6. Januar 2019

Kinder: Naive Realisten oder schon kleine Mentalisten?


Wer den Mentalisten aus dem Vorabendprogramm kennt, der hat sich vielleicht auch schon mal vorgestellt, wie das wohl so wäre mit einer solchen Begabung ausgestattet zu sein, die einen Hauch von Mystik mit besonderer Beobachtungs- und Kombinationsgabe vereint. Good news: Mentalisieren ist eine Fähigkeit, die sich in der Regel bis zum vierten, fünften Lebensjahr bei uns allen entwickelt. Doch was ist Mentalisierungsfähigkeit überhaupt?

Was ist Mentalisierungsfähigkeit?

Wer mentalisieren kann, ist in der Lage das eigene Verhalten und das der Mitmenschen bewusst wahrzunehmen, dabei Vorstellungen und mentale Aspekte wie Gefühle, Vermutungen, Hoffnungen, Überzeugungen, Wünsche, etc. einzubeziehen und zu interpretieren. Es ist mir dann also möglich, an meinem Verhalten oder dem der anderen zu erkennen, welche Gefühle, Absichten etc. zu einem bestimmten Verhalten geführt haben. Dann kann ich zum Beispiel erkennen, dass mein Freund den Bauklötzchen-Turm umgeworfen hat, weil er sich traurig und ausgeschlossen gefühlt hat, weil ihn vorhin jemand ausgelacht hat oder weil er wütend ist, da sein eigener Turm noch nie so hoch wurde. Mentalisierungsfähigkeit ist also die Basis um andere Menschen und mein eigenes Verhalten verstehen zu können.

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Kleine Kinder sind zunächst einmal alle naiv realistisch, das bedeutet, sie nehmen ihre Sichtweise auf die Welt als unverrückbare Realität an. Es ist ihnen noch nicht möglich zu erkennen, dass ihre eigenen Ansichten und Überzeugungen nur Annahmen sind, die zutreffend oder auch nicht zutreffend sein können.

Für einen unter Dreijährigen ist es ganz normal sich so hinter dem Vorhang zu verstecken, dass die Beinchen noch zu sehen sind. Das Kind sieht den Suchenden nicht, seine Realität ist allgemeingültig – wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht. Wenn wir mit einem Kind in diesem Alter gemeinsam Papas Socken heimlich im Kühlschrank verstecken und das Kind fragen „Was glaubt du, wo wird Papa wenn er heimkommt nach den Socken suchen?“ Dann kommt die Antwort „Im Kühlschrank“ (Mein Wissen ist Realität, dass andere über dieses Wissen eventuell noch nicht verfügen, ist mir noch nicht vorstellbar).

Für einen unter Dreijährigen ist es ganz normal sich so hinter dem Vorhang zu verstecken, dass die Beinchen noch zu sehen sind. Das Kind sieht den Suchenden nicht, seine Realität ist allgemeingültig – wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht.

Aber auch: Wenn ein Kind, das noch nicht mentalisieren kann, einen Ball im Wohnzimmer sucht und ihn nicht finden kann, wir ihn dann im Schuppen aufspüren, dem Kind geben und fragen „Wo hast du gedacht, dass dein Ball ist?“ wird es antworten „Im Schuppen“. Nicht weil es angeben oder schwindeln will, sondern weil sein jetziges Wissen (Ball war im Schuppen) Realität ist und dass die Vorstellung vorher eine andere war, ist nicht mehr mit dem jetzigen Wissen vereinbar. (Mein Wissen ist allgemeingültige Realität)

Ob ein Kind schon mentalisieren kann, ist übrigens ganz einfach festzustellen, mehr dazu und wie sich Mentalisierungsfähigkeit bildet, erfahrt ihr im nächsten Beitrag – Sei dabei!



EIN ARTIKEL VON
  • Iris van den Hoeven

    Als Mutter zweier Töchter, Erziehungswissenschaftlerin und Bloggerin sowie leidenschaftliche Referentin und Trainerin biete ich für Eltern und Pädagogen Seminare, Kurse und Vorträge sowie vieles mehr zu Themen der kindlichen Entwicklung an. Meine Begeisterung versprühe ich seit Dezember 2017 auch auf meinem Blog Blickpunkt Erziehung und auf Facebook.


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