. Ohne Erziehen und maßregeln. Es lernt von mir.

Ich lasse es manchmal auch mit mir diskutieren und verhandeln. Ich gebe zu, wenn meine Anforderungen doch unsinnig waren. Und das Wichtigste: Wir haben gelernt, unsere Grenzen zu verschieben, wenn wir diese mit der Zeit als doch unnötig bewerten. Das Leben ist ja auch kein statisches Bild: Wir bewegen uns, wir entwickeln uns weiter und so verändert sich auch unsere Familie und das Zusammenleben darin.

Grenzen zu setzen, diese laufend zu überprüfen und zu optimieren, ist eine spannende Aufgabe. Die Kinder dabei liebevoll anleiten, begleiten und ihnen zur Seite zu stehen, wenn sie gerade nicht so wollen, wie wir es gerne hätten, ist eine einzigartige Herausforderung. Wenn man sich allerdings die Mühe macht, wird nicht nur die Beziehung zum Kind gestärkt, sondern auch das persönliche Wachstum schreitet mit großen Schritten voran.

Doch auch in der bindungsorientierten Erziehung gilt – niemand ist perfekt. Setze dich nicht zu viel unter Druck. Wenn du überreagierst und einen schlechten Tag hast, ist es normal und menschlich. Habe keine Angst dich zu entschuldigen. Auch dabei bist du ein tolles Vorbild für dein Kind. Und versuche es beim nächsten Mal besser zu machen.Wir sind alle nur Menschen und Fehler gehören dazu. Auch das lernen deine Kinder von dir. Also sei nicht zu streng mit dir.



EIN ARTIKEL VON
  • Mirka Huber

    Ich bin Journalistin und seit 2016 Mama von einem Jungen. Seitdem ist mein Leben erfüllter denn je. Meine kleine Familie ist wie eine Ruheinsel, denn neben Beruf und Familie betreue ich noch eine Pfadfindergruppe. Meine Freizeit verbringe ich gerne mit Lesen, in der Natur, mit Freunden oder Sport.


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