22. Juli 2018

Kindererziehen ohne Angst

erziehen ohne angst - meinefamilie.at

Für vielen Eltern lauern in nahezu allen Alltagssituationen Gefahren für ihre Kinder. Diese Ängste müssen nicht sein und sollen schon gar nicht unsere Kinder in ihrem Vertrauen auf ihre Fähigkeiten einschränken.

Angst kennen wir alle. Herzrasen, zittern, wild um sich kreisende Gedanken, eine Enge in der Brust. Wir sind wie erstarrt, wütend oder wollen davonlaufen. Angst ist ein heftiges Gefühl, eine körperliche Reaktion, die uns vor Gefahren schützen soll und sie hilft uns dabei, Risiken einzuschätzen und gering zu halten. Sie ist ein angeborenes Warnsystem, das sowohl unser Leben als auch unsere Integrität erhalten soll.

Warum aber ist Angst ein schlechter Ratgeber, wenn es um die Erziehung von Kindern geht?

Angst richtet unseren Blick auf die (vermeintliche) Bedrohung und schränkt unsere Wahrnehmungsfähigkeit ein. Wir sind nur mehr darauf fokussiert, der Gefahr zu entkommen. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, alle vorhandenen Möglichkeiten zur Entscheidungsfindung in Anspruch zu nehmen. Dabei sind Gefahren im familiären Alltag sehr selten so bedrohlich, dass  sofortiges Handeln notwendig ist. Es sind aber oft viele alltägliche Dinge, die uns Angst machen. Und dann reagieren wir mit Ärger, mit Grenzen setzenStrafen androhen, Verboten und Einschränkungen. Und ab und an, wenn wir uns gar nicht mehr anders zu helfen wissen, vielleicht auch mit körperlicher Gewalt.

Die Liste unserer Entscheidungen, die aus Angst heraus getroffen werden, ist unendlich. Die Angst lässt uns keine Chance, alle verfügbaren Informationen und Handlungsalternativen anzudenken, zu prüfen und dann zu entscheiden, sondern beschränkt uns auf das sofortige vermeiden wollen der vermeintlichen Bedrohung. Vielleicht fühlen wir uns nicht einmal bedroht, sondern es ist nur ein Automatismus, der durch die in der eigenen Kindheit selbst erfahrene Erziehung und Sozialisierung anspringt.

Reale Bedrohung oder nur eine Folge von Erziehung?

erziehen ohne angst2 - meinefamilie.at

Es gibt ein interessantes Experiment mit Affen. Dabei geht es um die unbewusste Übernahme bestimmter Verhaltensmuster.

Fünf Affen sitzen in einem Käfig. In der Mitte steht eine Leiter, an der sich oben Bananen befinden. Wenn ein Affe die Leiter hinaufklettert, um an die Bananen zu kommen, werden alle anderen Affen nass gespritzt. Es dauert nicht lange und die Affen schlagen jeden Artgenossen, der versucht, die Leiter hinaufzuklettern. Dann wird ein Affe ausgetauscht. Der neue Affe weiß nichts vom Wasser und der Reaktion der anderen darauf. Er klettert auf die Leiter und wird von den anderen Affen davon abgehalten. Er hat keine Ahnung, warum die anderen Affen so agieren, macht aber ebenfalls beim Schlagen mit, als der nächste Affe durch einen neuen ausgetauscht wird und versucht an die Bananen zu kommen. Irgendwann sind alle fünf Affen ausgetauscht. Alle fünf wurden nie mit Wasser bespritzt, wurden aber alle aggressiv, wenn einer versuchte auf die Leiter zu steigen. Alle Affen hatten Angst vor der Konsequenz, obwohl sie diese Konsequenz selbst nie erfahren haben und nicht wussten, was dieses Verhalten ausgelöst hatte. Dennoch blieb diese Schutzreaktion, obwohl es gar keine Gefahr mehr gab.

Keine Angst haben oder diese ignorieren?

Nein, es ist wichtig alle Ängste und Sorgen ernst zu nehmen, sich bewusst zu machen und zu kommunizieren –  aber auch zu reflektieren.

Die Gründe für Ängste und daraus resultierenden Handlungen sind sehr vielfältig. Es ist wichtig, sich die Zeit zu nehmen, sich mit ihnen näher zu befassen. Sie erzählen viel über uns und unsere innere Haltung. Erst dadurch haben wir die Möglichkeit, unsere tatsächliche Motivation zu erkennen und die Ängste schließlich auch aufzulösen. Denn Angst ist kein guter Ratgeber, wenn es uns an Vertrauen in unser Kind und uns selbst fehlt.

Was können Sie tun, wenn Sie Angst haben?

  1. Herausfinden, wovor Sie Angst haben und woher sie kommt. Das geht mit folgenden Fragen:
  • Liegt der Angst ein persönliches Erlebnis zugrunde?
  • Habe ich Angst vor konkreten Gefahren? Davor, dass meinem Kind etwas passiert?
  • Habe ich Angst als Mutter/ Vater zu versagen?
  • Habe ich Angst vor Reaktionen und/oder Urteilen anderer?
  • Habe ich Angst, dass mein Kind versagt?
  • Habe ich Angst davor, dass mein Kind leidet?
  • Habe ich Angst vor den Reaktionen meines Kindes?
  1. Informieren Sie sich. Versuchen Sie sich ein vollständiges Bild vom Sachverhalt zu machen. Fakten schaffen Klarheit:
  • Habe ich Einfluss auf die Gefahr?
  • (Wie) kann ich das Risiko minimieren oder vermeiden?
  • Welche Alternativen gibt es?
  • Was ist das Schlimmste, das passieren könnte? Und wie bedrohlich ist das tatsächlich?
  1. Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Kind ein eigenständiger Mensch ist, der ein Recht auf eigene Erfahrungen hat:
  • Welchen Preis hat meine Angst?
  • Steht die Vermeidung meiner Angst im Verhältnis zur Einschränkung der Rechte meines Kindes?
  • Ist mir die Vermeidung meiner Angst wichtiger als die Selbstbestimmung, Autonomie und Integrität meines Kindes?
  • Ist mein Kind auch ängstlich? Von sich aus oder hat es das von mir gelernt?

Kinder in ständiger Gefahr?

Aus der elterlichen Angst heraus gefühlt sind Kinder immer und ständig in Gefahr. In allem steckt eine potenzielle Bedrohung. Und diese vermeintliche Gefahr wird gerne als Rechtfertigung für Verbote, Strafen und Einschränkungen genommen. Es ist aber absurd, dass ein Kind mit seinem Tun oder Nicht-Tun dafür verantwortlich sein soll, dass Eltern Angst haben. Natürlich müssen wir unsere Kinder vor tatsächlichen Gefahren schützen, aber dafür brauchen wir keine Angst, sondern bewusste Achtsamkeit und Verantwortung.

Angebot

Familienberatung finden

Geben Sie Ihrem Kind aus der Sicherheit ihrer Liebe und Zuwendung und im Vertrauen auf seine Entwicklung und seine Fähigkeiten die Möglichkeit, sich zu entfalten, indem es seine eigenen Erfahrungen in seinem eigenen Tempo machen darf. Das ist der beste Schutz gegen Angst.

  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON

Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at