26. Juli 2019

Wenn Kinder mehr fühlen: Hochsensible Kinder verstehen


Ein überfülltes Klassenzimmer, ein Einkaufsbummel in der Stadt oder große Menschenansammlungen erschöpfen sie schneller als andere. Ungerechtigkeiten gehen ihnen tief unter die Haut. Sie nehmen Dinge intensiver wahr, leiden schneller unter Stress, Lärm oder zu hellem Licht. Sätze wie „Jetzt sei doch nicht so empfindlich!“, „Stell dich nicht so an!“, „Du bist zu zimperlich!“, „Heul nicht schon wieder!“ kennen sie nur allzu gut – sie, die hochsensiblen Kinder (und Erwachsenen).

Der Begriff „Hochsensibililtät“ hat sich erst seit kurzem in unserer Gesellschaft etabliert und immer mehr Psychologen, Forscher und Therapeuten beschäftigen sich intensiv damit – was für hochsensible Menschen (oder High Sensitive Persons genannt) ein wahrer Segen ist. Viele Menschen wissen nicht, dass sie hochsensibel sind und leiden darunter, weil sie sich „anders“, „nicht richtig“ und als Außenseiter fühlen. Doch alleine schon das Wissen um die eigene Begabung kann eine große Erleichterung für die Betroffenen sein.

Auch Eltern von hochsensiblen Kindern können von dem Wissen der Hochsensibilität profitieren. Denn dadurch lernen sie ihre Kinder und deren Bedürfnisse besser zu verstehen.

Was bedeutet Hochsensibilität genau?

Hochsensibel zu sein bedeutet, unterschiedliche Empfindungen besonders stark wahrzunehmen. Dies hängt damit zusammen, dass das Nervensystem bei hochsensiblen Menschen sensibler ist als bei anderen. Äußere Reize, Sinneseindrücke, Gefühle und Körperempfindungen werden stärker und ungefiltert wahrgenommen. Das heißt, dass High Sensitive Persons zum Beispiel Lärm, Gefühle oder Gerüche intensiver wahrnehmen und dementsprechend mehr Zeit für die Verarbeitung brauchen. Ihre Sinne sind sozusagen „hellwach“: Sie hören sehr gut, weshalb sie lärmempfindlich sind und unter lauten Geräuschen leiden.

(c) iStock

Ihre Augen reagieren sehr wachsam und verweilen bei Details; sie nehmen Gerüche intensiver wahr; ihr Geschmackssinn ist ausgeprägter und ihre Haut empfindlicher, sodass sie teilweise bestimmte Gewandstoffe nicht „aushalten“. Welcher Sinn am ausgeprägtesten ist, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.

Ein weiteres Merkmal von Hochsensiblen ist zudem, dass sie über eine Art sechsten Sinn verfügen und Dinge wahrnehmen können, die wir uns mit unserem Verstand nicht erklären können. Die Autorin Susan Marletta-Hart bezeichnet dies in ihrem Buch „Leben mit hochsensiblen Kindern – Bewusst unterstützen, einfühlsam erziehen“ als das Wahrnehmen von Energien. Das bedeutet zum Beispiel, dass hochsensible Menschen sich in einem Raum unbehaglich fühlen, ohne zu wissen, wieso. Oder Gefühle anderer spüren. Wobei hier das Problem auftreten kann, dass sie nicht wissen, ob es ihre eigenen Emotionen sind, oder die ihres Gegenübers. Hinzu denken sie gerne über tiefgehende Fragen nach, wie den Fragen  nach dem Sinn des Lebens.

Hochsensibel zu sein, heißt aber nicht, besser, oder schlechter zu sein als ein normal sensibler Mensch, sondern, dass High Sensitive Persons wie alle Menschen eine besondere Begabung haben. Ihre Gabe liegt eben darin, dass sie besonders feinfühlig sind.

Ein Ruf nach Hilfe

Unsere Tochter Valerie ist auch ein sehr feinfühliges Mädchen. Dies erwies sich beim Kindergarteneinstieg als große Herausforderung. Ihr machte vor allem der Lärm zu schaffen. Sie hielt sich oft die Ohren zu und wenn sie vom Kindergarten heim kam, zog sie sich immer ihr Gewand aus (als müsse sie etwas ablegen). Danach wollte sie einfach nur eine Ruhepause haben. Bekam sie diese aus irgendeinen Grund nicht, wurde sie sehr weinerlich und zornig. Dies ist für das Verständnis von hochsensiblen Kindern sehr wichtig zu wissen: Haben sie nicht die nötigen Pausen und Rückzugsmöglichkeiten um alle Reize zu verarbeiten, kann es zu Reizüberflutungen kommen. Je nach Charakter des Kindes können diese Reizüberflutungen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.

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Während die einen dazu neigen, sich in sich zurückzuziehen oder sich nur mehr verstecken zu wollen, beginnen andere laut zu schreien, oder gar wild zu toben. Wir Eltern, Kindergartenpädagogen, Lehrer sollten daher sensibel werden für die Bedürfnisse von hochsensible Kinder. Kindergarten und Schule können große Herausforderungen für High Sensitive Persons sein, da sehr viele Eindrücke ungebremst für mehrere Stunden auf die Kinder einwirken. Kommt es zu einer heftigen Reaktion, dann sollte dies als Hilferuf wahrgenommen werden.

Was Hochsensible Kinder nun konkret brauchen

Das Wichtigste für hochsensible Kinder ist, in ihren Empfindungen ernst genommen und somit zugleich angenommen zu werden. Oftmals haben hochsensible Kinder ein sehr niedriges Selbstwertgefühl. Sie brauchen Bestätigung, Ermutigung, Liebe und Sicherheit von ihren Bezugspersonen. Ihnen muss das Gefühl vermittelt werden, dass sie richtig sind, so wie sie sind und dass sie sich nicht anpassen müssen. Dass sie die Freiheit haben, ihre Sensibilität entfalten zu dürfen und dass sie lernen, wie sie damit umgehen können. Sie sollen ihre Stärken erkennen, die meist in ihrer Fürsorge, Einfühlsamkeit und ihrem starken Verantwortungsbewusstsein für Mensch, Tier und Umwelt liegen.

Weiter ist es wichtig, dass hochsensiblen Kindern immer wieder Rückzugsorte und Ruhepausen geboten werden und ihnen Geduld entgegengebracht wird.

Hinzu benötigen hochsensible Kinder die Ermutigung, sich gegen andere wehren zu dürfen und klare Grenzen zu setzen.

Wer konkrete, praktische Übungen für die Stärkung von hochsensiblen Kindern sucht und sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich das bereits oben genannte Buch „Leben mit hochsensiblen Kindern – Bewusst unterstützen, einfühlsam erziehen“ von der Autorin Susan Marletta-Hart.



EIN ARTIKEL VON
  • Doris Dolezal

    Mit Herz, Hirn und Humor versuchen mein Partner und ich den Alltag mit unseren zwei wundervollen Mädels (8 Jahre und 5 Monate) und unserem Kater zu meistern. Doch nicht nur in der Familie sammle ich die unterschiedlichsten Erfahrungen mit Kindern, auch in meinem Beruf als Religionspädagogin.


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