27. Mai 2018

Besser, schneller, größer: Kinder unter Leistungsdruck

leistungsdruck kinder - meinefamilie.at

Wir leben in einer Welt, in der Perfektion erwartet wird. Der Druck ist groß und es ist erschreckend, dass dieser Druck bereits in dem Babyalter beginnt.

Vor allem wir Frauen sollen alles perfekt machen: eine tolle Karriere starten, den Haushalt im Griff haben, tolle Mütter, angenehme Partnerinnen am Tag und aufregende Verführerinnen in der Nacht sein. Dazu die Körperpflege und regelmäßigen Sport nicht vergessen. Damit die neueste Mode auch gut sitzt. Klingt das nicht ein wenig absurd?

Mein perfektes Baby

Ich beobachte, dass dieses Verlangen von Perfektion schon im Babyalter beginnt. Auf den ersten Blick unschuldige Fragen wie „kann er schon sitzen?“ oder „krabbelt er schon?“ führen zu einem Wettbewerb unter uns Müttern. Es gibt diese Vorstellungen und Tabellen, wann ein Baby was können sollte und die Babys werden kritisch betrachtet und oft auch motiviert, damit sie schneller voran kommen. Es beginnt mit Spielzeug, das wir unseren Babys vor die Nase halten, damit es danach greift und vielleicht auch robbt und endet mit umstrittenen Gehhilfen, die oft mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen. Doch woher kommt das? Dieses „mein Kind soll sich rechtzeitig, sogar vorzeitig entwickeln“?

Wer gewinnt?

Bevor ich Mutter wurde, wusste ich nicht, dass es ganz wichtig ist, dass mein Kind das größte, schwerste und schnellste Baby gleichzeitig wird. Mit seinen 2,5 Kilo und achtundvierzig Zentimeter war sein Start ins Leben eher beschaulich. „Das holt er schon nach“ habe ich öfters gehört. Ich machte mir da keine Gedanken. Denn ich kannte niemanden, der sein ganzes Leben 48 Zentimeter groß geblieben ist. Mir war also klar, er wird wachsen, zunehmen und sich ganz toll entwickeln. Er ist zwar bis heute eher schlanker Figur, aber er ist gesund und fröhlich, nur das zählt für mich. Nicht aber für viele anderen. Während manche ihre dicken Babys herum getragen haben und von dem überdurchschnittlichen Gewicht für das Alter stolz erzählten, genoss ich jeden kleinen Fortschritt meines Kindes. Und wunderte mich, dass mir oft gesagt wurde, dass es nicht schlimm ist, dass ich kein dickes Baby habe. Das wusste ich doch und verstand nicht, wieso ich bemitleidet wurde.

Zwischendurch kamen Fragen, ob er schon sitzen kann, oder krabbeln. Wenn ich nein sagte, folgte die Frage, ob er es nicht schon können sollte. Ich sagte immer, ich weiß nicht, wer es entscheidet, wann er es können soll. Für mich passte es, wie er war. Dann hörte ich, was andere Kinder schon alles können und dass manche schon mit 8 Monaten elektronische Geräte im Haushalt bedienen konnten. Nicht zu vergessen all die Babys, die mit 3 Monaten schon die Nacht durchschliefen und mit einem Jahr schon ganze Sätze geredet haben. Und ich fragte mich nur, wozu die Eile?

Nur keinen Stress

Mein Sohn robbte, bis er 11 Monate alt war und dann, von einem Tag auf den anderen hat er endlich gekrabbelt. Endlich? Wieso? Er war ein Meister im Robben und konnte es ganz toll. Ich fand es süß und lustig. Genauso wie sein Krabbeln auch einzigartig war.

Mein Sohn wagte „erst“ mit 15 Monaten die ersten Schritte, doch es war ihm nicht ganz geheuer und so lief er dann noch weitere 7 Wochen an meiner Hand und alleine machte er keinen Schritt. Wieder meldete sich diese Ungeduld der Menschen um mich herum: „Läuft er noch nicht?“ „Er fang schon irgendwann an!“ Und dann die absurdesten Tipps, wie ich ihn zum Laufen bringen könnte. Ganz ehrlich? Ich habe es genossen, dass er an meiner Hand lief. So musste ich nicht Angst haben, dass er sich verletzt oder auf die Straße läuft. Und dann, wieder von einem Tag auf den anderen, hat er meine Hand losgelassen und ich vermisse seine Hand noch immer. Klar, ich freue mich sehr und finde seine Schritte unglaublich süß, aber er ist nun wieder ein Stück weiter von mir entfernt. Wieder selbstständiger, wieder weniger abhängig. Und mir macht das Angst, dass die Zeit so unglaublich schnell vergeht. Um so weniger verstehe ich die Ungeduld anderer Eltern.

Freizeitstress und Überforderung

Mit niemals endenden Erwartungen müssen unsere Kinder scheinbar leben. Von jeder Seite höre ich das Gleiche.  Über Babys, die dies und das noch nicht können. Kaum jemand freut sich noch darüber, was unsere Kinder schon können. Es wird ständig nur darauf gewartet, was als nächstes kommt und ob es auch rechtzeitig kommt. Eltern vergleichen ihre Kinder und die Einzigartigkeit wird vergessen. Nervös recherchieren sie dann im Internet, wie sie ihre Kinder noch besser und schneller machen könnten.

Manche Eltern wollen es nicht, doch werden sie von der Familie und Freunden unter Druck gesetzt und verunsichert.  Als eine Bekannte ihre Kinder einfach nach eigenem Tempo entwickeln ließ, wurde sie von der ganzen Familie verteufelt, weil sie ihre Kinder nicht genug gefördert habe und sie mit 14 Monaten noch nicht liefen. Doch führt die sogenannte Förderung nicht eher zur Überforderung? Neulich sagte mir ein zehnjähriger Junge, dass er gestresst sei und keine Freizeit mehr hat, weil er von einem Kurs zum anderen gejagt wird. Er war nervös, müde und konnte seine Kindheit nicht genießen.

Ist das unser Ziel? Aus unseren Kindern leistungsstarke Maschinen zu machen?

Ich versuche Diskussionen darüber, was mein Kind schon kann, zu meiden. Ganz im Gegenteil. Beschwert sich jemand, dass sein Kind etwas noch nicht kann, versuche ich es entspannt zu sehen und die Eltern daran zu erinnern, dass Kinder ihre eigenen Talente und ein eigenes Tempo haben. Und das sollten wir akzeptieren. Wir sollten unseren Kindern mehr Gefühl von Einzigartigkeit geben. Wir sollen sie bedingungslos lieben und unterstützen, wenn sie es brauchen. Ohne Druck und Stress. Denn sie haben das Recht auf eine glückliche und unbeschwerte Kindheit.

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EIN ARTIKEL VON
  • Mirka Huber

    Ich bin Journalistin und seit 2016 Mama von einem Jungen. Seitdem ist mein Leben erfüllter denn je. Meine kleine Familie ist wie eine Ruheinsel, denn neben Beruf und Familie betreue ich noch eine Pfadfindergruppe. Meine Freizeit verbringe ich gerne mit Lesen, in der Natur, mit Freunden oder Sport.



3 Kommentare
  • Anonymous, 30. Mai 2018, 12:54 Antworten

    Ich habe diese Fragen nie gestellt, um mein Kind besser aussehen zu lassen. Für mich war bzw. ist es einfach eine Höflichkeit und auch Freude, danach zu fragen und sich zu freuen, wenn sich die Eltern freuten. Sicher auch, um zu vergleichen, weil man das erste Kind hatte und man unsicher war, ob alles okay ist. Auch habe ich, wenn ich diese Fragen gestellt bekam, nie das Gefühl gehabt, ich wäre im Wettbewerb. Ist wohl dann doch vielleicht eher immer das eigene Empfinden, wie man die Fragen hört.

  • Dan, 1. Juni 2018, 20:16 Antworten

    Schlimm, dieses Wettbewerbsstreben. Vor allem wenn es die Regenerationszeit der Kinder auffrisst. Dann kann das Kind nichts mehr wirklich verarbeiten. Auf der anderen Seite summiert sich die Förderung in kleinen Schritten nach einiger Zeit zu grossen Unterschieden. Ich denke in Finnland schaffen die den Spagat ganz gut. Gezielte Förderung in kleinen Dosen mit viel Zeit zur Verarbeitung.

    • Mimimi, 5. Juni 2018, 20:40 Antworten

      Das klingt spannend, können Sie mehr dazu schreiben, wie es in Finnland läuft? Danke.

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