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Spiegel der Gefühle

Wenn Bezugspersonen in Interaktion mit dem Kind treten und auf seine Äußerungen und sein Verhalten reagieren, ermöglichen sie eine wachsende Sicherheit in der Wahrnehmung und Zuordnung noch unklarer Empfindungen der inneren Verfassung des Babys. In der sogenannten Affektspiegelungstheorie spricht man von „primary awareness“, also von unbewussten, vagen Empfindungen des Babys, aus denen erst durch Spiegelung der Gefühle bewusste Emotionen werden.

Gelungene Affektspiegelung in drei Schritten

  • Die Bezugsperson ist wie ein Spiegel: Die Mutter oder der Vater bilden den Gefühlszustand des Kindes (Hunger, Angst, Langeweile, Schmerz …) in übertriebenere Art und Weise über Mimik, Gestik, Stimme ab.
  • Durch die übertriebene Darstellung (zum Beispiel spiegelt die Mutter die Angst des Babys mit besonders übertriebener Stimme und Betonung und sehr kummervoller Mimik), die aber keine Folgen zeigt (Mutter weint oder zittert nicht) erkennt der Säugling, dass das Gefühl der Bezugsperson nicht „echt“ – also nicht ihres – ist, sondern nur gespiegelt wird.
  • Das Baby kann dadurch den gespiegelten Affekt auf sich beziehen und lernt über viele solcher Interaktionen, die anfangs noch vagen Empfindungen zuzuordnen. Es lernt dann zum Beispiel, dass sich Hunger so anfühlt und Angst wieder anders. Gefühle auf diese Art zuordnen zu können, ist die Grundvoraussetzung, um sie regulieren zu können – also Strategien zu entwickeln sich selbst zu beruhigen oder Hunger zu artikulieren …

Das ist nun also die wissenschaftliche Erklärung dafür, warum wir, sobald wir ein Baby sehen, in die sogenannte Ammensprache oder den Baby-Talk verfallen, unsere Augen weit aufreißen und alberne Geräusche von uns geben. Die Natur ist clever! Die Ammensprache ist – wenig überraschend – ein weltweites Phänomen (überall auf der Welt sprechen vor allem Mütter, aber auch Väter auf eine ganz besondere Art und Weise mit ihren Babys und bedienen damit zum einen die Affektspiegelung und zum anderen die Sprachförderung.

Im nächsten Beitrag geht es um das Rollen- oder Symbolspiel und seine Bedeutung für die Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit. Ein spannendes Thema – sei dabei!

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Iris van den Hoeven :