31. Oktober 2019

Still geboren – wenn aus Trauer Hoffnung wird 

Still geboren – wenn aus Trauer Hoffnung wird

Still geboren. So werden Kinder genannt, die während der Schwangerschaft versterben. Zurück bleiben trauernde Familien und ein ratloses Umfeld – ein klassisches Tabuthema, das viele betrifft. Wie hat sich der Umgang damit verändert und welche Angebote stehen Hinterbliebenen zur Verfügung?

Tränen. Viele Tränen. Taschentücher. Vorrangig schwarz gekleidet versammeln  sich junge Paare und Familien, ingesamt mehr als 40 Personen an diesem Freitagnachmittag am Salzburger Kommunalfriedhof.

Trauer liegt in der Luft

Niemand hält sie zurück. Menschen liegen sich in den Armen. Es ist nicht irgendein Begräbnis. Die Familien, die hier hergekommen sind, trauern um ein Kind. Ein Kind, das während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt gestorben ist.

Sie wurden „still geboren“, im Landeskrankenhaus Salzburg (SALK). So eine Trauerfeier für sie findet dreimal jährlich statt. Organisiert vom Team der Krankenhausseelsorge der SALK und dem städtischen Friedhof.

Heute ist die von der Stadt 2004 errichtete Eckgruft mit Blumen geschmückt, auch ungewöhnlich ist das Grabmal, das alles andere als leer und karg ist. Zahlreiche bunte Erinnerungsstücke, von kleinen Spielzeug-Autos bis Babyrasseln aber auch Blumen und vor allem zahlreiche steinerne Engel stehen auf der Grabplatte.

Namen, Geburtstage und viel zu frühe Sterbedaten erinnern an das Schicksal der Familien.

Wegen der Fülle an Dingen und Laternen ist man schon auf den Platz um das Grab ausgewichen, wo sich allerhand angesammelt hat.

„Es braucht Mut, dass Sie heute hier sind“

„Es braucht Mut, dass Sie heute hier sind“, sagt Caroline Kremshuber in ihrer Begrüßung. Sie ist Krankenhausseelsorgerin und organisiert die Trauerfeier.  Gemeinsam mit der Ehrenamtlichen Gerti Schmid und der evangelischen Pfarrerin Barbara Wiedermann führt sie durch die Feierlichkeiten. Kremshuber spricht immer von Stillgeborenen. Medizinisch unterscheidet man zwischen Fehl- und Totgeburt: Unter einer Fehlgeburt (Abort) versteht man ein totgeborenes Kind mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm vor der 24. Schwangerschaftswoche. Nach der 24. Schwangerschaftswoche wird von einer Totgeburt gesprochen.

„Für beide Elternteile ist das eine Schocksituation“, sagt Kremshuber im Gespräch mit mir. „Es dauert auch, das zu realisieren und anzunehmen.“ Sie begleitet und betreut Familien in der unmittelbaren Situation. Besonders wichtig sind darin die Rituale. Kremshuber macht mit den Familien Namensgebungsfeiern – am Krankenbett oder je nach Zustand der Mutter und Anzahl der Beteiligten im interreligiösen Gebetsraum des Krankenhauses.

Viele Gefühle gleichzeitig

„Gemeinsam mit den Familien und den Geschwisterkindern, wollen wir das kleine Leben würdigen und das feiern, was in dieser kurzen Zeit da ist. Rituale sind deshalb wichtig, weil hier so vielfältige Gefühle zugleich nebeneinander stehen, die man gar nicht formulieren kann: die große Traurigkeit aber auch der Stolz, eine Geburt geschafft zu haben oder die Freude, dem Kind doch zu begegnen.“

Unterstützt werden diese Rituale mit Dingen, die Kremshuber dabei hat. Zum Beispiel  produziert die Initiative „Sternenbärchen“ kleine Seelentröster. Das sind genähte Stoffbären, erkennbar an einem kleinen Stern, der sie anstatt eines Herzens an der Brust ziert. Die Sternensymbolik ist hier nicht zufällig, weil man Kinder, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben, auch als „Sternenkinder“ bezeichnet.

Den Eltern gibt Kremshuber solche Bärchen mit. Eines bleibt oft beim Kind und das andere behalten sich die Eltern, auch Schlüsselanhänger gibt es.

„Das Sternchen hat einen Wiedererkennungswert, man weiß Bescheid, wenn man selber betroffen ist und wer anderer sieht es vielleicht gar nicht.“

Die Erinnerung an das eigene Kind wachhalten

Allgemein appelliert die Theologin, die Erinnerung an das eigene Kind wachzuhalten. In einer Erinnerungsbox kann beispielsweise alles gesammelt werden – vom Ultraschallbild und Mutter-Kind-Pass bis hin zu Fotos, Fußabdruck und Kuscheltier. „Und doch ist es gut, wenn es einen Platz hat und bewusst gelenkt wird, wann ich es ansehen möchte.“ Nach der Erfahrung Kremshubers hat sich der Umgang mit dem Thema Fehl- und Totgeburt stark verändert.

Elternpaare werden inzwischen gemeinsam in einer Klinik aufgenommen, die Thematik nicht mehr so tabuisiert. Im Krankenhaus sei das Zusammenspiel von Ärzten, Hebammen, Psychologen, Pflege und Seelsorgeteam vorbildhaft sensibilisiert.

Eine Glaubenskrise

Der Schicksalsschlag stelle das Glaubensleben, das Gottesbild auf den Kopf und bedeute oftmals auch eine Glaubenskrise, sagt Kremshuber.

„Einerseits ist die Frage, warum das passiert, sicher auch an Gott gerichtet. Aber zugleich gibt es den starken Wunsch, dieses Kind, für das man selber nicht mehr sorgen kann, Gott anzuvertrauen.“

Die Aufgabe von Kirche sieht sie hier ganz klar: „Die Einstellung, Leben zu würdigen, egal wie groß oder klein ein Mensch ist, und Menschen so zu begleiten und zu unterstützen, wie sie es jetzt in der Situation brauchen, ist für mich eine jesuanische Haltung.“

Am Friedhof ist es still. Gitarrenmusik erklingt zwischen rührenden Segenstexten und biblischen Trostversen. Niemanden lässt die Stimmung hier kalt, wo man hinsieht, werden die eigenen Erinnerungen an das unsagbar Erlebte wach – auch  mir blitzen Bilder meines toten Babys im Ultraschall auf.

Was hilft?

„Richtig“ in der Situation ist alles, was gut tut. Einsamkeit oder Gesellschaft, Ablenkung oder Trauerstunden. Es tat gut, das Schicksal mit meinem Mann als gemeinsames anzunehmen und die Sache auch zusammen durchzustehen. Bei unserem zweiten Sternenkind, war erste Hilfe auch durch den Klassiker von Hannah Lothrop gesichert:

Das Buch „gute Hoffnung, jähes Ende“ stabiliserte meine Gefühlswelt, weil es mich aufklärte und tröstete, mit der Zusicherung, nicht allein mit meinem Schicksal zu sein. Auch mein Umgang wurde immer offener, bis hin zu diesem Artikel. Bis heute bin ich überrascht, wie viel von Sternenkind-Eltern mit ähnlichen Erfahrungen zurückkommt.

 



EIN ARTIKEL VON
  • Lisa Maria Schweiger-Gensluckner

    Ich bin Theologin und Journalistin, als Pressereferentin und Redakteurin in der Erzdiözese Salzburg bestimmen Medien meinen Berufsalltag. Das Leben in meiner Familie mit meinem Mann und meiner Tochter (2) sind der willkommener Ausgleich. Kindskopf war ich schon immer – ich singe den Soundtrack von Disneyfilmen nach und zitiere Janosch-Geschichten. Schreiben will ich über das, was mich beschäftigt in meinem kurzweiligen Familienleben.


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